Welzheim

Laufbus statt Eltern-Taxi

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Die Gruppe hat die Schule erreicht. Den Abschluss bildet Vanina Freiwald mit ihrem Hund. © Christian Siekmann
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Blick von der Mensa aus: Vier Autos und dazwischen viele Kinder. Von rechts nähert sich ein Bus. © Christian Siekmann

Welzheim. Zwei kleine Gestalten nähern sich an einem üblichen Schultag kurz vor 7 Uhr der Laufbus-Haltestelle zwischen Minigolfplatz und DRK-Wache. Jacken und Tornister blinken. Ein paar Minuten später kommt eine größere Gruppe vorbei. Mutter Vanina Freiwald führt die Gruppe an, ohne immer vorneweg zu gehen. Ihre Elterninitiative hat den Laufbus in Welzheim ins Leben gerufen. Nun haben wir uns mal angeschaut, wie die Aktion angenommen wird – und einen Einblick ins morgendliche Treiben am Schulzentrum erhalten.

Die Einschätzung, ob morgens beim Schulzentrum Chaos herrscht, ist durchaus subjektiv. Manche Eltern werden das bestreiten. Wer Chaos gewohnt ist, stumpft gegebenenfalls ab. Unser Eindruck: An diesem typischen Morgen herrscht zwischen Christian-Bauer-Mensa und Limes-Gymnasium zeitweise großes Chaos. Einige Eltern fahren auf der Helmut-Glock-Straße Richtung Schule, an Bord mindestens ein Kind. Andere kommen von der Lindenstraße, halten, lassen den Nachwuchs aussteigen und wollen in die Helmut-Glock-Straße einbiegen. Dann nähert sich ein Bus, der vor den Eingang des Gymnasiums fährt. Der Bus darf das, Autos nicht. Hält sich nicht jeder dran: Ein Auto biegt rechts ab und hält vorm Limes-Gymnasium. Zum ersten Mal zückt der Vollzugsangestellte der Stadt, Kai-Olaf Müller, seinen Stift, notiert sich das Kennzeichen. „Ist das hier jeden Morgen so?“, fragt der Redakteur, als der Uhrzeiger kurz nach halb acht anzeigt. Sie hätten etwas früher kommen müssen, sagt Müller. Denn gegen 7.20 Uhr erreiche das Chaos seinen Höhepunkt. Wir schauen uns um, und just in dem Moment muss ein Fahrer den Rückwärtsgang einlegen und in die Helmut-Glock-Straße zurückfahren, da sich ein Bus nähert. Blöd nur, dass der Fahrer hinter ihm nun ebenfalls zurücksetzen muss.

Eine Eltern-Initiative hat einen "Laufbus" für Schüler entwickelt

Auch die Polizei schaut manchmal morgens vorbei

Weitere Autos nähern sich, ohne Kinder. Das sind die Lehrer, die auf ihre Parkplätze wollen. Dann schaut auch noch die Polizei vorbei. Ein Vater steigt aus, nähert sich zu Fuß und fragt, warum Fotos gemacht werden. Ob er etwas falsch gemacht hat? Na ja. Nicht direkt. Wir sind bloß die Chronisten des Chaos. Dann ist ja gut. Er verschwindet. Und doch findet Mutter Vanina Freiwald, dass der Laufbus das Verkehrschaos etwas verringert hat. „Wir wollen die Eltern ja nicht ärgern, sondern den Kindern helfen.“

Kai-Olaf Müller kippt Wasser in den Wein der Hoffnung. Er glaubt nicht, dass seit einigen Wochen morgens weniger Autos fahren. Er ist sehr pessimistisch.

Warum hofft Vanina Freiwald? Zu Beginn des neuen Schuljahrs hat eine Elterninitiative um die Elterbeiratsvorsitzende der Bürgfeld-Gemeinschaftsschule das Laufbus-Projekt für Welzheim aufgegriffen (wir haben berichtet). Die Idee: gemeinsam zur Schule laufen. Kinder treffen sich morgens an ausgeschilderten Laufbus-Haltestellen, die wurden im Vorfeld an bewusst gewählten Punkten mit Schildern gekennzeichnet, und gehen gemeinsam zur Schule. Mindestens ein Erwachsener kann Kinder, vor allem die ganz jungen, begleiten und aufpassen. Die Kinder sollen fit bleiben, plaudern und vor allem das morgendliche Verkehrschaos am Schulzentrum entzerren. Eine tolle Idee. Die wohl noch etwas Zeit benötigt, schenkt man Kai-Olaf Müller Glauben. Dabei ist die Situation paradox.

Elterntaxis schaden mehr als sie nützen

Vanina Freiwald wundert sich, man könnte auch sagen, sie ärgert sich. Nicht über alle Eltern, man weiß ja nie, aus welchen Gründen die ihre Kinder bringen, aber sicherlich sind nicht alle Fahrten notwendig. Das Problem der Elterntaxis ist ja kein Welzheimer Phänomen. Überall hört man ratlose Lehrer und Hausmeister, die dann überspitzt formulieren, „manche Eltern wollen ihr Kind mit dem Auto ins Klassenzimmer fahren“. Und das wundert Vanina Freiwald. Viele Eltern würden ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen, damit diese es sicherer haben und nicht zu Fuß knifflige Kreuzungen queren müssen. Doch genau damit verschärfen sie ein Problem, das sie erkennen, aber mit ihrer vermeintlichen Lösung noch vergrößern. Daher die Idee: Mehr Kinder gehen gemeinsam zu Fuß zur Schule, weniger Autos sorgen für weniger Verkehrschaos. Theoretisch.

Zebrastreifen: Kinder gehen, wenn Räder stehen

Spulen wir 40 Minuten zurück. Es ist dunkel, Nieselregen. Lichtkegel und das Rauschen der Reifen kündigen Autos an, die entweder auf der Schorndorfer Straße Richtung Stadtzentrum fahren oder Richtung Remstal. Der eine hält sich an die 50 Kilometer pro Stunde, der eine drückt ein Auge zu – und den Gasfuß durch. Zielstrebig geht ein Kind auf den Zebrastreifen vor der Residenz am Stadtpark zu. Es stellt seine Füße parallel zu den Zebrastreifen und wartet. Ein Auto nähert sich. Der Junge wartet. Erst als das Auto anhält, geht der Junge los. Ähnlich macht das auch die Gruppe um Vanina Freiwald. Die Kinder sollen die Gefahrenlage selbst einschätzen und entscheiden, wann sie die Straße überqueren. Dann laufen sie auf der Schlossgartenstraße, dort ist es bequemer und sicherer. Die Kinder quatschen und lachen. Nähern sich Lichtkegel, verlangsamen sie ihre Schritte und schauen, wie sich der Autofahrer verhält. Das ist ja auch unterschiedlich.

Manche halten an, lassen die Kinder passieren. Andere halten nicht an. Also muss man sich jeden Morgen nonverbal verständigen, ob erst die Reifen rollen sollen oder sich die Füße in Bewegung setzen. Vanina Freiwald kennt gefährliche Stellen, wo Autos oder Lkw gerne mal drehen. Sie passieren die nächste Ecke: Burgstraße/Lilienstraße. Die Mutter ermutigt die Kinder, selbst zu entscheiden, ob und wann sie gehen können. Dann die Ecke Rienharzer Straße. „Hier braucht es lange“, weiß Vanina Freiwald. Hier fahren viele Autos. Dann stehen wir vor der Mensa und treffen Kai-Olaf Müller.

Keine Seltenheit: Die eigenen Kinder sicher bringen wollen - und andere damit in Gefahr bringen.

„Das ist der Klassiker“, sagt dieser und hebt den Arm. „Von unten kommt ein Auto, von links der Bus.“ Manchen Fahrern legt er einen erneuten Besuch der Fahrschule nahe. Bei Regen sei das noch schlimmer, sagt er. Er würde sich wünschen, dass viele Eltern nicht bis zur Mensa fahren, sondern ihre Kinder – wenn schon – 200, 300 Meter vorher absetzen.

Kai-Olaf Müller und Vanina Freiwald beobachten Autos, die sich mitunter recht zügig der Kreuzung nähern. Einer fährt besonders schnell. Da reagierten besorgte Eltern schon mal etwas böse, weiß Vanina Freiwald. Na ja. Der Fahrer hat wahrscheinlich keine Kinder. „Doch“, sagt Vanina Freiwald, „der hatte zwei Kinder an Bord.“ Puh. Die eigenen Kinder sicher bringen wollen und damit andere im schlimmsten Fall gefährden. Das passt nicht zusammen. Müller klingt etwas resigniert: „Du wirst sie nicht verändern“, meint er, als er sich die vielen Autos anschaut, „das sind hausgemachte Probleme.“

„Der kürzeste Weg ist nicht immer der sicherste“

„Wir haben uns den Kopf darüber zerbrochen, was wir machen können“, sagt die Mutter. Eine Einbahnstraßenregelung sei nicht möglich, weiß Müller. Dann zeigen die beiden, wie die Kinder, von der Helmut-Glock-Straße kommend, einen Zickzackkurs wandern müssen, obwohl immer wieder Autos von oben oder unten kommen, denn es gibt keinen durchgehenden Fußweg. Nicht alle fahren sieben Kilometer pro Stunde. Würde ein Zebrastreifen helfen? Im verkehrsberuhigten Bereich sei das nicht vorgesehen. Schwierig. Insofern sei der Laufbus schon eine gute Idee, sagt Müller. Zum Glück sei bisher nichts passiert. Der Vollzugsangestellte wendet sich aber auch an Fußgänger. „Der kürzeste Weg ist nicht immer der sicherste.“