Welzheim

Durch die Stadt als Ehefrau von Justinus Kerner

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Michaela Köhler schlüpft gerne in die Rolle der Friederike „Rickele“ Ehmann, Ehefrau von Dichter-Arzt Justinus Kerner. © Mathias Ellwanger
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Michaela Köhler schlüpft gerne in die Rolle der Friederike „Rickele“ Ehmann, Ehefrau von Dichter-Arzt Justinus Kerner. © Siekmann / ZVW

Welzheim. „Wo haben Sie denn Ihren Mann gelassen?“, fragt eine Passantin die Frau im Biedermeier-Kostüm spontan. „Der Justinus konnte leider nicht kommen“, antwortet Rickele. Stadtführerin Michaela Köhler schlüpft gerne in die Rolle von Friederike „Rickele“ Ehmann, Ehefrau von Dichter-Arzt Justinus Kerner. Wer will, den führt sie durch die Limesstadt, erzählt Geschichte und Geschichten. Das hat mehrere Gründe.

Michaela Köhler führt als Justinus Kerners Rickele durch Welzheims Geschichte

Ein handfester Grund ist, dass Michaela Köhler die Ur-Ur-Ur-Ur-Enkelin von Justinus und Friederike Kerner, geborene Ehmann (9. Januar 1786 bis 4. April 1854), ist. „Ich bin das Rickele“, ruft sie einem Fußgänger zu, der sie höflich fragt, wer denn die Frau im Biedermeier-Kostüm sei. Die Frau mit der Haube zieht die Blicke auf sich und geht in ihrer Rolle auf. Manchmal mimt sie die historische Person, um dann wieder auf die Sicht des Beobachters umzuschwenken, der historische Hintergründe präsentiert. Das gefällt ihr. „Rickele war fleißig und intelligent, klein und zart“, erzählt sie beim Spaziergang. „Das Rickele war die Stütze von Justinus Kerner!“ Doch der brauchte etwas länger, um das zu sehen.

Rund sechs Jahre musste das Rickele, so nannte ihr Vater seine Tochter immer, warten, bis sie und Justinus 1813 endlich vor dem Traualter standen. Will sie ihn heiraten, fragt der Pfarrer? „Ich will“, sagt sie natürlich. Und er? Will Justinus Kerner Friederike Ehmann heiraten? Justinus Kerner reagiert genervt auf den Pfarrer und wendet sich ab. Sonst wäre er ja wohl nicht hier, soll er damit deutlich gemacht haben. So war er halt, der Justinus, gibt Michaela Köhler eine ihrer zahlreichen Anekdoten zum Besten, ein Stück Familiengeschichte, angereichert mit viel Wissen aus zahlreichen Büchern.

Sie schildert, wie sich die beiden in Tübingen kennengelernt haben. Sie trauerte über den Tod ihres teuren Vaters, eines Pfarrers. „Plötzlich kommt ein junger Mann auf mich zu. ‚Wie kommt es, dass du so traurig bist‘“, fragt er? Er zitiert ein passendes Goethe-Gedicht, erinnert sich Rickele. Die gebildete Frau kontert mit einer anderen Strophe des Gedichts. Sie lernen sich kennen, schreiben Briefe, er verfasst gar Liebesgedichte, sie treffen sich. „Und da war der Bund fürs Leben geschlossen“, sagt Michaela Köhler und lächelt. „Aber er hat mich sechs Jahre warten lassen!“

Michaela Köhler führt durch Welzheim. Wer sie bucht, startet mit ihr am Bahnhof. Kenntnisreich jagt sie mit den Besuchern durch die Geschichte, spricht von archäologischen Funden, Helvetiern, Germanen und Römern. „Die Leute sollen wissen, wo sie ankommen.“ Nach dem großen Brand 1726 landet sie dann bei Justinus Kerner.

„Eigentlich habe ich ja gar keine Zeit“, schildert das Rickele. „Ich muss Besorgungen machen!“ Und so nimmt sie die Gäste mit auf einen kleinen Rundgang. „Das Rickele war eine fleißige Hausfrau.“ Der berühmte schwäbische Arzt und Dichter Justinus Kerner und seine Friederike lebten von 1812 bis 1815 in der Limesstadt. Vom Bahnhof geht es zum Feuersee, zum Kirchplatz und zu dem Haus, neben Volksbank und Gasthof Zum Lamm, wo das Ehepaar drei Jahre lebte. 1813 kam Tochter Marie zur Welt, das „Mariele“.

Eine Tour dauert 60 Minuten – oder auch mal länger

Michaela Köhler serviert wieder eine Anekdote über die Rechenschwäche von Kerner, und was das Rickele mit den Naturalien, die ihr Mann als Arzt erhielt, so alles anstellte. Wer mit ihr unterwegs ist, darf gerne Fragen stellen. Eine Tour dauert dann auch mal etwas länger als die angepeilte Stunde. Sie erzählt, spielt auf der Maultrommel, liest Gedichte vor, rezitiert und nimmt die Besucher mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Diese fernen Welten sind es, die die Ur-Ur-Ur-Ur-Enkelin so faszinieren.

Michaela Köhler aus Großerlach ist Limes-Cicerone, Naturparkführerin, Burgführerin, Stadt- und Schlossführerin in Gaildorf, Stadtführerin in Welzheim (auch in zivil). Wer sie als Rickele bucht, taucht ein in die Welt der Romantik und kann darüber staunen, was das Rickele so alles aus dem Nähkästchen zu plaudern weiß. Vielleicht hat sie auch für die Beschwerden der Besucher einen Tipp oder ein Kräuterchen dabei! Mal sehen, was ihr Körble sonst noch alles hergibt. Außerdem schildert sie den Arbeitsalltag eines Arztes im 19. Jahrhundert und berichtet von den Anfangsschwierigkeiten einer jungen Ehe.

Die Idee zur lebhaften Stadtführung kam im vergangenen Jahr im Rahmen des Justinus-Kerner-Umzuges, bei dem das Rickele natürlich tatkräftig mitwirkte. Die gebürtige Stuttgarterin, ihre Eltern kamen oft mit ihr nach Welzheim, machte eine Ausbildung zur Stadtführerin für Welzheim und präsentiert Besuchern nun die Limesstadt.

Am Ende wird’s traurig: Die fleißige Frau, das „Schafferle“, habe sich regelrecht totgeschafft. Sie habe ihren Mann immer begleitet. Den einzigen Wunsch, den sie ihrem Mann nicht erfüllen konnte, war der, nach ihm zu sterben. Kerner starb 1862, acht Jahre nach seiner geliebten Friederike. Wer mehr erfahren will, der sollte das Rickele einfach mal buchen und bei dieser Gelegenheit auch die wunderbare historische Gewandung bewundern.

Führung

Eine Führung mit Michaela Köhler als Rickele (mit maximal 25 Personen) kostet pauschal 65 Euro. Informationen gibt es bei der Stadt Welzheim, www.welzheim.de, Tel. 0 71 82/8 00 80, oder direkt bei Stadtführerin Michaela Köhler, Tel. 01 60/3 55 78 31.