Welzheim

Gedenkfeier zur Reichspogromnacht in Welzheim: „Nie wieder“ soll keine Phrase sein

Kundgebung
Zahlreiche Besucher kamen nach Welzheim, um bei der Gedenkfeier zur Reichspogromnacht dabei zu sein. © Benjamin Büttner

Die Kundgebung fand am vergangenen Montag an einem geschichtsträchtigen Datum statt: Die Reichspogromnacht jährte sich zum 82. Mal. Auch der Ort war bedeutungsvoll. Das Offene Antifaschistische Treffen Rems-Murr hatte auf den Hermann-Schlotterbeck-Platz in Welzheim geladen.

Es ist abends um halb sieben, und das OAT Rems-Murr hat ein kleines Organisationsproblem. Der Wagen mit der Lautsprecheranlage und dem Infomaterial hat sich verfahren. Ein paar Minuten später ist er endlich da, die Anlage steht, und Pressesprecher Tim Neumann begrüßt die Besucher. Es sind deutlich mehr als erwartet (etwa 50 Personen), also wird nach den ersten, einleitenden Worten auf den notwendigen Abstand und das Tragen der Maske hingewiesen. Zum Glück ist der Platz groß genug für alle.

An die Verbrechen von damals will man erinnern, sagt Neumann, um die Verbrechen der Zukunft zu verhindern. Die Sprache seiner kleinen Einführung hat eine leichte, altlinke „Patina“, und als ein Lied gespielt wird, ist man in keiner Weise überrascht, dass die Stimme von Hannes Wader mit dem Partisanenlied „Bella ciao“ erklingt – es passt dazu. Dieter Keller vom Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) erinnert an den Widerstand gegen Hitler und an die Lebensgeschichte von Hermann Schlotterbeck, und auf einmal ist die Patina weg – angesichts der Tatsache, dass rechtes Gedankengut in den letzten Jahren schleichend wieder gesellschaftsfähig geworden ist, und angesichts der antisemitischen Anschläge in Halle und Hamburg sind seine Worte brandaktuell.

„Weil wir es wagten, den Verderbern unseres Volkes zu trotzen“

Er hat ein paar Jahre Tür an Tür von Schlotterbecks Elternhaus in Stuttgart gelebt und zeichnet ein eindringliches Bild des jungen Kommunisten und seiner Familie, die sich gegen die Nazis einsetzten und eben deswegen ihr Leben verloren. Er zitiert aus einer Broschüre, die Hermanns Bruder veröffentlichte, nachdem er aus einem einjährigen Exil in der Schweiz zurückkehrte – nur um festzustellen, dass (fast) nur er noch übrig war. „Sie mussten sterben“, schrieb Friedrich Schlotterbeck damals, „weil wir es wagten, den Verderbern unseres Volkes zu trotzen.“

Nach den „Moorsoldaten“ (wieder Hannes Wader) bekräftigen Lukas vom OAT Rems-Murr und Reinhard Neudorfer von der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes noch einmal die Notwendigkeit des Widerstandes gegen das Vergessen und das neuerliche Aufkommen von Antisemitismus und Rechtspopulismus.

Man denkt mit verblüffter Frustration an einen amerikanischen (Ex)-Präsidenten, der Antifaschisten allen Ernstes für Terroristen hält, und gibt den beiden Rednern im Stillen recht. Die Kundgebung endet auf dem alten Friedhof, wo die Besucher vor den Gedenksteinen an die Opfer des Welzheimer KZs rote Nelken niederlegen und Grabkerzen aufstellen.

Und das Fazit ist: Antifaschismus hat eigentlich weder etwas mit „Linken“ noch mit „Kommunisten“ zu tun. Es ist ein Gebot des Anstandes, damit das ewige „Nie wieder“ in zahlreichen Gedenkfeiern nicht nur eine hohle Phrase bleibt.

Die Kundgebung fand am vergangenen Montag an einem geschichtsträchtigen Datum statt: Die Reichspogromnacht jährte sich zum 82. Mal. Auch der Ort war bedeutungsvoll. Das Offene Antifaschistische Treffen Rems-Murr hatte auf den Hermann-Schlotterbeck-Platz in Welzheim geladen.

Es ist abends um halb sieben, und das OAT Rems-Murr hat ein kleines Organisationsproblem. Der Wagen mit der Lautsprecheranlage und dem Infomaterial hat sich verfahren. Ein paar Minuten später ist er endlich da, die

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