Welzheim

Kultureller Stillstand im Welzheimer Wald

Die schwäbische Mundartband spielt in der Rems-Murr-Halle.Leutenbach
Die Band „Wendrsonn“ hofft, am 12. September in Welzheim auftreten zu dürfen. © Gabriel Habermann

Die Kultur macht Pause. Acht Wochen Corona-Lockdown sind am öffentlichen Leben des Schwäbischen Waldes nicht spurlos vorübergegangen. Im Gegenteil, sie werden noch lange nachhallen, sowohl wirtschaftlich wie auch gesellschaftlich. Auch das ansonsten nicht zuletzt durch private Initiativen facettenreiche Kulturleben ist nicht unberührt geblieben, über Wochen hinweg herrschte absoluter Stillstand, und es wird noch sehr lange dauern, bis sich eine neue Normalität eingespielt hat – wobei allein schon der Begriff „neue Normalität“ ein Oxymoron darstellt.

„Seit das Coronavirus im März über uns hereingebrochen ist, findet in Welzheim keine Kultur mehr statt“, bedauert Ute Heyd von der Kultursäue. Im Verein habe man alle großen Veranstaltungen zunächst einmal abgesagt, nun hoffe man, dass es irgendwie und irgendwann weitergehe. Die eigentlich fürs Frühjahr geplanten „Interkommunalen Theatertage“ könnten eventuell im Oktober/November nachgeholt werden, aber konkrete Pläne dafür habe man noch nicht mit der Stadt zusammen erarbeitet. In letzter Zeit hätten auch im Verein keine Sitzungen mehr stattgefunden, man habe Mitglieder mit über 80, die wollte man keiner Gefahr aussetzen. Sie selbst sei eine der Jüngsten in der Riege.

Vorstellbar sei ein kulturelles Herbstprogramm in Welzheim

Ins Auge gefasst habe man für den Herbst eine Lesung mit Gin-Verkostung, die werde wohl stattfinden können, dafür seien maximal 70 Besucher vorgesehen, das könne man stemmen, auch bei den aktuell geltenden Auflagen. Aber etwas müsse geschehen, „schließlich wollen wir doch unsere Künstler nicht hängen lassen, die sich auf uns verlassen und alle gern nach Welzheim kommen“. Vorstellbar sei ein eingeschränktes Herbstprogramm; die Holyhalle sei für 100 Besucher zugelassen. Mulmig werde es allerdings, wenn man sich eine Veranstaltung vorstelle mit um die hundert Besucher, die in der Pause alle gleichzeitig ins Hallenfoyer stürmen.

Konkrete Termine könnte sie im Augenblick noch keine angeben, die Kultursäule stehe mit den Künstlern im Gespräch und bemühe sich, dass man zusammenfinde. Schließlich dürfe man diese nicht hängenlassen. Was die Theatergruppe betreffe, die von ihr ebenfalls geleitet werde, berichtete Ute Heyd, dass die Auflagen für Proben in der Holyhalle derart streng seien, dass man sich entschlossen habe, sie bis zum Herbst auszusetzen. Üblicherweise probe man ein neues Stück ab November, dies sei ausreichend für die Aufführung im Mai. Inzwischen hätten die Schauspieler ausreichend Zeit, ihre jeweiligen Rollen einzustudieren. Durch das Coronavirus habe man zwar, wenn man so wolle, ein Jahr verloren, aber der Kontakt zum Publikum bleibe dennoch bestehen.

Die Band „Wendrsonn“ hält am Termin 12. September fest

Die weit über den Schwäbischen Wald hinaus angesagte Band „Wendrsonn“ blickt ebenfalls hoffnungsvoll auf die Holyhalle. Dort sei für den 12. September ein Auftritt geplant, und man habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass es mit ihm hinhaue, berichtet Bandleader Markus Strecker. Langfristig habe man allerdings keinen Plan, wie es künftig weitergehen soll, räumt der für die Terminplanung von „Wendrsonn“ zuständige Ralph Gelhard ein.

Seit Mitte März seien alle Termine gestrichen, und die meisten davon könnten auch nicht nachgeholt werden. Zudem, erklärt er, erstrecke sich Programmplanung der meisten Kulturschaffenden, -aufführenden und auch -ämter meist über mehrere Jahre hinweg, und im Augenblick scheue man sich in der Szene, überhaupt für 2021 in die konkrete Planung einzusteigen, da man nicht wisse, was tatsächlich noch auf einem zukomme und ab wann ein normaler Kulturbetrieb wieder möglich sei.

Markus Strecker betont, er sei froh, dass die Bandmitglieder nicht ausschließlich von der Band lebten, einige würden unterrichten – virtuell und nun auch wieder real –, ein Mitglied sei in Kurzarbeit. Aber auch er bewertet die Zukunft eher düster, schließlich müssten weiter Rechnungen bezahlt und die Verpflichtungen bedient werden. Einen positiven Aspekt sieht er für sich darin, dass ihm die Corona-Krise die Möglichkeit gegeben hat, einmal innezuhalten und an sich selbst und die eigene Gesundheit zu denken. Bei fünfzig Auftritten im Jahr sei er bereits an die Grenze der Belastbarkeit gelangt. Zudem eröffne sich nun die Gelegenheit, neue Stücke einzuspielen und in der Band auch das eine oder andere auszuprobieren. Schließlich helfe es nicht, einfach nur die Hände in den Schoß zu legen, zu jammern und darüber depressiv zu werden. Die Krise sei weltweit hereingebrochen, niemand könne dafür die Schuld gegeben werden, nun müsse man eben durch!

Auch beim „Reezer Theäterle“ wird es in diesem Jahr keine Aufführung geben, berichtet Susanne Oesterle. Wegen der Sommerpause hätte man inzwischen längst mit den Proben anfangen müssen. Aber im Verein habe man beschlossen, ein Jahr auszusetzen. Wenn man nur daran denke, wie bei all den Hygiene- und Abstandsbestimmungen eine Aufführung organisiert werden könne, dann mache sich eine gewisse Lustlosigkeit breit.

„Stellen Sie sich doch nur die Druckerei am Eingang vor, wenn die ersten Besucher schon anderthalb Stunden vor Aufführungsbeginn kommen, um einen guten Platz zu ergattern.“ Es sei eben alles anders an sonst in diesem Jahr, und im Augenblick stehe ja auch noch in den Sternen, ob es dieses Jahr eine Reezer Kirbe geben werde. Nun habe man sich in aller Ruhe auf die Suche nach einem Stück für 2021 gemacht. Finanziell könne der Verein ein Pausieren durchaus stemmen, da man keine ständig wiederkehrenden Fixkosten zu bedienen habe. Zudem habe man den Vereinsausflug ausfallen lassen, der eigentlich für das erste Juni-Wochenende vorgesehen gewesen wäre. „Übernachtungsmöglichkeiten hätten wir schon gefunden“, erzählt Oesterle, „aber wie willst du es halten, wenn du mit 38 Leuten essen gehen willst? Mit Maske? In mehreren Schichten?“ Bei diesen Aussichten habe man gern verzichtet und zusätzlich auch noch Geld gespart.

Schweren Herzens mussten die Kaisersbacher Landfrauen bis zu den Sommerferien absagen, berichtet deren Vorsitzende Gisela Seitz. „Es ist ewig schade, dass gerade in diesen Corona-Zeiten keine gemeinsam gelebte Kultur möglich ist, aber die selbstverständlich notwendigen Auflagen machen dies einfach zu kompliziert.“ Die Landfrauen hofften nun auf den Herbst und das kommende Jahr; ein tolles Programm sei vorbereitet, das seinen Teil dazu beitragen soll, die Menschen wieder zusammen- und ihnen die heimische Kultur näherzubringen. Keinesfalls habe man aber auf die traditionelle gemeinsame Wanderung verzichtet, auch wenn sie ebenfalls im Zeichen der Corona-Pandemie stehe. In Kleinstgruppen wandere man am 29. Juli zur Waldschenke am Ebnisee, und selbstverständlich werde man sich dabei an alle Auflagen halten.

Welzheimer Mediathek als Brennpunkt des Kulturgeschehens

Im wahrsten Sinne zu einem Brennpunkt des Kulturgeschehens hat sich die Welzheimer Mediathek entwickelt, seit sie am 6. Mai wieder geöffnet hat. Es sei bemerkenswert, berichtet der Leiter Fredrik Guth, „wir haben die Öffnungszeiten halbiert, gleichzeitig haben sich die Ausleihen aber verdoppelt!“ Da die Mediathek nur über zwei hauptamtliche Kräfte verfüge, habe man sich so organisiert, dass er den Vormittagsbetrieb von 10 bis 12 Uhr übernommen habe, seine Kollegin betreue die Kunden nachmittags von 16 bis 18 Uhr. Dadurch wolle man verhindern, dass womöglich beide krankheitsbedingt ausfallen. Interessant sei, dass vor allem die Nachfrage nach Büchern, speziell nach Romanen und Kinderbüchern, geradezu explodiert sei.

Kaum erhöht habe sich dagegen die Nachfrage nach Filmen und Computerspielen. Die Welzheimer, so sein Fazit, seien geradezu ausgehungert nach Literatur, und immer wieder werde ihm von treuen Kunden bescheinigt, wie wichtig ihnen die Mediathek sei, und wie dankbar man dafür sei, dass die Türen der Mediathek wieder offenstünden. Guth bedauert allerdings, dass ein wichtiges Standbein des Angebots, die Kinderveranstaltungen, „auf null“ gefahren werden mussten. Es liege in der Natur der Sache, dass es unmöglich sei, bei Kindern die Hygiene- und Abstandsbestimmungen einzuhalten. Wann eine Rückkehr zur Normalität möglich sei, wisse er nicht, im Raum stehe nach wie vor das Wort von Kanzlerin Angela Merkel, eine Rückkehr zur Normalität sei erst dann möglich, wenn ein Impfstoff gegen Covid-19 vorliege.

„Es läuft noch gar nichts“ in der Volkshochschule

Auf die Frage, wie es bei der Außenstelle Welzheim der Volkshochschule Schorndorf weitergehe, konnte deren Leiterin Kerstin Buchwald in den Tagen vor Fronleichnam keine andere Auskunft geben als „Zurzeit läuft gar nichts! Die Volkshochschule würde den Lehrbetrieb liebend gern wieder aufnehmen, sie ist aber auf die Räumlichkeiten angewiesen, die ihr von der Stadt in den öffentlichen Schulen zur Verfügung gestellt werden.“ Buchwalds Tipp für Bildungshungrige: sich direkt an die Schorndorfer Zentrale wenden. Dort lief über Telefon allerdings lediglich ein Band mit dem Hinweis, dass man bis zum 5. Juni einem Betriebsverbot unterliege. Danach hoffe man, behutsam den Unterrichtsbetrieb wieder aufnehmen zu können, unter strikter Berücksichtigung der Hygiene- und Abstandsregeln, zunächst mit den Kursen, die bestimmten Abschlussprüfungen und Prüfungsverfahren unterliegen. Teilnehmerinnen und Teilnehmer weiterer Kurse werden separat benachrichtigt und dabei informiert, wann die Fortführung beginnen werde. Durch den anempfohlenen Besuch der Homepage war weiter zu eruieren, dass das Schorndorfer Sekretariat voraussichtlich ab 22. Juni wieder eingeschränkt arbeiten werde und an diesem Tag ein Tastaturschreibkurs stattfinden soll; der für 26. Juni angebotene Kurs Spanisch für Urlauber ist zwischenzeitlich wieder von der Homepage verschwunden.

Wie man es auch machen kann, erzählt Thomas Weber vom „kabirinet“ in Spiegelberg-Großhöchberg. Nachdem man zunächst bis 31. August alle Veranstaltungen im Zusammenhang mit Theater absagen musste, weil keine Möglichkeit bestehe, „sie so abzuhalten, wie wir sie anbieten wollen, und wie unser Publikum ein Anrecht darauf hat“, konzentriere man sich auf Musikveranstaltungen, die im Rahmen der geltenden Auflagen möglich seien, wie etwa die „Lümmelpicknicks“ und die „Sandkastenfestspiele“, bei denen samstagabends bei gutem Wetter im Biergarten fetzige Musik und hervorragende Bewirtung geboten werde. Spitzenmusiker wie Stefan Hiss, die Lenz Brothers, James Geier, The Sophisticated Orchestra und andere würden dankbar die Gelegenheit zum Auftritt und zum direkten Kontakt mit ihren Fans ergreifen. Er empfahl, sich jeweils auf der Homepage www.kabirinet.de zu informieren, ob es sich lohne oder nicht, nach Großhöchberg zu kommen. „Im Augenblick müssen wir alle abwarten, was geschieht“, fasst Weber die Situation im Kulturbetrieb des Schwäbischen Waldes zusammen, „es gibt keine wirkliche Perspektive. Wir hangeln uns von Woche zu Woche und warten, was Merkel und Kretschmann beschließen. Unser Publikum genießt derweil das kulturelle Leben mit Sicherabstand und in geordneten Bahnen.“

Nichts von kulturellem Stillstand bemerkt hat der im Waiblinger Landratsamt angesiedelte Verein „Schwäbischer Wald Tourismus e.V.“ „In Gegenteil“, blickt Miriam Pfähler zurück, „wir wurden bei dem fantastischen Wetter in den zurückliegenden Wochen mit Anfragen nach Ausflugs- und Wandertipps geradezu überhäuft und sind jetzt dabei, den Berg an Arbeit, der aufgelaufen ist, abzubauen. Unser Hauptaugenmerk lag darauf, wie vermieden werden kann, dass einzelne Touren oder Wege überlaufen sind.“ So habe man zum Beispiel für den Pfingstausflug sechs verschiedene Empfehlungen gleichzeitig vorbereitet. „Für uns ist die Situation im Augenblick geradezu perfekt. Alle sind in der Stadt in den Startlöchern und streben hinaus in die Natur. Und hier bietet sich unser Schwäbischer Wald mit seinem vielfältigen Angebot an erster Stelle an.“

Die Kultur macht Pause. Acht Wochen Corona-Lockdown sind am öffentlichen Leben des Schwäbischen Waldes nicht spurlos vorübergegangen. Im Gegenteil, sie werden noch lange nachhallen, sowohl wirtschaftlich wie auch gesellschaftlich. Auch das ansonsten nicht zuletzt durch private Initiativen facettenreiche Kulturleben ist nicht unberührt geblieben, über Wochen hinweg herrschte absoluter Stillstand, und es wird noch sehr lange dauern, bis sich eine neue Normalität eingespielt hat – wobei allein

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper