Welzheim

Marco Hogh kämpft um Arbeitsplätze bei der ATB Welzheim

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Marco Hogh,Betriebsratsvorsitzender bei ATB in Welzheim. © Schwarz / ZVW

Welzheim. Manchmal fragen ihn Leute, wo er arbeite, und wenn er antwortet, schauen sie irritiert: Bei der ATB Welzheim? Wie das? Haben die nicht dichtgemacht? Nein, antwortet Marco Hogh, uns gibt’s immer noch. Dass das so ist, hat nicht zu knapp mit ihm selber zu tun, dem Betriebsratsvorsitzenden.

Im April 2016 schien das Ende des ATB-Produktionsstandortes Welzheim besiegelt. Das Management des Motorenbauers wollte die Fertigung woandershin verlagern, von 280 Beschäftigten sollten nur noch 80 Leute in Bereichen wie Vertrieb oder Entwicklung vor Ort bleiben.

„Ich kenne die Halle wie meine Westentasche“

Die Welzheimer hatte keine Lobby bei der ATB-Spitze in Wien, und der Eigner saß am anderen Ende der Welt: die chinesische Wolong-Gruppe. Wen interessiert im Getriebe des globalen Kapitalismus schon eine Werkshalle in einem schwäbischen Luftkurort? Betriebsrat und Belegschaft hatten die Wahl: „Kopf in den Sand stecken“; oder kämpfen.

Marco Hogh ist, sagen wir’s frei raus, ein Sonnenschein. Freundlich, zugewandt, kommunikativ, nachgerade zutraulich wirkt er. Mit 15 begann er als Lehrling bei der ATB, mit 22 wurde er in den Betriebsrat gewählt, mit 26 Vorsitzender, und wenn man ihn fragt, warum er sich das angetan hat, schaut er verdutzt. „Ich hab mir nie die Frage gestellt. Mir hat es immer Spaß gemacht.“ Er sei halt „ein sozialer Mensch“.

Viele unkten: Der will das verhindern? Zu unerfahren. Zu nett. Zu naiv. Den rauchen die Bosse in der Pfeife. Ist ihm nicht schwindlig geworden vor der Aufgabe? „Die IG Metall hat mich exzellent ausgebildet.“ Und: „Ich habe viel gelesen.“ Und: „Ich kenne die Halle wie meine Westentasche.“ Und: Er wusste ein leidenschaftliches Betriebsratsteam an seiner Seite. Und: Die Belegschaft entwickelte eine „Solidarität, das findest du nirgends. Einmalig.“

Agitation alleine reicht bei weitem nicht

Sie zogen durch Welzheim, und Hogh, der Sonnenschein, rief ins Mikro, dass die Lautsprecherbox fast zerrte: „Wir lassen heute die Maschinen stehen, die Computer aus und die Telefone klingeln“, denn „die Herren in der Vorstandsetage benötigen einen Lernprozess!“ Die Leute schwenkten rote Fahnen, bliesen in Trillerpfeifen, und einer sagte zum andern: „Wir können später mal sagen, wir haben alles probiert. Hat nicht geklappt. Aber wir haben’s probiert.“

Doch Hogh agitierte nicht nur. „Wir haben oft die Rollen getauscht“: morgens „die Gewerkschaftsmütze aufgesetzt“; mittags „an den Verhandlungstisch gesessen“ und Stunde um Stunde mit der Geschäftsführung gerungen; abends und nachts Unterlagen gewälzt, Pläne entwickelt, Zukunftskonzepte für den Standort ersonnen.

Hogh ging nach Wien, er sprach mit dem ATB-Vorstandsvorsitzenden – ein neuer Mann war dort ans Ruder gekommen, der „Ahnung von Motoren“ habe, nicht nur von Zahlen. Und Hogh flog nach China: spannte einen „direkten Draht zum Eigentümer“.

Wolong will mit langem Atem ein Motoren-Imperium aufbauen

Wolong ist monumental. Auf dem Gelände der Firmenzentrale arbeiten „mehr Gärtner als bei uns in der Wickelei“. Die Gruppe erwirbt systematisch Motorenhersteller, von ATB über Morley bis Brook Compton. Aber noch einen anderen Geist spürte Hogh: Der Eigentümer „ist sehr bodenständig, der isst dort in der Kantine“.

Wolong wolle offenbar nicht im Heuschrecken-Stil Betriebe rund um den Globus aufkaufen, ausbeinen, abstoßen, sondern mit langem Atem ein Motoren-Imperium aufbauen, der strategische Horizont reiche nicht nur bis zur nächsten Quartalsabrechnung, „die denken in Generationen“.

„Die Filetstückchen“ sind in Welzheim geblieben

Und das ist der Stand im November 2017: Noch immer arbeiten 200 Leute in Welzheim, mittelfristig sollen etwa 160 Plätze erhalten bleiben. Der Stellenabbau ging „fast ohne soziale Härtefälle“, vielen Älteren wurde „eine Rentenbrücke gebaut“.

2017 „hatten wir durchgängig volle Auftragsbücher“, und für 2018 bahnt sich erstmals nach Jahren, in denen der Eigentümer Verluste ausgleichen musste, wieder Gewinn an. Die kleineren Motoren, die auf dem Markt einem massiven Preiswettbewerb ausgesetzt sind, werden jetzt im österreichischen Spielberg gefertigt; die größeren Baureihen aber, „die Filetstückchen“, sind in Welzheim geblieben, die Fertigungstiefe reicht von Wickelei und Montage bis zu Service, Logistik, Einkauf. Und was hier produziert wird, hat Zukunft: Motoren nicht nur für Rolltreppen, Aufzüge, Pumpen, sondern auch für Windräder und zur Steuerung von Solarmodulen.

Mit 30 Jahren ein Veteran

Neulich war der Wolong-Eigentümer in Welzheim. Der Konzern will groß mitmischen im Zukunftsmarkt Elektromobilität – Welzheim könnte dabei als Service- und Logistikcenter in Frage kommen. „Wir versuchen, sagt Hogh, „uns bestmöglich zu präsentieren“ und im Gespräch zu halten als „guten Standort“.

Mit 26 Jahren wurde Marc Hogh Betriebsratsvorsitzender: ein Jungspund. Jetzt ist er 30: ein Veteran. Dass es hart werden würde, „war schon klar. Aber so hart . . .“ Er sei „durch die Hölle gegangen“. Und hat mit seinen Mitstreitern „eine kleine Erfolgsgeschichte“ geschrieben.

Nun gut, Erfolge sind immer nur vorläufig in der brutalen Umwälzungsmaschine namens Kapitalismus. Wer weiß, was in drei, in fünf Jahren ist? Als gesichert aber darf gelten, was ein Gewerkschaftssekretär der IG Metall mal über Marco Hogh und sein Team sagte: „Ich habe selten erlebt, dass ein Betriebsrat so intensiv, so professionell kämpft, um den Standort zu retten.“

Wolong

  • Die Wolong-Gruppe wurde erst 1984 gegründet, hat aber eine stürmische Entwicklung genommen und aktuell ausweislich der Homepage www.wolong.com 18 000 Beschäftigte und einen Jahresumsatz von 3,8 Milliarden Euro.