Welzheim

Integrationsministerin Bilkay Öney beim Friedensgebet in Welzheim

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Der Initiator des Welzheimer Friedensgebets Martin Becker spricht, und alle stimmen ihm zu. Rechts: Integrationsministerin Bilkay Öney. Neben ihr der SPD-Landtagsabgeordnete Gernot Gruber. © Habermann / ZVW

Welzheim. Die überkonfessionelle, überparteiliche Pace-Fahne liegt über dem Taufbecken, das Kreuz und der gekreuzigte Jesus sind nicht abgehängt. Warum auch! So im besten Sinne multikulturell und – jawohl! – gutmenschlich wurde da in der Gallus-Kirche für den Frieden gebetet, die Integrationsministerin Bilkay Öney dabei wohl integriert.

Wir sind nicht besser wie die anderen, wir sind nur anders als die anderen, unsere Kultur ist nicht besser als die der anderen, unsere Kultur ist nur anders als die der anderen, anders zu sein ist nicht besser als die anderen, anders zu sein ist nur anders als die anderen.

In Welzheim, da wagt man was. Seit Jahren. Manche christlichen Gemeinden sind ja ganz stolz, wenn sie die Ökumene hinbekommen, die gemeinsame Feier derer, die sich auf Jesus berufen. Was für eine Heldentat!

Nein, in Welzheim ist man fürwahr weiter. Es brauchte einen Freigeist, den evangelisch verankerten Ehrenamtler Martin Becker, um die Kirche, fast egal welche Kirche, zu öffnen. Und so rückte dieses Mal zum hohen Besuch der Ministerin aus den Stuttgarter Niederungen besonders die alevitische Gemeinde in den Mittelpunkt. Damit besonders liberale Muslime. Dazu gestalteten die neuapostolischen Freikirchler mit ihrem Chor weite Teile der Liturgie, durch die allemal ein Glanz geht. Und nicht nur, weil Kerzenlichter brennen statt Kunstlicht, und gehabte Rituale wie ausgeknipst wirken. Flankierend stehen Katholiken bereit, oder die Abordnung der großen Welzheimer islamischen Gemeinde, die zur staatlichen Ditib-Organisation gehört.

Die türkischstämmige Ministerin begrüßt mit einem „Grüß Gott“

In dieses Setting platzt nur fünf Minuten verspätet Bilkay Öney, die in ihrer langen Berliner Zeit gelernt hat, allem Religiösen, zumindest Überreligiösen, mit starker Skepsis zu begegnen. Sie läuft auf den SPD-Wahlkreisabgeordneten Gernot Gruber zu, auf den Parteifreund, und begrüßt ihn – verkehrte Welt! – mit einem „Grüß Gott“. Später wird sie sagen, sie passe sich hier den Gewohnheiten an. Es heißt nicht, dass sie aus lauter Ranschmeiße zur Wahlkampfzeit jetzt auch noch konvertiert zu irgendetwas. Es gehört zur üblichen Hetze auf Politiker, ihnen zu unterstellen, sie beteten mit jedem mit, nur um des Machterhalts willen.

Nein, Öney lässt in ihrem Gruß-Reden- Grüß-Gott am Mikrofon alles offen, und sagt dabei eben doch etwas Wichtiges. Sie verweist auf den Gründer der „Weltethos“-Aktion, den katholischen Kämpfer wider die eigene Institution Hans Küng. Der hat mal gesagt: „Es gibt keinen Frieden zwischen den Nationen ohne einen Frieden zwischen den Religionen.“ Genau so eine Zusammenkunft, spricht sie, sei ein wichtiger Schritt, die richtige Antwort auf alles Unversöhnliche, das uns gerade jetzt auf den Bildschirmen aufscheint. Die Weltlage ist ja zum Verzweifeln, deshalb brauche es auch den „Glauben in die richtige Lösung“. Kleine Schritte seien vonnöten. Und, jetzt kommt’s, das sei vornehme Aufgabe aller, das habe einzubeziehen wirklich alle, „auch wenn sie keiner Religion angehören“. Der Respekt voreinander, das verbinde uns. Egal welchen Geschlechts, sexueller Orientierung, um gleich noch ein anderes Anliegen der Landesregierung zu ventilieren, egal welch religiöser oder politischer Couleur. Kurz, dieses Statement, aber es ist viel gesagt.

Hernach, und vor dem gemeinsamen Essen aller im Bonhoeffer-Haus, stattet sie dem Initiator Martin Becker einen Dank ab, der wohl nicht zu den üblichen Kanzlei-Worten gehört. Sie komme ja schon rum im Lande, sprach sie, aber so etwas habe sie noch nicht erlebt. Diese Arbeit am Frieden lässt sie „sehr beeindruckt“ wieder nach Stuttgart fahren. Dann: So schnell berühre sie nichts. Sie, die immer gerufen wird, wenn es irgendwo gebrannt hat, und hernach brennende Kerzen vom hoffentlich merklichen Aufstand der Zivilgesellschaft, vom Aufstand der Anständigen künden, sie fühlt sich an diesem Abend berührt.

„Gott erbarm dich deiner blutbefleckten Erde“

Mit genau dieser Mischung: mit dem gemeinsamen Gesang aller, einem Bittgesang aus der Schweiz des 20. Jahrhunderts. Darin heißt es: „Gott erbarm, erbarme dich deiner blutbefleckten Erde: Unsre Seele sehnet sich, dass du sprichst ein neues ,Werde!’. Send uns Kraft und Zuversicht, die der Waffen Joch zerbricht.“ Das soll schallen bis zum Trommelfellzerreißen in den Ohren der Waffen-Händler wie der -Anwender, der Mörder in allen Verkleidungen.

Am Anfang des Abends aber stand der kurze Text, den eine junge Alevitin vortrug. Es sind die Zeilen, die oben abgedruckt sind. Eine einzige Aufforderung, das Andere um uns, in uns zuzulassen. Als Bereicherung. Nicht als Bedrohung. Da sollen sie doch kommen, die Hetzer und die Ketzer. Interkulturell, multikulturell, das taugt noch in 100 Jahren nicht als Beleidigung. Das muss gelebt werden. Die in Welzheim machen es. Was für ein Glanz in genau dieser Hütte.