Welzheim

Mit dem 9-Euro-Ticket durch Deutschland: Familie Dorra aus Welzheim zieht Bilanz

9-Euro-Experiment
Unterwegs in Berlin: Magnus und Julian Dorra auf ihrer Deutschland-Reise. © privat

Das Neun-Euro-Ticket ist seit Donnerstag Geschichte. Damit geht ein Verkehrsversuch zu Ende, den es in diesem Land zuvor noch nicht gegeben hat. Ein Nachfolge-Angebot ist zwar in der Debatte, aber noch nicht in Sicht. Wir haben mit Kai, Magnus und Julian Dorra gesprochen, die das Ticket sehr intensiv genutzt und unter anderem eine 2000-Kilometer-Tour durch Deutschland damit gemacht haben.

Abenteuerliche Erlebnisse mit der Deutschen Bahn

Ganz schön abenteuerlich: So bezeichnen die drei Welzheimer ihre siebentägige Tour quer durch die Republik mit Regional- und Nahverkehrszügen. Abenteuerlich vor allem, weil man bei so einer Reise mit der Bahn (oder ihrer privaten Konkurrenz) immer auf alles gefasst sein muss: sich plötzlich bei der Einfahrt ändernde Bahnsteige; angekündigte Zugabteile, die dann aber nicht einfahren; Sitzplätze ohne Beinfreiheit; viel zu stark oder überhaupt nicht klimatisierte Züge; und in der Zeit, als das Sparticket in ganz Deutschland galt, natürlich auch heillos überfüllte Abteile, Verspätungen und Ausfälle. Von flächendeckendem WLAN ganz zu schweigen. Mit Absicht haben die drei ihre Übernachtungen immer erst tagesaktuell gebucht – um flexibel zu sein, falls etwas Unerwartetes passiert.

Es gibt auch Positives zu berichten!

Doch bei allem, was durchaus erwartbar auf der Negativ-Seite einer solchen Reise stehen mag, gab es durchaus auch Positives zu berichten: über Züge, die pünktlich verkehrten, nicht überfüllt und anständig klimatisiert waren. Oder über ein Reisegefühl, das unterm Strich durchaus angenehm entschleunigt war. Für Julian (28) war es „ein verrücktes Erlebnis, bei dem das Zeitgefühl völlig kaputtging“. Weil sie im Laufe eines Tages etwa in Berlin in den Zug stiegen, an der Ostsee einen Zwischenstopp machten, den Strand und die Stadt Wismar begutachteten, um am Abend in Hamburg anzulanden.

Und das Ganze ohne wirklichen Stress – „außer beim Umsteigen“. Da sei Aufmerksamkeit gefordert gewesen, berichtet sein Bruder Magnus (24), denn „die Informationen der Bahn waren allgemein ziemlich mies“, was für die Anzeigen, die Ansagen und die App gleichermaßen gegolten habe.

Wobei wiederum positiv anzumerken ist: Durch das Neun-Euro-Ticket fiel eine Menge Aufwand weg. Mussten sich die drei doch nicht erst in komplizierte Verkehrsverbünde einarbeiten und Tickets erstehen.

Das Neun-Euro-Ticket ist Geschichte: Wie weiter jetzt mit dem Nahverkehr?

Zur Wahrheit gehört aber auch: „Das Bahnsystem war auf das Neun-Euro-Ticket überhaupt nicht ausgerichtet“, sagt Julian, der sich dennoch ein Anschlussangebot (etwa für 49 Euro im Monat) wünschen würde. Der 28-Jährige hat erst seit zwei Jahren einen Führerschein. Zuvor hat er für die meisten Strecken öffentliche Verkehrsmittel genutzt. Doch seit er kein Student mehr ist, seien die Kosten dafür viel zu hoch. „Ein Zehntel des Lohnes für den Fahrtweg auszugeben, das ist nicht tragbar.“ Auch sein Vater Kai findet es „verrückt, dass das Auto günstiger ist“. Der 58-Jährige arbeitet in Schorndorf – und hat in den vergangenen drei Monaten das Neun-Euro-Ticket zum Pendeln verwendet. Er könnte sich auch künftig vorstellen, den Bus zu nutzen, obwohl er dafür mehr Zeit aufbringen muss – ja, wenn da nicht die Kosten wären.

Lohnen sich Bus und Bahn auf dem Land?

Hinzu kommt: Der öffentliche Nahverkehr mag sich in Städten lohnen, doch wer auf dem Land wohne, sei letztlich mit dem Auto oft besser dran. Wer in einem Welzheimer Teilort lebt, wird wohl eher selten öffentliche Verkehrsmittel nutzen, um nach Stuttgart zu kommen – sofern sie überhaupt verkehren. Und wer den Weg nach Schorndorf nimmt, um dann in die S-Bahn zu wechseln, wird feststellen, dass es rund um den Bahnhof kaum noch Parkplätze gibt. Es müsste also noch eine ganze Menge getan werden, damit Bus und Bahn für Menschen auf dem Welzheimer Wald attraktive Alternativen zum Auto werden.

Zurück zur Reise: So etwas haben sie alle zusammen zuvor noch nie gemacht. Den Nahverkehr genutzt, das ja. Und Fernzüge durch die Republik, auch das. Doch erst mit dem Neun-Euro-Ticket war jener Trip möglich, der sie von Welzheim über Nürnberg, Leipzig und Berlin an die Ostsee, nach Hamburg, ins Ruhrgebiet, an den Rhein und wieder zurück geführt hat. Eine Wiederholung können sie sich alle vorstellen – allerdings nicht in der engen Taktung, sie würden sich mehr Zeit nehmen für die einzelnen Stationen. Es bräuchte jetzt halt nur noch das passende Angebot der Bahn.

Was die Dorras auf ihrer Reise erlebt haben, lässt sich nicht in einen Zeitungsartikel packen (aber online nachlesen unter www.nochsenfdazu.de).

Das Neun-Euro-Ticket ist seit Donnerstag Geschichte. Damit geht ein Verkehrsversuch zu Ende, den es in diesem Land zuvor noch nicht gegeben hat. Ein Nachfolge-Angebot ist zwar in der Debatte, aber noch nicht in Sicht. Wir haben mit Kai, Magnus und Julian Dorra gesprochen, die das Ticket sehr intensiv genutzt und unter anderem eine 2000-Kilometer-Tour durch Deutschland damit gemacht haben.

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Ganz schön abenteuerlich: So bezeichnen

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