Welzheim

Herausforderung: Sanierung des Laufenmühle-Viadukts

1/2
Viaduktlaufenmuehle
Welzheim Laufenmühle Viadukt wird saniert - Bauarbeiten - Besichtigung mit Reinhold Kasian - Stand der Dinge - Baufortschritt - Foto Gaby Schneider © Gaby Schneider
2/2
Viaduktlaufenmuehle
Welzheim Laufenmühle Viadukt wird saniert - Bauarbeiten - Besichtigung mit Reinhold Kasian - Stand der Dinge - Baufortschritt - Foto Gaby Schneider © Gaby Schneider

Welzheim. Die Begeisterung von Sven Rautenberg hat zwei Ursachen. Der Bauleiter der Firma Bauschutz, die derzeit das Laufenmühle-Viadukt saniert, schwärmt von der Baukunst der Handwerker, die vor rund 100 Jahren dieses technische Meisterwerk errichteten. Nun ist er Teil einer Sanierung, die es in dieser Form so noch nicht gegeben habe. Um so ein einmaliges Bauwerk zu erhalten, ist Ingenieurskunst des 21. Jahrhunderts gefragt. Und er ist Teil davon, freut sich Rautenberger.

Video: Reinhold Kasian zum Zwischenstand der Sanierung des Laufenmühle-Viadukts.

Das macht ihn stolz, sagt der Bauleiter der Firma Bauschutz aus Asperg, der gerade mit weiteren Fachleuten seine „Lieblingsbaustelle“ begeht. Lieblingsbaustelle, weil hier alte Handwerkskunst auf modernste Sanierungstechnik trifft. Erstmals wurde damals in Süddeutschland bei einer Bogenbrücke die Betonstahlbauweise angewandt. Und nun wird eine Sanierungsmethode angewendet, die es in dieser Form ebenfalls noch nicht gab. Mit moderner Technik werden die Arbeiten ständig kontrolliert. Schließlich muss die Tragfähigkeit während der Baumaßnahme gewährleistet sein. Schauen wir uns mal um.

Mit 2500 Bar schießt das Wasser auf den Beton

Reinhold Kasian, Beigeordneter der Stadt Welzheim und Geschäftsführer der Schwäbisch Waldbahn, klettert mit den Experten das Gerüst hoch. Sie spazieren über die Schienen und sehen eine poröse Stelle oberhalb des Viaduktbogens, unter dem die Straße verläuft. Sie wechseln wieder aufs Gerüst und schauen sich die Schäden von der Seite an. Stünde das Gerüst nicht dort, sie würden praktisch am Geländer hängen, die Finger in den Beton gebohrt. Das machen sie jetzt auch, allerdings bloß, um den Schaden zu ermessen.

Von unten dringt Lärm nach oben. Mittels Höchstdruckwasserstrahltechnik wird ein paar Meter tiefer der innere Bogen des Viadukts mit Wasserstrahlen malträtiert. Es ist unfassbar laut. Mit 2500 Bar schießt das Wasser auf den Beton und legt Schicht um Schicht die Fassade frei. Eisenträger werden sichtbar. Eine Etage höher klopft Bauleiter Sven Rautenberg mit seinem Hammer auf den Beton, deckt ein paar Meter ab. Klingt es überall hohl? Wie umfangreich ist der Schaden? Die Experten beraten sich. Das tun sie laufend. Das komplette Bauwerk wurde zuvor mit einem Handmessgerät geröntgt und am Computer betrachtet.

Der Bogen ist der wichtigste Punkt

Gehen wir einen Stock tiefer, dorthin, wo ein infernales Zischen die Luft zerreißt. Weil die Expertengruppe anrückt, legen die Arbeiter den Wasserstrahler zur Seite. Sie tragen Visier und wasserdichte Kleidung. Das Hochdruckwasserstrahlgerät liegt nun an der Seite, ein kleiner Rinnsaal tropft unschuldig auf den Gerüstboden. Vor einer Minute hämmerte das Wasser noch auf den Beton ein. Rund 25 Kilo drücken auf die Schulter des Arbeiters. Nach einer Stunde müssen sie abgelöst werden. Pause. Nun schauen sich die Experten an, was die Arbeiter freigelegt haben. Unstrukturiert dürfen sie nicht vorgehen. Das könnte fatal sein. „Die ganze Fläche auf einmal freizulegen“, sagt Reinhold Kasian, der unter den meterlangen Bogen weist, „würde die Tragfähigkeit beeinträchtigen. Der Fahrbetrieb müsste eingestellt werden. Also nehmen sich die Fachkräfte gerade den rechten Außenstreifen vor.“ Entweder sie arbeiten an den Außenbereichen oder am Mittelstreifen. Das kostet Zeit. Das Eisen wird freigelegt, dann inspiziert. „Der Bogen ist der wichtigste Punkt“, weiß Kasian, hier wird die Hauptlast getragen und auf die Pfeiler verteilt. Die ursprüngliche Tragfähigkeit soll wiederhergestellt werden.

Das Innere des Gebäudes wirkt in Teilen wie ein Schweizer Käse

Je nach Schadensumfang wird das Armierungseisen ausgetauscht oder repariert. Der 100 Jahre alte Beton ist recht grob, kein Vergleich zu dem feinen Material, das nun ins Bauwerk gepresst wird. Experten habe extra für dieses Viadukt ein Gemisch zusammengestellt, das sich perfekt mit dem vorhandenen Material verbinde und dadurch das Maximum an Stabilität liefere. Denn das ehrwürdige Viadukt wird nach intensiver vorangegangener Durchleuchtung und Auswertung mit Betoninjektionsspritzen punktgenau saniert. Sven Rautenberg spricht von einer Art „Schweizer Käse“. Der Beton ist teils porös, es gibt Löcher. Also wird an unzähligen Schwachstellen, die zuvor erkannt worden sind, ein Gemisch ins Gebäude gepresst. Das kriecht langsam durch die löchrigen Adern des Stahlbetonkörpers, füllt alle Hohlräume aus und ist nach sechs Tagen hart. Sie haben mal oben gespritzt und ein paar Meter weiter unten drang das Gemisch wieder aus. Abschließend wird eine Spritzbetonschicht aufgetragen, Reprofilierung nennt sich das, die zusätzliche Stabilität liefert und das Eisen schützt, erläutert Dipl.-Ing. Wolfgang Eder, Brückensachverständiger. Eine weitere Schutzschicht wird später aufgetragen. Das alles dauert Stunden, Tage, Wochen, Monate, denn es gibt acht Bögen und die Pfeiler sind gewaltig. Das Viadukt ist 168 Meter lang und 32 Meter hoch. Der Bogen über der Straße soll im Juni fertig sein. Auch das Landesdenkmalamt macht Vorschriften, beispielsweise soll die Außenfarbe nicht verändert werden. Die Schutzschicht muss farblos sein.

Das erste Bauwerk, das auf diese Art saniert werde

Auf einmal weist jemand nach oben. Ein Hakenkreuz und eine Zahl sind an der Außenseite zu erkennen. 1933 wurde bereits saniert, Stahlnetze wurden eingefügt und Beton aufgespachtelt. Doch die zahlreichen Sanierungen reichten nicht aus. Dipl.-Ing. Bettina Marquardt, Statikerin vom Ingenieurbüro Rothenhöfer aus Karlsruhe, schaut sich die Stellen an. Das Bauwerk musste saniert werden, sagt sie. Sie würdigt das innovative Verfahren, die Verzahnung zwischen praktischer Sanierung und technischer Überwachung. Dieses Viadukt sei vielleicht das erste Bauwerk, das auf diese Art saniert werde, mit Experten aus den Bereichen Statik, Ausführung, Überwachung und Chemie. Auch sie ist begeistert.

Sperrung nutzen

2,2 Millionen Euro soll die Sanierung des Viadukts Laufenmühle kosten. Die Arbeiten sollen im Mai/Juni 2018 abgeschlossen sein. Weil die Strecke nach Rudersberg derzeit gesperrt ist, hat man mit dem Bogen begonnen, unter dem die Straße verläuft.