Welzheim

Marit Bäßler unterrichtet aus Überzeugung Religion an der Kastell-Realschule in Welzheim

Religion
Unterricht mit Marit Bäßler in der neunten Klasse der Kastell-Realschule. © privat

Hat der Religionsunterricht eine Zukunft in einer Zeit, in der die Menschen den großen christlichen Kirchen davonlaufen und junge Menschen oft keinen Kontakt zu einer Glaubensgemeinschaft haben? Marit Bäßler (33), ledig, geboren in Backnang, hat aus Überzeugung Theologie studiert und unterrichtet unter anderem Religion an der Kastell-Realschule in Welzheim. In ihrem engsten Umfeld hat sie, wie die junge Frau sagt, immer Unterstützung für ihren Weg bekommen. In den christlichen Kreisen, in denen sie zu Studienbeginn war, sah man das kritischer, hier wurde häufig vor einem Theologiestudium gewarnt, weil man dabei seinen Glauben verliere. Bei Marit Bäßler wäre es vermutlich eher so weit gekommen, wenn sie dieses Fach nicht studiert hätte. Die Fachberaterin und Schulseelsorgerin hat unsere Fragen zum Thema beantwortet.

Wie kam es, dass Sie sich für diesen Beruf entschieden haben?

Ich bin in einem christlichen Elternhaus aufgewachsen und habe Kinderkirche, Jungschar und Jugendkreise besucht. Bereits in meiner Kindheit und vor allem in der Jugend interessierte ich mich für das „Dahinter“. Leider erhielt ich oft wenig zufriedenstellende Antworten, meistens handelte es sich dabei um tradierte Antworten, die wenig authentisch oder überzeugend waren. Erst im Religionsunterricht in Klasse 10 schenkte meine damalige Religionslehrerin, eine Pfarrerin, mir und meinen Fragen die gewünschte Aufmerksamkeit und diskutierte in den Pausen nach dem Unterricht noch gerne mit mir. Von Verständnisfragen bis zu philosophischen Gesprächen - jegliche Frage war erlaubt. Hiervon angeregt wählte ich Religion als Leistungsfach in der Oberstufe, das konfessionell-kooperativ an einem anderen Gymnasium angeboten wurde. In Auseinandersetzung mit den vielen verschiedenen Bereichen, von sozialer Gerechtigkeit bis Jesus Christus, entstand in mir der Wunsch, Theologie zu studieren. Vor allem, um meinen Wissensdurst zu stillen, doch hielten mich die alten Sprachen davon ab, Volltheologin zu werden. Die Erfahrungen in meinem FSJ, welches ich in der Diakonie Stetten und den Zieglerschen Anstalten leistete, brachten mich dann dazu, Sonderpädagogik an der Pädagogischen Hochschule, mit dem Hauptfach Evangelische Theologie, zu studieren. Aus der Freude an der Arbeit mit Menschen mit Behinderung und dem großen Interesse an der Theologie. In den Schulpraktika an den verschiedenen sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren merkte ich jedoch, dass ich als Sonderpädagogin nur wenig Religion unterrichten würde. Da ich dieses gemeinsame Fragenstellen und Antwortversuche mit den Schülerinnen und Schülern vertiefen und mehr als nur einstündig haben wollte, entschloss ich mich zu einem Studiengangwechsel hin zur Sekundarstufe I, der mich letztlich an die Kastell-Realschule führte.

Welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht, Höhepunkte und Tiefpunkte?

Der Religionsunterricht ist noch immer mein liebster, denn dort gibt es Platz für die vielen großen und kleinen Fragen des Lebens. Hier erlebe ich immer wieder Höhepunkte, wenn sich Schülerinnen und Schüler im Vertrauen und in aller Offenheit mit ihren Fragen, zum aktuellen Thema und darüber hinaus, an die Lerngruppe und mich als Lehrerin wenden und wir gemeinsam auf Antwortsuche gehen können. Besonders freue ich mich, wenn ich aus den Antworten auch neue Denkanstöße für mich mitnehmen kann. Tiefpunkte: Die Einstellung, dass Religionsunterricht lediglich aus Bildchenmalen, Singen und Klatschen bestünde und man gar nicht viel zu tun brauche, um eine ordentliche Note zu erreichen, dem ist „leider“ nicht so. Ich als Lehrerin nehme den Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach ernst. Aussetzen der Nebenfächer während Lockdown-Phase und Wiedereröffnung im 2. Halbjahr 19/20, als es große Verunsicherung bei den Schülern gab, die in den Hauptfächern aber schwierig aufzufangen waren.

Gab es mit Corona Veränderungen im Unterricht in der Gestaltung und vom inhaltlichen Schwerpunkt her?

Ein weiterer Tiefpunkt hängt genau hiermit zusammen, der eigentliche Austausch über die Sache, den Inhalt der Religionsstunden, war im Fernlernen anhand von Wochenaufgaben häufig nicht möglich. Trotz vieler unterstützender digitaler Möglichkeiten kam das Voneinander-Lernen erheblich zu kurz. Nach dem Öffnen der Schulen waren die Schüler vor allem beschäftigt, wieder mit „dem neuen Alltag“ klarzukommen. Besonders in den unteren Klassen bestand viel Redebedarf und der Wunsch nach Austausch über die unterschiedlichen Erfahrungen, die sie zu Hause während des Distanzunterrichts gemacht haben. In den oberen Klassen war bei den Themen um Sterben, Tod und Abschied, aber auch in der Auseinandersetzung mit der Theodizee-Frage und dem Leid in der Welt, Corona auch Thema. So hatten, bedingt durch Covid- 19, mehr Schülerinnen und Schüler als in den vergangenen Jahren bereits Angehörige verloren und Trauererfahrungen gemacht. Insgesamt wurden in den Lerngruppen immer wieder Ängste angesprochen, die vor Corona so nicht thematisiert wurden. Positiv ist aber hervorzuheben, dass durch die Pandemie die Digitalisierung so vorangeschritten ist, dass man zwar keine außerschulischen Lernorte, wie Kirchen, Moscheen und Synagogen, besuchen konnte, jedoch in nur wenigen Klicks auf dem iPad eine 3-D-Animation einer Kirche ins Klassenzimmer holen konnte - das ersetzt die realen Erfahrungen nicht, half aber dennoch, die Theorie ein wenig praktischer werden zu lassen.

Wie sehen Sie den Religionsunterricht in der Zukunft und im Hinblick darauf, dass die großen Kirchen unter einem starken Schrumpfungsprozess leiden?

Ich bin davon überzeugt, dass der Religionsunterricht auch in Zukunft für die Entwicklung der Schülerinnen und Schüler wichtig sein wird, da hier Raum für die existenziellen Fragen des Lebens ist, die in anderen Fächern nicht gestellt werden und die hier als unangebracht gelten. Dass immer weniger Kinder christlich sozialisiert sind und man sich da grundsätzlich damit beschäftigen muss, sehe ich, die eine Lösung dafür habe ich (noch) nicht. Die Möglichkeit, im Klassenverband konfessionell-kooperativen Religionsunterricht zu erhalten, würde ich auch aus meinen eigenen Erfahrungen als Schülerin und Lehrerin als gewinnbringend erachten. Von einem generellen Ethikunterricht oder etwas in dieser Art würde ich absehen, da der Religionsunterricht performativ ist und Religion erlebbar, erfahrbar macht, Erfahrungen, die sonst durch Kirchenferne fehlen, und die Kinder und Jugendlichen sonst nicht wirklich mündig werden, sich über den Religionsunterricht hinaus für den Glauben zu interessieren oder diesen abzulehnen.

Wie sieht Ihre Arbeit als Schulseelsorgerin aus, welche Fragen und Probleme stehen derzeit im Vordergrund?

Als Schulseelsorgerin organisiere und führe ich die Schulgottesdienste durch, biete im Advent die Pause im Advent an, mit einem kleinen Impuls vor jedem Adventssonntag, und stehe für Einzelgespräche zur Verfügung. Aufgrund der Pandemie fielen die erstgenannten Aktionen aus, ein „lebendiger Adventskalender“ war der Ersatz hierfür. Der Bedarf an Gesprächen ist, bei allen am Schulleben beteiligten Personen, hingegen gestiegen. Die Erfahrungen mit Sterben und Tod, eigene Existenzängste, der Druck, durch das mögliche Lerndefizit zu versagen, schwierige Familiensituationen oder durch die Distanz zerbrochene Freundschaften sind Themen, denen ich vermehrt begegne. Sobald es die pandemische Lage erlaubt, werde ich gerne wieder Schulgottesdienste organisieren, auch eine Pause im Advent wäre schön - auch ein „Mach mal Pause“-Angebot, mit kleinem Impuls zum Herunterkommen im Alltagsstress, einmal im Monat, ist geplant.

Bei welchen Problemen können Sie als Fachberaterin Ihren Kollegen bei der Arbeit zur Seite stehen?

Da ich erst zum kommenden Schuljahr als Fachberaterin beginnen werde, kann ich noch nichts Konkretes liefern, jedoch stellen wir uns als Fachberaterinnen und Fachberater der oben angesprochenen Frage, wie damit umgehen, dass der Religionsunterricht immer wieder kritisch beäugt wird. Durch den Überblick über die verschiedenen Fortbildungsmöglichkeiten kann ich aber auch gezielt Werbung für die Veranstaltungen machen und dazu einladen.

Hat der Religionsunterricht eine Zukunft in einer Zeit, in der die Menschen den großen christlichen Kirchen davonlaufen und junge Menschen oft keinen Kontakt zu einer Glaubensgemeinschaft haben? Marit Bäßler (33), ledig, geboren in Backnang, hat aus Überzeugung Theologie studiert und unterrichtet unter anderem Religion an der Kastell-Realschule in Welzheim. In ihrem engsten Umfeld hat sie, wie die junge Frau sagt, immer Unterstützung für ihren Weg bekommen. In den christlichen Kreisen, in

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