Welzheim

Nähstube der Awo vor dem Aus

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Mit Freude an der Nähmaschine: Man sieht, dieses Hobby macht Spaß. © Habermann / ZVW
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Blick in die Nähstube der Awo in der Murrhardter Straße. Rechts ist Gisela Eisenmann zu sehen, die nach 33 Jahren als Leiterin der Nähstube aufhört. © Habermann / ZVW
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So schöne Kleidung wurde in Welzheim genäht. © Mathias Ellwanger

Welzheim. Eine Ära geht zu Ende. Gisela Eisenmann, 79 Jahre alt, hört nach 33 Jahren als Leiterin der Nähstube der Arbeiterwohlfahrt in der Murrhardter Straße auf. Eine Nachfolgerin wird dringend gesucht, wurde bislang aber noch nicht gefunden. Wer ein Gespür für Stoffe hat, soll sich deshalb alsbald bei der Awo im Gemeinschaftsheim melden.

Video: Gisela Eisenmann über ihre Nähstube

Susanne Vogt aus Rienharz und Sylvia Jüptner würden die Nähstube gerne weiter betreiben. Doch ihnen fehlt das Fachwissen dazu, das Gisela Eisenmann schon allein aus beruflichen Gründen hat. Eingerichtet worden war die Nähstube im Jahr 1983 in der Bahnhofstraße 43 auf Anregung von Heinz Strohmaier, dem damaligen Kassier der Awo. Käte Blaschke hieß damals die Vorsitzende.

Gisela Eisenmann, die am Gymnasium Handarbeit unterrichtete und an der Volkshochschule Nähkurse hielt, organisierte die Nähstube. Dort stand sie diese Woche noch als fachkundige Frau mit Rat und Tat denen zur Seite, die etwas zum Nähen mitgebracht haben.

Die Frauen, die der Nähstube in der Murrhardter Straße die Treue gehalten haben, wollen sie jetzt schließen, wenn keine Nachfolgerin gefunden wird. Doch die Geselligkeit wollen sie weiter pflegen und sich regelmäßig treffen.

Gemeinsam feiern und Ausflüge planen

Gerne erinnern sich die Frauen an die gemeinsamen Ausflüge und Feiern und Ausstellungen. Hedwig Kalsow berichtet von ihrem Vater, ein Schneider, und ihrer Mutter, eine Schneiderin. Im Winter gingen die beiden in die umliegenden Höfe und Weiler. Dort blieben sie bis zu zwei Wochen, bis alles, was die Familie dort benötigte, geschneidert war.

Die noch guten Kleider wurden „gewendet“ („des tut’s noch“) oder umgearbeitet, zum Beispiel aus einem Mantel eine Jacke. Stoffe und Kurzwaren konnte man im Kronenladen kaufen. Dort gab es alles - „hosch a Guck dabei ?“, wurde man da eingangs gefragt. In der Auslage dort konnten die Damen auch einen BH finden, unweit von den Heringen. Stoffe gab es auch in den Geschäften Loos, Bilfinger, Schober. Wenn das Geld knapp war, konnte der Kunde mit Schmalz oder Eiern bezahlen. Hedwig Kalsow bestätigte, dass ihr Vater beim Nähen im Schneidersitz auf dem Tisch saß.

Die Frauen der Nähstube haben ihre Schränke daheim voller Stoffe, weil sie einfach zugreifen müssen, wenn sie einen schönen Stoff sehen. Ihnen geht es dann wie den Männern, die durch einen Baumarkt streifen. Und sie hängen an ihren selbst geschneiderten Kleidern, die zum Wegwerfen zu schade sind.

Gespür für die Kleidung

Längst ist das Schneider-Handwerk von der industriellen Fertigung von Kleidung verdrängt worden. Doch die Frauen der Nähstube haben das Gespür für den Wert der Kleidung und für die Fertigkeit des Schneiderns bewahrt. Vielleicht gibt es noch jemanden, der dasselbe Gespür mit ihnen teilt, sie oder er wäre in der Nähstube sehr willkommen.

Susanne Vogt hat für ihren Sohn Mario ein Kostüm genäht (das rechts zu sehen ist). Es ist für die Guggenmusik in Waldstetten im Ostalbkreis, die Lachabatscher. Und weil der Sohn dort wohnt, ist er auch bei der Guggamusik gerne dabei. Wer hätte gedacht, dass die Welzheimer Damen die Guggenmusik im Ostalbkreis mit Kostümen versorgen?

Marie Juchacz hat im Jahre 1919, nach dem Ersten Weltkrieg, in Berlin die Arbeiterwohlfahrt gegründet. Die Not war schrecklich. Die Männer waren auf dem Schlachtfeld gefallen. Marie Juchacz richtete Suppenküchen ein und Nähstuben. Die Nähstube und der Mittagstisch der Arbeiterwohlfahrt Welzheim sieht sich heute in dieser Tradition. Für die Erholung der Kinder organisierte Frau Juchacz Ferienreisen und Wanderungen, heute organisiert die Awo Ferienwaldheime, auch in Erinnerung an ihre Wurzeln.

Der Wohlfahrsverband

Die Arbeiterwohlfahrt (Awo) ist eine der großen Verbände der Wohlfahrtspflege in Deutschland.

Die Awo hat etwa 145 000 hauptamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ist damit einer der größten Arbeitgeber im sozialen Bereich.

Gegründet wurde die Arbeiterwohlfahrt als Teil der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands durch Marie Juchacz, um die Not der Arbeiterfamilien am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts durch Selbsthilfe zu vermindern.

Inzwischen ist die Awo organisatorisch von der SPD getrennt und eine selbstständige Institution.