Welzheim

Laufenmühle in Welzheim ist von Corona gebeutelt

laufenmuehle corona 2020 01
Geschäftsführer Dieter Einhäuser (links) zusammen mit Bewohnern und Mitarbeitern in der Tieroase. © MARKUS METZGER

Die Besucherzahl im Erfahrungsfeld der Sinne ist wegen Corona und einer verkürzten Saison um ein Drittel eingebrochen. Statt 100 000 Besuchern konnten im Corona-Jahr schätzungsweise 60 000 bis 70 000 Gäste gezählt werden. Ein finanzieller Verlust, der derzeit noch aus Rücklagen abgedeckt werden kann. Denn auf den Genuss von Geldern aus den Programmen des Landes Baden-Württemberg und des Bundes kann die anthroposophische Einrichtung nicht hoffen. „Wir fallen durch alle Raster“, so der Leiter der Einrichtung Dieter Einhäuser im Gespräch mit unserem Mitarbeiter.

Einhäuser: Wurden mit Verordnungen gequält

Derweil müssen die rund 50 Heimbewohner aufgrund der zahlreichen Hygienevorschriften mit großen Einschränkungen leben. „Wir wurden mit Verordnungen gequält, manchmal wäre weniger mehr gewesen.“ Gute Nachrichten gibt es dafür von der Baustelle für den Neubau des Heims. „Wir sind im Zeitplan und werden im nächsten Jahre fertig“, berichtet Einhäuser.

Beim zweiten Shutdown light fühlte sich die Behinderten-Einrichtung schon besser vorbereitet. „Wir haben die Gruppen neu geordnet, damit es keine Überschneidungen mehr gibt.“ Das hat natürlich zur Folge, das manche Beziehungen zwischen den Bewohnern nicht mehr in der alten Form gepflegt werden können. Manche Rituale im Ablauf des Tages bleiben auf der Strecke. So kann das tägliche Morgenlied wegen der Infektionsgefahr nicht mehr gemeinsam gesungen werden. Solche Rituale sind für den Menschen wichtig und haben für behinderte Menschen eine noch größere Bedeutung und geben Halt.

Fabian arbeitet jetzt in der Kaffeerösterei

Fabian fühlte sich vor Corona im Restaurant Molina als Oberkellner sehr gut. Der 27-jährige arbeitet jetzt in der Kaffeerösterei mit, denn Molina ist, wie alle andere Restaurants in Bund und Land, geschlossen. „Ich freue mich darauf, wenn die Leute wieder kommen.“ Sehr bedauert hat Fabian, dass das Herbstfest ausgefallen ist. „Ich habe immer sehr gerne Theater gespielt.“

Bisher hat es keinen Infektionsfall bei den Heimbewohnern gegeben. Und die Heimleitung tut alles dafür, dass dies auch so bleibt. „Wir haben einen sehr hohen Anteil an Schwerbehinderten, die wegen ihrer Vorerkrankungen besonderes geschützt werden müssen“, berichtet Dieter Einhäuser.

Die Schwerbehinderten wohnen am oberen Gelände, das besonders abgeschirmt ist. „Die Bewohner leben in den Wohngruppen jetzt unter sich, da gibt es wenig Abwechslung“, erzählt Pressesprecherin Daniela Doberschütz. Zugenommen haben deshalb auch die Aggressionen. „Irgendwann geht man sich auf den Keks.“ Und immer wieder bekommen die Betreuer die Frage zu hören: „Wann ist Corona zu Ende?“

Die Vorbereitungen für das nächste Jahr sind ins Stocken geraten

Auch die Heimleitung hätte darauf gerne eine Antwort, doch die kann niemand geben. Viele Planungen und Vorbereitungen fürs nächste Jahr stocken, keiner weiß, was im Jahr 2021 tatsächlich stattfinden kann. Dieter Einhäuser hofft, dass 2022 wieder der Normalbetrieb beginnen kann. „Im Erfahrungsfeld der Sinne können wir so nicht jahrelang weitermachen, dann gehen wir bankrott.“

Anni vermisst die Besucher

Die 24-jährige Anni arbeitet jetzt im Gartenbau mit. Ihr macht die Arbeit Spaß. Aber viel lieber wäre die junge Frau wieder in der "Roten Achse" tätig. „Ich war immer bei den Führungen durch das Erfahrungsfeld der Sinne dabei, das fehlt mir sehr.“

Coronabedingt hat sich auch die Zusammenarbeit zwischen Betreuern und Bewohnern verändert. „Einfach mal spontan in den Arm nehmen, das geht einfach nicht.“ Für die Bewohner ist dies schwer verständlich, oftmals wird dies auch als Zurückweisung empfunden. Anni und Fabian berichten, dass durch das Masketragen auch die Kommunikation erschwert ist. Dies bezieht sich nicht nur auf die Sprache, sondern auch auf die Mimik. „Wir sehen nicht mehr, ob der Betreuer gut oder schlecht drauf ist. Einzige Möglichkeit ist laut Daniela Doberschütz, verstärkt auf die Augen zu achten.

Auf dem Gelände eine Stimmung der Trostlosigkeit

Durch den neuen Shutdown entsteht auf dem Gelände eine Stimmung der Trostlosigkeit, wie es der Heimleiter formuliert. „Wir haben alles hergerichtet und es sind keine Menschen da.“ Im Frühjahr, nachdem die Einrichtung wieder öffnen durfte, strömten die Menschen in Scharen ins Erfahrungsfeld. Das Interesse und der Nachholbedarf waren groß. Doch nicht jeder hielt sich an die Vorschriften. „Bei uns sind auch einige Querdenker aufgeschlagen, die vielen Gespräche haben unsere Mitarbeiter zermürbt.“ Die Mundschutz-Verweigerer haben der Einrichtung sehr viel Ärger gebracht mit Diskussionen und Streitereien.

Weil das Gebäude "Rote Achse" im Eingangsbereich wegen Corona nicht geöffnet werden konnte, hatte das Erfahrungsfeld der Sinne den Besuchern eine Ermäßigung auf den Eintrittspreis angeboten, verbunden mit der Bitte, den Unterschiedsbetrag der Einrichtung zu spenden. Die Hälfte der Besucher hat mitgemacht, die andere Hälfte hat den reduzierten Preis gewählt.

80 000 Euro für Hygieneartikel und Schulungen

Der Schaden durch Corona ist an der Laufenmühle groß, die Einrichtungen wurden regelrecht durchgeschüttelt und gebeutelt, jetzt hat man sich einigermaßen gefangen. Der Umsatz im Erfahrungsfeld der Sinne ist laut Dieter Einhäuser um 500 000 Euro zurückgegangen.

„Wir haben mit viel Aufwand die Hygienevorschriften im Gastronomiebereich und im Heim umgesetzt.“ Für Hygienematerialien und Schulung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wurden 80 000 Euro zusätzlich investiert und ein Ende ist derzeit nicht abzusehen. Bisher haben alle an einem Strang gezogen und die Krise sehr gut bewältigt, worauf nicht nur die Heimleitung zu recht Stolz ist.

Die Besucherzahl im Erfahrungsfeld der Sinne ist wegen Corona und einer verkürzten Saison um ein Drittel eingebrochen. Statt 100 000 Besuchern konnten im Corona-Jahr schätzungsweise 60 000 bis 70 000 Gäste gezählt werden. Ein finanzieller Verlust, der derzeit noch aus Rücklagen abgedeckt werden kann. Denn auf den Genuss von Geldern aus den Programmen des Landes Baden-Württemberg und des Bundes kann die anthroposophische Einrichtung nicht hoffen. „Wir fallen durch alle Raster“, so der Leiter

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