Welzheim

Ein schwäbischer Gipfelstürmer im Interview

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Patrick Dieterich auf der Weißseespitze in den Ötztaler Alpen. © ZVW/Danny Galm
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Oben auf einem Gipfel fühlt man sich „ziemlich leer. Ein, zwei Tränchen, ein Foto und es geht wieder runter. Mehr geht nach der Anstrengung auch nicht“, sagt Patrick Dieterich. Hier: Breithorn/Zermatt in den Walliser Alpen.
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Planung und Vorbereitung geben Patrick Dieterich Sicherheit bei seinen Expeditionen.
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Grundsätzlich ist mentale Stärke der Schlüssel zum Bergsteigen. „Der Kopf versteht es nicht. Er weiß, dass es nicht sicher ist. Es braucht Überwindung.“ – Selfie unter Extrembedingungen.

Welzheim/Konstanz. Gut hundert Gipfelbesteigungen kann Patrick Dieterich verbuchen. Der in Mutlangen geborene und in Welzheim aufgewachsene 33-Jährige erklomm bereits die höchsten Gipfel von drei Kontinenten. Der Wirtschaftsingenieur arbeitet als Systemingenieur für Raumfahrt in der Nähe von Konstanz. Im Interview spricht er auch über das „schwer kalkulierbare Restrisiko“ beim Bergsteigen.

Die Weltklasse-Bergsteiger David Lama, Hansjörg Auer und Jess Roskelley sind jüngst tödlich verunglückt. Welche Gedanken schossen dir durch den Kopf, als du davon erfahren hast?

Natürlich empfindet man Trauer, wenn man Nachrichten dieser Art liest, unabhängig davon, ob die Opfer wie in diesem Fall prominent sind oder Bergsport ohne Medienpräsenz betreiben. Die Vorstellung, unter einer Lawine begraben zu werden, ist grauenhaft. Dieser Vorfall zeigt uns allerdings auf, dass selbst die besten und erfahrensten Bergsteiger, in diesem Fall außergewöhnlich starke Kletterer, ein nur schwer kalkulierbares Restrisiko eingehen. Dessen sollte man sich bewusst sein, wenn man sich in schwieriges Terrain wagt. Ich erlaube mir allerdings nicht, die Situation als Außenstehender zu bewerten.

Welche Schlussfolgerungen ziehst du selbst aus solchen Unglücken? Wie schützt du dich vor Lawinen?

Ich versuche, meine Besteigungen nur bei „sicheren“ Bedingungen durchzuführen. Ein Blick in den Lawinenbericht und tagesaktuelle Wetterberichte, sofern einsehbar, gehören selbstverständlich dazu. An den hohen Bergen benötigt man aufgrund eines mehrtägigen Aufstiegs über die Hochlager ein Wetterfenster von mehreren Tagen.

Gab es bei deinen Touren schon einmal kritische Momente?

Gerade bei meinem ersten Summit wurde es richtig gefährlich. Während eines Schneesturms am Gipfeltag wollte einer aus der Gruppe zurückgelassen werden, was den sicheren Tod bedeutet hätte. Wir schulterten den Mann, verloren aber zeitweise den Guide aus den Augen. Da hatte ich erstmals Todesangst.

Wie geht deine Familie mit deiner Leidenschaft um?

Die war anfangs besonders ängstlich. Ich kann das verstehen. Außenstehende können das Risiko nicht einschätzen. Dabei ist Höhenbergsteigen vor allem Risikomanagement. Mit Satellitenfunk gebe ich auf meinen Touren regelmäßige Lebenszeichen. Das hilft.

Wie bereitest du dich auf deine Abenteuer vor?

Ich halte mich körperlich fit. Ich bin fast jedes Wochenende in den Alpen. Am liebsten im Allgäu und Arlberg. Mit 2000 Meter ist man über der Baumgrenze, hat blanken Fels und eine gute Felsstruktur. Auch das Wallis mit seinen Viertausendern gefällt mir sehr. Dort hat es vor allem schöne Gletscher. Sonst bin ich in der Freizeit viel in der Kletterhalle oder mache lange Läufe. Dazu kommt die Planung. Ich studiere Karten im Vorfeld und lege die Etappen, Schlafstellen und Akklimatisierungszeit fest. Das gibt mir viel Sicherheit.

Warst du schon immer von Bergen begeistert?

Als Kind war ich immer gerne draußen, aber das Wandern im Südtirol war mehr Pflicht als Genuss. Dass sich so eine Leidenschaft entwickelt, hätte ich nie gedacht. Als Jugendlicher war ich von allem begeistert, was Räder hatte. Erst mit 28 Jahren entdeckte ich während meines Praxissemesters in den Vereinigten Staaten Outdoor und Survival für mich. Die Landschaften, besonders der Grand Canyon, beeindruckten mich. Im Yosemite-Nationalpark, Kalifornien, bestieg ich dann meinen ersten Gipfel, den 2693 Meter hohen Half Dome. Von da an ging es richtig los.

Du hast jetzt drei der „Sieben Summits“ bestiegen. Wo warst du schon?

2016 habe ich mit dem 5642 Meter hohen Elbrus in Russland meinen ersten Summit bestiegen. Da war ich noch etwas naiv und dachte einfach, ich schaffe es. Was auch funktioniert hat. Von da an war ich mir sicher, dass ich auch andere der Gipfel schaffen kann. Ein Jahr darauf habe ich den 5895 Meter hohen Kilimandscharo in Afrika gemeistert.

Deinen dritten Summit hast du erst dieses Jahr gemeistert?

Im Januar 2019 bestieg ich mit einem Freund den 6961 Meter hohen Aconcagua in Argentinien. Im Gegensatz zu den anderen Bergen in Eigenregie. Ich plante die komplette Tour. Den Aufstieg machten wir in knapp zwei Wochen zusammen.

Wie hast du dich auf der Spitze gefühlt?

Ziemlich leer. Ein, zwei Tränchen, ein Foto und es geht wieder runter. Mehr geht nach der Anstrengung auch nicht. Erst zwei Tage nach dem Gipfel habe ich wirklich begriffen, was ich geschafft habe. Dann kam das Glücksgefühl hoch.

Was steht als Nächstes auf der Liste?

Der 6190 Meter hohe Denali in Alaska auf jeden Fall. Vielleicht zuvor der Broad Peak in China. Zwar keiner der „Seven Summits“, aber dafür einer der Achttausender. Das hängt ab, mit wem ich das mache. Der passende Partner dafür ist essenziell. Die Carstensz-Pyramide in Indonesien auf der Australischen Platte und den 4892 Meter hohen Mount Vinson in der Antarktis habe ich auch noch auf der Liste. Letzterer ist erst 1966 zum ersten Mal bestiegen worden und nur 1200 Kilometer vom Südpol entfernt. Das hat noch mal einen speziellen Reiz. Leider kostet die Besteigung des höchsten Berges der Antarktis gut 40 000 Euro und bleibt damit ein Traum.

Bergsteigen ist ein reines Hobby? Wie finanzierst du dich?

Ja, ein teures. Ich finanziere mich komplett selbst. Ab einem gewissen Punkt wird es zu teuer. Für einen Achttausender braucht es mindestens 8000 Euro. Wenn Geld keine Rolle spielte, würde ich alle Achttausender und die „Sieben Summits“ sicher versuchen. Aktuell muss ich schauen, was machbar ist.

Was gefällt dir am Bergsteigen?

Für mich ist es ein Entdecken, was möglich ist. Ich finde es spannend, wozu Körper und Geist fähig sind. Es braucht gute Planung und Willenskraft. Sei es auf dem Berg oder in der Raumfahrt, es gibt keinen zweiten Versuch. Es hat auch einen Reiz, als Mensch in eine Umgebung zu gehen, in die er nicht hingehört. Dort klarzukommen und mich anzupassen, ist eine spannende Herausforderung.

Glaubst du, Schwaben sind gute Bergsteiger?

Den Schwaben wird viel Fleiß nachgesagt. Das ist in den Bergen sicher ein Erfolgsfaktor. Grundsätzlich ist mentale Stärke der Schlüssel zum Bergsteigen. Besonders am Gipfeltag. Der Aufstieg dauert eine bis zu zwei Wochen. Bei Achttausendern bis zu zwei Monate. Umgebung und Wetter ist man ausgesetzt. Die Tütennahrung wirkt sich auch nicht positiv auf die Motivation aus. Der Kopf versteht es nicht. Er weiß, dass es nicht sicher ist. Es braucht Überwindung. Immer stärker wird die Frage „Warum mach ich das?“ Jeder Schritt näher zum Gipfel wird riskanter, mühseliger.

Gibt es etwas, das dich an Bergsteigern ärgert?

Es gibt Leute, die steigen auf die Berge nur wegen Prestige. Sie lassen sich quasi von den Guides hochtragen und schrecken auch nicht vor Pillen (Doping) zurück. Das führt auch zu einer negativen Gruppendynamik. Für sie zählt es nur, den Gipfel abzuhaken. Das ist der gleiche Menschenschlag, der Müll hinterlässt und die Wildlife-Experience stört. Ich würde deren Leistung auch nicht anerkennen. Den Mount Everest mit Zusatzsauerstoff zu machen, reduziert den Berg auf einen Sechstausender.

Du erklimmst Berge im Urlaub. Bist du danach nicht erschöpft?

Trotz Extremurlaub komme ich entspannt zur Arbeit zurück. Vielleicht nicht so erholt wie vom Strandurlaub, aber dafür gibt es mir mehr.

Was rätst du angehenden Höhenbergsteigern?

Klein anzufangen (lacht). Erfahrung sammeln ist alles. Das Wichtigste ist, auf seinen Körper hören zu lernen.

Du dokumentierst deine Touren auch?

Neben Bergsteigen fotografiere ich sehr gerne. Dazu habe ich einen Instagram-Account. Ich möchte nicht als Influencer leben. Mir bereitet es lediglich Freude, andere an meinen Reisen teilhaben zu lassen. Das kommt gut an.


"Seven Summits"

„Seven Summits“, so werden die höchsten Berggipfel der sieben Kontinente bezeichnet. Die Definition ist problematisch. Je nach Auslegung der Kontinentalgrenzen sind es andere Berge.

Die Internetseite 7summits.com sammelt die Daten aller Alpinisten. Eingetragen sind 71 Frauen und 325 Männer, die die sieben Summits bestiegen haben. Darunter sind 16 Deutsche. Richard Bass schaffte die Herausforderung 1985 als Erster.

Pendant zu den „Seven Summits“ sind die 14 Achttausender, die Reinhold Messner 1986 als erster Mensch ohne Sauerstoffflasche alle bestieg.