Welzheim

Fußgänger totgefahren: Drei Jahre Haft

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Ortsschild Birkhof Schillinghof Gemeinde Kaisersbach © Joachim Mogck

Stuttgart/Kaisersbach. Der junge Welzheimer Unglücksfahrer muss im Gefängnis bleiben: Zu drei Jahren Haft verurteilte ihn das Landgericht Stuttgart. Seine Schuld wiegt aus Sicht des Gerichts schwer, weil er einen Menschen nicht nur überfahren, sondern ihn hilflos auf der Straße hat liegen lassen. Der 20-jährige Fahrer war betrunken und bekifft gewesen. Das Unfallopfer, ebenfalls schwer betrunken, starb auf der Stelle.

Der Unglücksfahrer hatte am frühen Samstagmorgen nach dem Sandlandfest 2017 sehr wohl registriert, dass er soeben einen Menschen überfahren hatte. Davon zeigte sich die zweite Große Jugendkammer überzeugt. Der junge Mann hatte dies nach dem Unfall gegenüber der Polizei auch eingeräumt. In der Verhandlung berief er sich dann auf Erinnerungslücken. Seine Verteidiger zogen in Zweifel, dass ihrem Mandanten die Sachlage wirklich klar gewesen sei.

Schlimmer als der Vorwurf der fahrlässigen Tötung wiegt der versuchte Mord: Dessen hat sich der junge Mann aus Sicht des Gerichts schuldig gemacht. Denn er hat den Schwerstverletzten einfach liegen lassen und ist weggefahren. Seine drei betrunkennen Mitfahrer im Auto haben allem Anschein nach nichts mitbekommen. Der Verurteilte wollte laut Urteilsbegründung seine Trunkenheitsfahrt verschleiern – und nahm dafür den Tod eines Menschen in Kauf. Das Unfallopfer hatte keine Chance. Der 22-Jährige verblutete innerhalb kürzester Zeit. Niemand hätte ihm helfen können – deshalb die aus Laiensicht schwer verständliche Anklage nicht wegen Mordes, sondern wegen versuchten Mordes durch Unterlassen.

Autokennzeichen blieb am Unfallort liegen

Erst etwa eine Stunde nach dem Unfall fanden Leute den Toten. Neben seinem Kopf lag ein Autokennzeichen, das beim Unfall abgerissen worden war. Die Polizei hatte Mühe, kurz darauf den betrunkenen Unglücksfahrer in dessen Bett zu Hause wach zu bekommen. Seine Eltern waren verreist.

Ursprünglich vernünftigen Plan über den Haufen geworfen

Die Vorsitzende Richterin Sina Rieberg sagte in der Urteilsbegründung, offenbar sei es nicht ungewöhnlich, dass im Schwäbischen Wald junge Leute nachts allein und betrunken zu Fuß unterwegs seien. Tatsächlich sind nach dem Sandlandfest junge Menschen in Scharen mehr oder weniger schwankend zu Fuß aufgebrochen. Zur unglücklichen Verkettung von Zufällen gehört auch, dass im Jahr 2017 kein Shuttle-Bus zur Verfügung stand wie in den Jahren zuvor. Rot-Kreuz-Helfer hatten noch versucht, ein Taxi für das spätere Unfallopfer zu organisieren, doch der 22-Jährige hätte sehr lange warten müssen. Seine Bekannten, die ihn nach Hause gefahren hätten, verpasste er knapp – und stapfte los. Auch der spätere Unglücksfahrer warf seinen ursprünglich vernünftigen Plan, bei einem Freund in Cronhütte übernachten und nicht mehr fahren zu wollen, über den Haufen. Ein entfernter Bekannter überredete den Gutmütigen, für ihn das Taxi zu spielen und trotz Konsums von reichlich Alkohol und Joints hinterm Steuer Platz zu nehmen. Als er um 3.15 Uhr in der Nacht losfuhr, befand er sich laut der Richterin in „absolut fahruntüchtigem Zustand“. Den Erkenntnissen zufolge war er mit einer Geschwindigkeit zwischen 60 und 80 km/h unterwegs, als der Unfall geschah: Zu schnell, obwohl 100 erlaubt sind an der Stelle, beschied das Gericht: Ein Autofahrer darf immer nur so schnell fahren, dass er im Fall der Fälle noch rechtzeitig anhalten kann. Nach dem Sandlandfest habe der 20-Jährige mit betrunkenen Fußgängern rechnen müssen.

Unauffälliges Leben bis zum Unfall

Seit rund einem halben Jahr sitzt der Unglücksfahrer bereits in Untersuchungshaft. Am Donnerstagnachmittag schlossen sich nach Abschluss des sechsten Gerichtstages erneut die Handschellen: Drei Jahre Jugendstrafe, das bedeutet, der junge Mann muss im Gefängnis bleiben. In Stammheim ist er ein „Außenseiter“, wie Richterin Rieberg sagte; dort sitzt eine ganz andere Klientel ein. Bis zu dem Unfall hatte der junge Mann ein unauffälliges Leben geführt, ohne Vorstrafen, wenngleich geprägt von allzu sorglosem Umgang mit Marihuana. Nach einem Freiwilligendienst an einem Krankenhaus bescheinigte man ihm, für jedweden sozialen Beruf geeignet zu sein. Dennoch entschied sich der 20-Jährige für eine Ausbildung in einem Handwerksberuf. Wenige Tage nach Beginn der Lehre wurde er im September 2017 verhaftet.


Jugendstrafe

Kurz vor dem Unfall am 8. Juli 2017 hat der Angeklagte seinen 20. Geburtstag gefeiert. Das Landgericht Stuttgart hat Jugendstrafrecht angewandt, weil der junge Mann seinerzeit noch nicht über die Reife eines Erwachsenen verfügt habe.

Der Staatsanwalt hatte vier Jahre Haft gefordert. Die Verteidigung hielt eine Bewährungsstrafe, also maximal zwei Jahre, für angemessen.