Welzheim

Der erste Krämermarkt des Jahres in Welzheim ist ein voller Erfolg

kraemermarkt 01
Der Krämermarkt auf dem Welzheimer Kirchplatz erfreute sich am Mittwoch, 24. Juni, sehr großer Beliebtheit. Die Menschen strömten nach Welzheim, um im Freien einzukaufen. © Markus Metzger

„Soll diese Haarschere etwa jemals wieder Haare schneiden?“ – immer mit einem lockeren Spruch auf den Lippen entreißt Klaus Hörger freundlich seinen Kunden die in Stoff gewickelten Instrumente. Er ist ein gefragter Mann auf dem Markt für alles, das Schärfe braucht. Nein, kein Gewürzhändler, der mit höllisch brennenden Chilis und Pfeffersorten handelt. Klaus Hörger ist seit 30 Jahren Messer- und Scherenschleifer und wetzt seit zehn Jahren jede Klinge auf dem Krämermarkt.

Schon kurz nach halb neun stapeln sich Messer und Scheren mit stumpfen Klingen in Pappkisten, eine Menschenschlange steht an. „Wir warten immer auf ihn“, sagt Gerda Hess aus Welzheim und legt zwei Gartenscheren ab. „Sie rupfed nur noch, und ich sott’ dringend jetzt die Rasenränder schneiden“, meint sie. Die Erneuerung des Schärfegrads treibt viele her, die Schleifmaschine kommt kaum zur Ruhe - das erste Mal seit Corona.

„Die sind bestimmt von der Oma, das ist Solinger Standard“, erkennt der geübte Blick messerscharf, was eine Welzheimerin vor ihm ausbreitet. Bis zum frühen Nachmittag könne sie ihre sechs Messer abholen. Nächster „Patient“ sind zwei Haut- und Nagelscheren, die auch nicht mehr sauber laufen, wie die Frau sagt. „Ich kriege es noch mal hin, aber in einem Jahr lohnt es sich nicht mehr“, analysiert er den Zustand – denn je nach Alter und Qualität sei auch mit Schleifen irgendwann nichts mehr zu retten. „Ich schleife nur, was kein Lombagruschd ist“, sagt er energisch. Und lächelt sogleich wieder über die eigene „Schärfe“ seiner Ausdrucksweise. Denn natürlich versuche er, aus allem, was man ihm gibt, das Beste herauszuholen. „Manchmal mache ich dann noch einen zweiten Wellenschliff drauf, wenn es nicht mehr schneidet.“ Doch, auf ihn sei Verlass, sagt Beate Pässler-Unkauf aus Welzheim, auch sie Stammkundin. „Jedes Jahr lasse ich einmal schleifen, dann flutschen sie wieder durch die Tomaten durch.“

Ein beliebter Messer- und Scherenschleifer hat Stammkunden

Einmal aus dem Haus, biete sich der Tag an, eine Runde zu drehen. Der Markt habe sich in den Jahren kaum verändert: „Wir wissen gleich, wo wir suchen müssen“, meint Begleiterin Heike Hess, die immer Dauerbackfolie, Honig und Mikrofasertücher besorge. „Klar kann ich online alles kaufen, aber hier kriege ich noch Tipps vom Verkäufer und spare Verpackung“, hält sie dem Markterlebnis zugute. Unverwechselbar sei es auch, dass nicht das zielstrebige Abarbeiten einer Einkaufsliste im Mittelpunkt stehe: „Man kommt endlich mal wieder raus, sieht sich, kann bissle schwätzen und einen Kaffee trinken“, meinen sie.

Weil er sein Handwerk versteht und vor allem, weil er von Messern und Scheren viel versteht und seine Kommentare zu Nietenköpfen und Schliffarten immer freundlich und munter daherkommen, ist er so beliebt. Auch wenn sich Klaus Hörger nichts anmerken lässt, die Lage für den Krämer sei kein Spaß. „Es ist bedrohlich“, sagt er. Das, was überall geschrieben werde von Künstlern und Schaustellern, „das können Sie genau so übernehmen“, erklärt er der Berichterstatterin das Dilemma seiner Branche. Was ihn gerettet hat: „Ich habe eine tolle Kundschaft, die teilweise mehr überweist, als es kostet.“ Er sieht seinen Beruf in einer langen Tradition, ein Stück Lebenskultur sei in Gefahr: „Hier werden die Kunden noch beachtet, wir sind das größte Kaufhaus auf einer Ebene“, sagt er.

Marianne Knauß aus Schorndorf ist jedes Jahr in diesem Kaufhaus an der frischen Luft. „Ich komme extra wegen dem Stoffhändler her, er hat die beste Ware“, sagt sie. Zu nähen habe sie immer was: „Kinderkleider, ja, und dieses Jahr auch Mundschutz.“ Den tragen nicht alle auf dem Markt. Doch Brigitte Maier aus Hintersteinenberg und Enkelin Lilo halten sich an die Corona-Maßnahmen, als sie sich ins wühlige Markttreiben begeben. „Hier gibt es alles, und zum Abschluss essen wir ein Eis“, gibt sie die Pläne preis.

Tradition, Kultur, Nische - der Krämermarkt ist aus Sicht von Händler Toni Kipreos aus Fellbach die „Wiege des Handels“ und werde immer überleben. Vor allem weil in kleinen Gemeinden das Angebot an kleinen Läden fehle, die diese Vielfalt abdecken. Sein Metier sind Handyhüllen. „Auch für Geräte, für die es keine mehr gibt“, sagt er. Er sei „Nischenanbieter, besuche normalerweise 130 Märkte pro Jahr, dieses Jahr gehe es nur noch ums nackte Überleben. „Reihenweise werden Veranstaltungen abgesagt, das trifft uns hart.“ Von einer Wiederbelebung der Märkte könne nicht die Rede sein, der Krämermarkt in Welzheim bleibe bis auf weiteres die Ausnahme. Wichtig sei, aus der Krise zu lernen: „Hier hat es der Kunde mit kleinen Familienbetrieben zu tun, er kann sprechen, sich bewegen, hat frische Luft, das gibt kein Amazon“, sagt er.

„Es sind deutlich mehr Leute unterwegs als sonst um die Uhrzeit, vor allem ist es gut mit wirklichen Käufern besucht“, sagt Händler Edwin Czischek aus Wendlingen. Viele haben es abgesehen auf seine Schlager-CDs und Sampler wie „Alpenländische Stubenmusik“ und „Tiroler Abend“. Doch was ist das? Hörspiel-Kassetten? Ist das Deko oder kauft die jemand? Der Händler lacht: „Wir haben sogar viele junge Leute, die sich einen alten VW-Bus gekauft haben und dringend Kassetten brauchen.“

Auch Regine Schurr und ihrer Bekannten Annette, beide aus Welzheim, kommt es voller als sonst vor. „Ich brauche eine neue Wachstischdecke, die möchte ich vorher sehen, bin nicht so online“, sagt Annette. „Hier kriegt man noch richtige Socken und Unterwäsche“, meint Regine.

Die Sonne begleitet und bestrahlt das dichte Gedränge an den Ständen, die Pilz- und Bartbürste, Hosengummi, Messer, Naturseifen aus Alge, Orchidee, Geißblatt und Melone, Topf- und Pfannenbürsten, Putzstein und einen Multiquirl feilbieten. Bei Manfred Schultes aus Fichtenau können Socken erstanden werden. „Sieben Stück, pro Wochentag ein Paar, jedes ist mit dem Tag bestickt“, preist er eine Spezialität an, die er von Firmen extra produzieren lasse. Die Qualität sei ihm als Händler wichtig. „Bei uns gibt es nichts nach dem Motto ,Kaufen, waschen, wegwerfen’“, sagt er.

Viel Gelegenheit, die Socken an die Frauen- oder Männerfüße zu bringen, habe er dieses Jahr nicht gehabt. „Beschissen, wir konnten nichts tun in der Zeit“, wählt er drastische Worte für seinen Existenzkampf. Es gebe nichts zu beschönigen: „Normal hätten wir im Frühjahr 30 Märkte oder noch mehr gemacht, jetzt leben wir vom Eingemachten.“ Es wisse niemand, wie es weitergeht, auch was die Lieferung neuer Ware angehe. „Die Großhändler hängen ja mit am Tropf, wenn wir nichts brauchen.“ Für den Welzheimer Krämermarkt steht jedoch fest, dass die Corona-Pause gut war, denn so viele Besucher kamen schon lange nicht mehr auf den Kirchplatz.

„Soll diese Haarschere etwa jemals wieder Haare schneiden?“ – immer mit einem lockeren Spruch auf den Lippen entreißt Klaus Hörger freundlich seinen Kunden die in Stoff gewickelten Instrumente. Er ist ein gefragter Mann auf dem Markt für alles, das Schärfe braucht. Nein, kein Gewürzhändler, der mit höllisch brennenden Chilis und Pfeffersorten handelt. Klaus Hörger ist seit 30 Jahren Messer- und Scherenschleifer und wetzt seit zehn Jahren jede Klinge auf dem Krämermarkt.

Schon kurz

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper