Welzheim

Historischer Verein Welzheim arbeitet verstärkt in Fundus und Lager: Schätze sichten in Coronazeiten

Museumsfundus
Wo man hingreift, ist es interessant: Dieter Frey (links) und Wolfgang Grabe im Bildarchiv des Museums Welzheim. Das kommt nun in Regale. © Zühr

„Erschrecken Sie nicht. Wir nehmen eher mehr als weniger“, scherzt Dieter Frey, Erster Vorsitzender des Historischen Vereins. Spricht’s und öffnet die Tür der altehrwürdigen Scheuer auf dem Museumshof. Dort lagert unter einem Teil des Dachs Interessantes mit Heimatbezug. Vieles davon soll nun wieder gesichtet, besser geordnet und erfasst werden, manches repariert.

Unter den alten Balken treffen Orts- und Familiengeschichte aufeinander. Zum Beispiel bei betagten Bildern, Fotos und Urkunden, die, vielfach fein gerahmt, aneinanderlehnen. Wo man hingreift, ist es interessant. Da zeigt Dieter Frey einen Gesellenbrief eines Maurergesellen von 1916, ein elegant gestaltetes, feierliches Dokument, dort ein Hochzeitsbild mit würdig-ernstem Brautpaar - und der Todesanzeige der Braut Jahrzehnte später auf der Rückseite. „Wir haben viele alte Meister- und Gesellenbriefe“, weiß Frey. Doch auch anderes, etwa eine Ehrenurkunde vom Bauerntag 1925 in Welzheim, hat die Zeiten überdauert und seinen Weg ins Bildarchiv des Museums gefunden.

Ehrenamtliche müssen wegen der Infektionsgefahr passen

Überhaupt, die Zeit. Mehr müsste man haben, so geht’s auch den Machern des Historischen Vereins. Doch Corona brachte einige Aktivitäten im Museum zum Erliegen. Die Ausstellung wird zu eingeschränkten Öffnungszeiten gezeigt, der regelmäßige Nachmittag mit Kaffee und Kuchen kann nicht abgehalten werden, Vorführungen an Webstuhl oder Spinnrad ergeht es ebenso. Viele ältere Ehrenamtliche müssen im Museumsdienst passen, weil sie in Sachen Infektionsgefahr zur Risikogruppe gehören.

Mit dem Schlitten früher bis zur Laufenmühle gesaust

Im Museum selbst ist also weniger zu tun. Und somit Gelegenheit, sich Arbeiten in Lager und Fundus zu widmen. Da besteht Bedarf, sagt Museumswart Wolfgang Grabe mit einem Augenzwinkern. Einmal, weil ein Teil des Fundus mehrfach umgezogen ist und damals zügig verstaut werden musste. Zum anderen wegen der Zahl der Stücke. „Außer Platzproblemen haben wir alles.“

Längst nicht alles lagert im Fundus quasi für die Ewigkeit

In der Tat verfügt der Historische Verein über eine erstaunliche, ja malerische Bandbreite von Exponaten „im Dornröschenschlaf“. Alte Kinderwagen mit Korbgeflecht etwa, bunt bemalte Bauernschränke, Singer-Nähmaschinen, große Aussteuertruhen, Skier und Schlitten. Mit Letzteren sind die Kinder von Welzheim bis zur Laufenmühle gesaust, so die Museums-Aktiven.

Längst nicht alles lagert im Fundus quasi für die Ewigkeit. Es kann sich etwas in den Schauflächen des Museums ändern, manches Stück wie eine alte Strohband-Maschine wird beim Holz- oder Bauernmarkt wieder gebraucht, und in einer alten Chaise, die der Verein restaurieren ließ, fahren die Ehrenbürger am Heimattag.

Wolfgang Grabe und Dieter Frey kennen die Geschichte vieler Stücke und wissen, wem sie gehörten. Manches wird sogar zu einem besonderen Familientreffen noch mal aufgestellt. Bei anderen muss man zweimal hinschauen, was es wohl ist. So greift Wolfgang Grabe zu einem schmalen Metallkrug, in dem es verheißungsvoll klappert. Siehe da: ein Litermaß für Milch mit Trichter ist’s. Beides wurde früher in einer Molkerei verwendet. Die gab es auch einst in der Limes-Stadt.

Nicht nur spektakuläre Stücke wecken das Interesse

Was hier lagert, hat der Verein in der Regel geschenkt und anvertraut bekommen. Vor Haushaltsauflösungen, wenn alte Häuser oder Scheuern abgerissen oder geräumt werden, greift mancher zum Hörer: „Könnt Ihr es brauchen?“ Außerdem vergeht kaum ein Sonntag, an dem nicht ein Besucher mit einem Stück unter dem Arm ins Museum kommt, um es diesem zu vermachen.

Oft müssen die Aktiven mit Blick auf viel bereits Vorhandenes dankend ablehnen. Mit anderem, alten Großgeräten von einem Bauernhof beispielsweise, tut sich auch das Museum schwer. Und doch: Gesichtet wird gern, schließlich findet sich womöglich ein besseres Exemplar oder die Dinge sind zwar nicht fürs Museum, aber fürs Kreisarchiv interessant. Dann werden sie weitergeleitet.

Überhaupt wecken nicht nur spektakuläre Stücke das Interesse, sondern auch die vermeintlich alltäglichen, sofern sie authentisch sind und zur Geschichte Welzheims und des Welzheimer Walds passen. Fragen, Anbieten ist immer gut, sind sich Wolfgang Grabe und Dieter Frey einig.

Besondere „Leckerbissen“ stellen heimatkundliche Bestände passionierter Sammler dar. Großes Interesse hegt der Verein ebenfalls für alte Dokumente, auch jene aus der Zeit des Nationalsozialismus, für Außergewöhnliches sowie historische Bestände alteingesessener Firmen. „Da kriegen wir leider zu wenig“, bedauert Dieter Frey. Ein Archiv von Bauknecht in Welzheim etwa hätte seine Augen zum Leuchten gebracht.

„Munz Pferd und Landauer“ stehen im Regal

Wobei der Fundus im Firmenbereich durchaus über Interessantes verfügt, und zwar von der früheren Spielwarenfabrik Munz. Was der Verein dazu erhalten hat, lagert in einer der Garagen, in denen die Firma Bauknecht einst Lkws untergebracht hatte. Die Firma Munz hat früher in Welzheim Spielzeug hergestellt und ins In- und Ausland geliefert. Die sorgsam gestalteten und in Handarbeit gefertigten Kinderlieblinge wurden auch per Katalog vertrieben. „Munz Pferd und Landauer“, „Steinbock“ oder „Drei Kamele“ steht auf den Kartons in den Regalen. Gar alte Bleisatzvorlagen für den Druck der Kataloge sind erhalten geblieben. „Das ist Industriegeschichte, Firmengeschichte“, schwärmt Wolfgang Grabe. „Wenn man so etwas in die Finger kriegt, da haben wir Interesse daran.“

Puppenstuben harren einer Restaurierung

Im Munz-Bestand spiegelt sich gleichsam die Zeitgeschichte: Nach dem Ersten Weltkrieg musste die Produktion umgestellt und im Nationalsozialismus auf die Bedürfnisse des Krieges hin ausgerichtet werden, weiß Dieter Frey. In und nach dem Krieg stellte das Unternehmen Leiterwagen her, bis in die sechziger Jahre. Die stehen auch im Regal, zu erkennen am Schriftzug „Flottweg“.

Zwei Regale weiter lässt sich noch mehr auspacken, was Kinderherzen höherschlagen lässt: Puppenstuben mit Möblierung, die die Welzheimer gespendet haben, dazu Kartons voller Puppen, Geschirr und allem, was das Miniaturheim braucht. „Wenn man da jemanden hat, der ein Faible dafür hat“, sinniert Wolfgang Grabe. Der könnte hier restaurieren und ausstaffieren, dann könnten die Stuben ausgestellt werden. So ergeben sich aus dem Fundus wieder neue Ideen fürs Museum, während Neuzugänge ins Lager aufgenommen und wieder geräumt werden muss. Ein Kreislauf, eine Aufgabe für die Museumsmacher, die nie vollendet ist und doch immer spannend bleibt.

„Erschrecken Sie nicht. Wir nehmen eher mehr als weniger“, scherzt Dieter Frey, Erster Vorsitzender des Historischen Vereins. Spricht’s und öffnet die Tür der altehrwürdigen Scheuer auf dem Museumshof. Dort lagert unter einem Teil des Dachs Interessantes mit Heimatbezug. Vieles davon soll nun wieder gesichtet, besser geordnet und erfasst werden, manches repariert.

Unter den alten Balken treffen Orts- und Familiengeschichte aufeinander. Zum Beispiel bei betagten Bildern, Fotos und

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper