Welzheim

Gottschalk heiser: Welzheimer nicht in TV-Show

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Thomas Gottschalk
Thomas Gottschalk beim politischen Sommerfest 2016. Foto: Michael Kappeler/dpa © Michael Kappeler/dpa
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Musiker
Noel Lehar in seinem Musikzimmer in Welzheim. © Palmizi / ZVW

Welzheim. „Früher waren meine Anzüge schlecht geschnitten, jetzt sind meine Shows schlecht geschnitten.“ Humorvoll hat Thomas Gottschalk auf die Kritik an der neuen Sat.1-Show „Little Big Stars” reagiert. Die Show wurde im Internet regelrecht zerrissen. Vielleicht hätte ihr ein Auftritt von Noel Lehar gutgetan. Das Nachwuchstalent aus Welzheim war nach Köln eingeladen worden. Doch seine Vorstellung wird nicht gesendet. Seine Familie ist enttäuscht, vor allem wegen der Begründung.

Video: Wegen dieses Videos wurde Sat.1 auf Noel aufmerksam.

Thomas Gottschalk war am Tag, als Noel Lehar seinen großen Auftritt in Köln hatte, heiser. Schockschwerenot! Weil der Moderator etwas heiser klingt, wird kleinem ambitionierten Nachwuchskünstlern die Möglichkeit genommen, im Fernsehen aufzutreten, ärgern sich die Eltern. Kein Mikro war defekt, keine Musikbox stürzte während des Drehs in Köln um und keine Putzfrau rannte durchs Bild: Thomas Gottschalk war einfach nur heiser. Darum wurde Noels Auftritt mit der Querflöte nicht in die Sendung geschnitten, die Sat.1 nun ausstrahlt, werfen die Eltern dem Sender vor. Die erste Folge lief am Sonntag. Gottschalks Heiserkeit war ebenfalls eine Begründung der Produktionsfirma dafür, dass Noels als gut befundener Auftritt nicht gesendet werden konnte. Uwe Lehar hatte der Firma eine E-Mail geschrieben, um seiner Enttäuschung Ausdruck zu verleihen. Vier Tage war die Familie im Februar in Köln gewesen.

Besser Beifall und ein heiserer Moderator als unechter Applaus

Noel Lehar ist ein großes Talent. Greift er zur Querflöte, reiben sich die Erwachsenen Ohren und Augen, weil ein Neunjähriger schon so fulminant spielen kann. Er heimst bei Wettbewerben regelmäßig Preise und Auszeichnungen ein. Auch wir haben das Talent bereits vorgestellt. Aufgrund dieses Artikels und eines Videos im November 2016 wurde wohl auch Sat.1 auf den kleinen Musiker mit den langen Haaren aufmerksam und lud Familie Lehar nach Köln ein. Noel trat für die Aufnahmen auf und begeisterte das Publikum, wie Vater Uwe Lehar stolz berichtet. Das alles wurde aufgezeichnet und sollte nun auf Sat.1 ausgestrahlt werden. Daraus wurde nun aber nichts.

Mehlwurm-Gratin statt Querflören-Talent

„Mer muss och jünne künne“, sagt der Kölner. Das weiß auch Familie Lehar. Nun sind eben andere Kinder in der Sat.1-Show aufgetreten. Aber dass es ein Sechsjähriger, der mit Thomas Gottschalk ein Mehlwurm-Gratin zubereitet, in die Show schafft und der kleine Noel nicht, das wurmt Familie Lehar dann doch.

"Keine Auswahl nach Qualität"

Die Welzheimer ärgern sich vor allem über den Umgang der Verantwortlichen mit den kleinen Künstlern. Weil Thomas Gottschalk ein paar Stunden heiser war, habe es so – Uwe Lehars Eindruck – keiner der kleinen Leute in die Show geschafft, die während dieses Stimmfiaskos das Pech hatten, auftreten zu müssen, weil der enge Zeitplan das vorgab. Das sei doch keine Auswahl nach Qualität, sagt Uwe Lehar.

Schwierig, die Szenen nachzusynchronisieren

Ein Verantwortlicher der Produktionsfirma verweist darauf, dass es schwierig gewesen wäre, die Sequenzen mit Gottschalk nachzusynchronisieren. Künstlichen Applaus hätten sie aber reinschneiden können, nimmt es Uwe Lehar mit Galgenhumor. Er erinnert sich, dass Sohn Noel tosenden Applaus erhalten habe. „Die Leute waren begeistert. Vielleicht lieber Kinder senden, die echte stehende Ovationen bekommen haben, auch wenn Gottschalk heiser war. Besser heiser, als künstlichen Applaus reinschneiden“, sagt Uwe Lehar, der die Sendung am Sonntagabend verfolgt hat.

Vier Tage hat die Familie in Köln verbracht

„Von der Produktionsfirma Warner Bros. wurde uns nicht gesagt, dass es von den Beiträgen noch mal eine Auswahl gibt“, ärgert er sich. Vier Tage seien sie in Köln gewesen. Wie lief das im Februar ab? 1. Tag: Anreise. Danach Studioführung, Kostümprobe und Probe im Studio. 2. Tag: Probe im Studio 8.15 Uhr bis 13 Uhr. 3. Tag: frei. 4. Tag: 13.30 Uhr bis 18.30 Uhr Aufzeichnung. Hier gab es die Verzögerung der Aufzeichnung, weil Thomas Gottschalk heiser war. „Die Aufzeichnung wurde aber trotzdem gemacht“, erläutert Uwe Lehar. Die Kosten für das Hotel und die Anreise hat der Sender übernommen, ebenfalls eine kleine Entschädigung gezahlt. Familie Lehar hatte sich bereiterklärt, den Auftritt einen Tag später zu wiederholen, wenn Gottschalk wieder normal sprechen könne. Die Produktionsfirma habe abgewunken, die Stimme wäre nicht besser geworden.

"Jetzt muss er allen mitteilen, dass er doch nicht im Fernsehen kommt"

„Sie können sich vielleicht vorstellen, wie enttäuscht unser neunjähriger Sohn Noel ist. Klassenkameraden, Freunde, Verwandte, Orchestermitglieder – vielen hat er davon erzählt und muss jetzt allen mitteilen, dass er doch nicht im Fernsehen kommt“, hat Lehar der Produktionsfirma geschrieben.

Puffer an Teilnehmern ist für solche Sendungen normal

Ein Verantwortlicher erläutert: Für so eine Show müsse man immer mehr Kinder einladen, als am Ende ausgestrahlt werden könnten. Manche Kinder hätten Lampenfieber. Nicht immer würden die Auftritte funktionieren. Daher benötige man einen Puffer an Teilnehmenden. Dass Noel es nicht in eine der Sendungen geschafft hat, habe nichts mit der Qualität seines Auftritts zu tun. Das klingt plausibel. Und doch ist das mit der Heiserkeit irgendwie bitter, wenn ein Neunjähriger trotz seines Talents diese einmalige Chance verpasst. Zwar wirkt Noel eher zurückhaltend. Aber wenn er mit der Querflöte auf der Bühne steht, dann verwandelt er sich in ein Show-Talent. Das wäre doch einen kurzen Auftritt wert gewesen. Schade.


Mit etwas Schadenfreude haben Lehars die fast durchweg negativen Kritiken zur Show zur Kenntnis genommen. Comedian Oliver Kalkofe schreibt: „Das gefühlt 500. Comeback von Gottschalk. ‚Little big Stars‘ läuft noch keine zehn Minuten und ich bin in Schockstarre: der schlechteste zusammengestoppelte Sound-/Bildschnitt seit 50 Jahren und unecht eingespielte Fake-Lacher wie in einer ganz miesen 60er-Jahre-US-Sitcom! Egal wie niedlich die Kinder sein mögen und wie locker die Moderationen von Gottschalk vielleicht im Original waren: So eine von tauben Schimpansen in komplette Künstlichkeit kaputtgeschnittene Stümperarbeit, in der sich absolut nichts mehr real oder echt anfühlt, hab ich schon lange nicht mehr gesehen. Das haben weder Gottschalk noch die Kinder verdient. Sat.1 schafft es, wirklich alles zu vergrützen – Chapeau! Fühle mich verarscht und betrogen. Willkommen in der Vergangenheit des schlechten Fernsehens! Ein Grauen.“ Das saß.

Welt-online: "Show verlief katastrophal"

Welt-online schreibt: „Der Start seiner Sat.1-Show verlief für Altstar Thomas Gottschalk katastrophal. Dem 66-Jährigen kann man allerdings keine Vorwürfe machen. Gottschalk hatte ursprünglich vier Teile der neuen Reihe angekündigt, der Sender verkürzte jedoch auf drei – dementsprechend litt die Premiere unter vielen Schnitten.“

Gottschalk twitterte dann erneut ironisch: „Ich sitz in Malibu beim Frühstück und hab mir grad das Brot geschnitten.“

In der Zielgruppe deutlich unter dem Schnitt

Der Onlinebranchendienst Meedia schreibt: „Da hatten sich die Macher sicher andere Zahlen erhofft: 2,53 Mio. Leute entschieden sich am Sonntagabend für die neue Sat.1-Show, darunter 930 000 14- bis 49-Jährige. Im Gesamtpublikum reichten die 7,3 Prozent wenigstens noch für das sendereigene Mittelmaß. In der jungen Zielgruppe blieb die Show klar unter dem ohnehin schon auf 8,7 Prozent zusammengeschrumpften Durchschnitt der jüngsten zwölf Monate.“

Spiegel Online schreibt: „Mitunter wirken ihre Plaudereien mit Gottschalk arg verkünstelt und auf Pointe gedrillt, wie von Dialogschreibern erdacht, die sich leider nicht auf das doch ganz offensichtliche Talent des Showroutiniers verlassen wollten, halbwegs spontan mit den Kindern zu sprechen. Das nimmt den Sofa-Parts jegliche Natürlichkeit und lässt die kleinen Kunststück-Vormacher arg stepfordhaft-perfekt wirken.“