Welzheim

Die Welzheimerin Elsbeth Sannwald feiert 100. Geburtstag: Das „Fräulein vom Amt“ aus Schorndorf

Hundert
Elsbeth Sannwald fühlt sich in ihrer Wohnung in der Senioren-Residenz sehr wohl. © privat

Am 17. März 1921 wurde Elsbeth Sannwald, geb. Volkmann, im Stuttgarter Osten geboren. Es waren damals unruhige Zeiten in der Weimarer Republik nach dem Ersten Weltkrieg. Der März 1921 ging in die Geschichte ein als Mitteldeutscher Aufstand, auch Märzaktion genannt. Eine von KPD, KAPD und anderen linksradikalen Kräften entfesselte bewaffnete Arbeiterrevolte in der Industrieregion um Halle, Leuna, Merseburg sowie im Mansfelder Land sorgte für Schlagzeilen. Die Aktion endete mit der Niederlage der Aufständischen, die zu einer zeitweiligen Schwächung der kommunistischen Partei beitrug.

1944 fielen auf ihr Zuhause im Stuttgarter Osten die Bomben

Von dem allen wusste die Neugeborene noch nichts. Aber die Zeiten wurden hart für das junge Leben. Der jüngere Bruder fiel im Zweiten Weltkrieg. Sie machte in einem großen Stuttgarter Kaufhaus eine kaufmännische Lehre. Im Krieg wurde sie zur Post dienstverpflichtet. Als 1944 der große Angriff auf Stuttgart war, wurde sie mit ihren Eltern ausgebombt. Eine Familie, die mit ihnen zusammen im Bunker Schutz gesucht hatte, nahm sie mit nach Kottweil in die Berglen, und von dort aus kamen sie über Beziehungen nach Schorndorf. Der Vater fand Arbeit im Rathaus und die Jubilarin eine Stelle beim Fernamt als „Fräulein vom Amt“ in Schorndorf. Durch ihre Fernamtstätigkeit hatte sie viel telefonischen Kontakt unter anderem auch nach Welzheim und kann sich dadurch auch noch an ganz viele alte Welzheimer erinnern. 1960 heiratete sie ihren Verehrer, der auch bei der Post arbeitete: Georg Sannwald, verwitwet mit zwei Kindern (ein Mädchen mit sechs Jahren und ein Junge mit 16 Jahren) sowie einem Schwiegervater im Schlepptau. Das Ehepaar blieb zunächst in Schorndorf, und die Kinder wohnten in Welzheim, in der Untermühlstraße. Der leibliche Vater und die verstorbene Mutter der Kinder betrieben im Nebenerwerb eine Wäscherei im Wohnhaus in der Untermühlstraße. Zu Beginn der Ehe hat Elsbeth Sannwald noch mit der großen Heißmangel gebügelt. Später wurde die Wäscherei aufgegeben, und sie arbeitete im Büro bei der Fa. Bauknecht.

In der Schumannstraße ein neues Haus gebaut

Als der Großvater starb, wurde das Haus in der Untermühlstraße verkauft, und die Familie zog zusammen mit den Großeltern aus Schorndorf in das neu gebaute Haus in der Schumannstraße 10 in Welzheim. Elsbeth Sannwalds Mutter pflegte ihre Eltern bis zum Tod.

Heute hat die Jubilarin sechs (Stief)Enkel, drei (Stief)Urenkel und einen (Stief)Pflegeurenkel und seit letzten Sommer noch einen Corona-Enkelhund. „Meine Mutter war nie eine Stiefmutter, sie war immer eine Mutter, und wir waren und sind immer ihre Kinder bzw. Enkel und Urenkel“, erzählt Tochter Eva Schwarz.

Der Vater war als Sannwalds Schorsch sehr bekannt in Welzheim und somit auch die Ehefrau. Beide waren aktive Mitglieder im Liederkranz Welzheim.

Nach dessen Tod im Jahr 2002 hat Elsbeth Sannwald die Terminplanung der Jahrgangstreffen übernommen. Auch organisierte sie die „Frauen-Freitagsgruppe“. Zehn bis 15 Frauen, die sich unter anderem vom Sport her kannten, trafen sich immer freitags zum Mittagessen in einer Welzheimer Gaststätte. Zudem engagierte sich die Welzheimerin bei den Postsenioren. Im Lauf der Zeit fanden die Treffen immer seltener statt, weil die Teilnehmerzahl aufgrund des Alters stark zurückging. Zuletzt wurden sie ganz eingestellt.

Mit 92 Jahren mit Bus und Bahn an den Bodensee gefahren

Mit 92 Jahren fuhr sie zum letzten Mal in Eigenregie mit Bus und Bahn an den Bodensee. Der 95. Geburtstag hat die große Familie noch einmal richtig groß im Schlichenhöfle gefeiert. „Es war ein Kampf, bis ich sie überredet hatte, dass sie ihren neuen Rollator benutzen soll. Sie hat alles alleine organisiert und einen Omnibus bei der Fa. Maier bestellt. Wir sind dann mit der ganzen Geburtstagsmannschaft nach dem Essen über Land gefahren“, berichtet Eva Schwarz.

Irgendwann kam der Zeitpunkt, dass die Tochter merkte, es wird körperlich sehr beschwerlich für die Mutter in der Schumannstraße. Ihre Wohnung war im ersten Stock, und es wurde immer schwieriger für sie, die Treppen zu benutzen und in die Stadt zu gehen. „Ich fasste all meinen Mut zusammen und fragte sie, ob sie sich vorstellen könnte, dass sie sich eine Wohnung in der Residenz nehmen würde. Dort ist alles behindertengerecht und sie hätte auch mehr Kontakt zu anderen. Die erste Reaktion: Jetzt noch nicht! (Damals war sie 96).“

Wohnung Nummer 1 in der Seniorenresidenz als neues Zuhause

Aber dann ging alles doch ganz schnell. Wohnung Nr. 1 wurde frei, und sie musste sich innerhalb von wenigen Tagen entscheiden und es fiel ihr mit Sicherheit nicht leicht.

Am Anfang dachte die Seniorin, sie ist in einem Pflegeheim. Als sie aber zum ersten Mal in die Wohnung kam, war sie ganz begeistert. Sie konnte ihre Möbel mitnehmen. Die Wege zur Rezeption und ins Restaurant sind sehr kurz. Es wurde ganz schnell ihr Zuhause, und außen an ihrer Wohnungstür hängt das Sannwald-Wappen. Man sieht nicht nur sofort, wer da wohnt, sondern hört es auch. Ab 7 Uhr morgens läuft unüberhörbar SWR 1.

„Wir hätten nichts Besseres tut können, als dass ich hierhergezogen bin.“ Das bestätigt sie immer wieder ihrer Tochter. Sie fühlt sich sehr wohl in der Residenz, und es ist etwas Besonderes, in der Residenz zu wohnen. Das Personal ist sehr nett, und man findet immer einen Ansprechpartner. Es sind einfach immer Menschen um sie herum, sei es der junge Bufdi, der für sie einkaufen geht, oder die pflegerischen oder hauswirtschaftlichen Leute, die sich um vieles kümmern, was sie jetzt nicht mehr kann.

Bis Corona war es auch jeden Tag eine Selbstverständlichkeit (außer montags, da ist das Restaurant zu, da brutzelt sie sich immer noch selber was), dass sie sich schön anzog und zum Essen ins Restaurant ging. Die Seniorin war immer voll des Lobes über das „wunderbare Essen“ der Familie Schaf in den Residenzstuben. Sie saß immer mit den gleichen Frauen am Tisch, und die Leute, die von außerhalb zum Essen kamen, kannte sie auch zum großen Teil und konnte mit ihnen einen kleinen „Schwatz“ halten. Nur da Unterstützung, wo man es unbedingt braucht, und so so viel Eigenständigkeit wie geht: Das ist die Devise der Hundertjährigen.

Elsbeth Sannwald hat bis ins hohe Alter immer Besuche bei den Jahrgänglern und sonstigen Bekannten, die im Pflegeheim waren, gemacht und sie ruft heute noch von sich aus alte Bekannte oder Leute an, die sie kennt. Sie ist jemand, der auf Menschen zugeht und nicht jammert und wartet, bis andere sie ansprechen. Langeweile gibt es für sie nicht, sie hat trotz ihres hohen Alters wie eh und je eine Struktur im Leben und regelt ihre Geschäfte – so gut es eben geht – alleine. Und wenn der Friseur nicht kommen darf, schneidet sie sich ihre Haare kurzerhand selber und dreht mit fast hundert wieder die Lockenwickler aufs Haar.

Die große Feier muss erst einmal ausfallen

Eigentlich wollte die Familie den 100. im größeren Stil in der Residenzstube feiern. „Seit Jahren reden wir darüber.“ Corona hat jetzt aber einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht. Die Mitarbeiter in der Residenz werden ein klein wenig für sie vorbereiten, und nur ein kleiner Teil der Familie kann an ihrem Ehrentag zu Besuch kommen. Sie wird aber wie immer und besonders zu ihrem 100. Geburtstag jede Menge Anrufe bekommen und eine Liste mit den Anrufern führen und zusammenzählen, wie viele es waren.

Bürgermeister Thomas Bernlöhr hat seinen Besuch angekündigt, und einige Musiker des Musikvereins Stadtkapelle Welzheim werden ein kleines Ständchen spielen. Zwei Vertreter der IG Metall haben sich angemeldet, denn die Jubilarin ist schon 75 Jahre lang Mitglied der Gewerkschaft. Außerdem hat ihr 13-jähriger Urenkel ein Lied für sie auf eine bekannte Melodie gedichtet, das er ihr am Geburtstag mit der Gitarre vortragen wird. Außerdem wurden musikalische Glückwünsche per Video aus Berlin und Kohlberg von den dortigen Enkelkindern angekündigt. Die Familie hofft, dass sie im Sommer nochmals im große Rahmen und einigen Freunden eine Feier in der Residenzstube nachholen kann. Elsbeth Sannwald, die zeitlebens sehr optimistisch war, sagt aber in letzter Zeit immer öfter, wenn sie mit ihrer Tochter über eine nachträgliche Geburtstagsfeier spricht: „Ja, wenn ich noch da bin.“

Hoffnung, bald wieder mehr Freiheiten genießen zu können

Für die Hundertjährige ist das Leben in der Residenz sehr lebenswert, wenn auch jetzt durch Corona mit Einschränkungen. Alle wünschen ihr sehr, dass sie jetzt, so nah am Lebensende, noch einmal mehr Freiheit und Gemeinsamkeit in der Residenz genießen kann.

Am 17. März 1921 wurde Elsbeth Sannwald, geb. Volkmann, im Stuttgarter Osten geboren. Es waren damals unruhige Zeiten in der Weimarer Republik nach dem Ersten Weltkrieg. Der März 1921 ging in die Geschichte ein als Mitteldeutscher Aufstand, auch Märzaktion genannt. Eine von KPD, KAPD und anderen linksradikalen Kräften entfesselte bewaffnete Arbeiterrevolte in der Industrieregion um Halle, Leuna, Merseburg sowie im Mansfelder Land sorgte für Schlagzeilen. Die Aktion endete mit der Niederlage

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper