Welzheim

Hat der Religionsunterricht noch eine Zukunft?

Schoepfungsfest
Schöpfungsfest mit Vorstellung der Konfirmanden im Jahr 2018 auf dem Kirchplatz vor der St.-Gallus-Kirche in Welzheim. © Gaby Schneider

Die christlichen Kirchen durchleben eine sehr schwierige Zeit. Zurückgehende Mitgliederzahlen, Missbrauchsskandale, weniger direkte Kontakte in Corona-Zeiten. Wie behauptet sich da der Religionsunterricht an den Schulen? Wir haben unsere Fragen dazu an Religionslehrerin Ursula Poser gerichtet.

Die 40-jährige Welzheimerin ist verheiratet und lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in der Limesstadt. Wenn die evangelische Religionslehrerin am Welzheimer Limes-Gymnasium fremden Menschen begegnet und ihren Beruf nennt, bleiben Reaktionen nicht aus. „Mich ärgert es natürlich, wenn diese Menschen mich als weltfremd einstufen, oder mir ihren ganzen Frust über die Kirche (oder vielmehr über ihr Leben?!) entgegenschleudern.“ Es gebe aber auch oft positive Reaktionen und sie komme mit den Menschen ins Gespräch über Persönliches.

Wie kam es, dass Sie sich für diesen Beruf entschieden haben?

Ich hatte bereits als Jugendliche schon immer Interesse an religiösen Fragen (Wer bin ich? Woher komme ich? Wozu bin ich da? Wohin gehe ich?) und habe an Gott geglaubt. Im Konfirmationsunterricht ist mir aufgefallen, dass ich diesen nicht - wie viele Konfirmandinnen und Konfirmanden - besuche, weil es dazugehört, sondern weil ich mehr über Gott und Glaube erfahren möchte. Allerdings bin ich schon früh angeeckt, weil ich Glaubensinhalte hinterfragt habe und diese nicht einfach so akzeptieren wollte, wie sie mir „gepredigt“ wurden. Als Schülerin habe ich im Religionsunterricht erfahren, dass ich sehr wohl kritische Fragen stellen darf und es ein wissenschaftliches Studium der Theologie gibt. So konnte ich mich als Studentin auf den Weg machen, selbst die Bibel zu studieren, und Antworten auf meine Fragen zu finden.

Welche Erfahrungen haben Sie in all den Jahren gemacht, Höhepunkte und Tiefpunkte?

Höhepunkte sind für mich einerseits, wenn mir Schülerinnen und Schüler nach dem bestandenen Abitur erzählen, dass sie Theologie oder Religionswissenschaften studieren oder auch wenn Schüler in der mündlichen Abiturprüfung zeigen, was sie alles in meinem Unterricht gelernt haben. Andererseits sehe ich es auch als „stille Höhepunkte“ an, wenn Schüler sich mir anvertrauen mit persönlichen Problemen oder sich freuen, wenn ich auch unbequeme Themen wie Suizid im Unterricht nicht scheue. Tiefpunkte sind Anfeindungen von konservativen Christen, die mir den Glauben absprechen, weil ich nicht jede Aussage aus der Bibel wortwörtlich nehme. Für mich persönlich gibt es so viele Wege zu Gott, wie es Menschen gibt.

Gab es mit Corona Veränderungen im Unterricht in der Gestaltung und vom inhaltlichen Schwerpunkt her?

Religion ist ein Fach an der Schule, das vom persönlichen Austausch und Miteinander lebt. Oft kommen Fragen im Unterrichtsgespräch auf, die den Schülerinnen und Schülern unter den Nägeln brennen und die dann direkt behandelt werden können. Dies konnte im Fernunterricht nicht stattfinden, so dass in dieser Zeit lediglich Fachkenntnisse vermittelt werden konnten, die aber nur einen Teil des Religionsunterrichts ausmachen.

Wie sehen Sie die Zukunft des Religionsunterrichts an den Schulen in der Zukunft und im Hinblick darauf, dass die großen christlichen Kirchen schon längere Zeit unter einem starken Schrumpfungsprozess leiden?

Die Zukunft des Religionsunterrichts steht für mich außer Frage, da viele Schülerinnen und Schüler ein großes Interesse an Sinn- und Lebensfragen und auch an Religion beziehungsweise Religionen haben. Natürlich fällt mir auf, dass manche keinen Bezug mehr zur Kirche haben, zu keiner Gemeinde gehören oder nicht mehr wissen, wie ein Gottesdienst abläuft. Dies alles lässt sich auch im Religionsunterricht kennenlernen. Oftmals lassen sich auch im Religionsunterricht Vorurteile gegenüber der Kirche klären, die die Schüler wahrscheinlich von zu Hause mitbringen. Manche Schülerinnen und Schüler sind erstaunt, dass es zu vielen aktuellen Fragen nicht immer die Meinung der Kirche gibt. Ich sehe mich als Wegbereiterin, indem ich den Schülerinnen und Schülern den christlichen Glauben und die christliche Lebensweise vorstelle - welchen Weg sie letztendlich gehen, das liegt außerhalb meines Verfügungsbereichs.

Die christlichen Kirchen durchleben eine sehr schwierige Zeit. Zurückgehende Mitgliederzahlen, Missbrauchsskandale, weniger direkte Kontakte in Corona-Zeiten. Wie behauptet sich da der Religionsunterricht an den Schulen? Wir haben unsere Fragen dazu an Religionslehrerin Ursula Poser gerichtet.

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