Welzheim

Nach 150 Jahren in Familienbesitz: Landmaschinen-Lindauer in Welzheim schließt

Lindauer Landmaschinen
In dem Gebäude hatte einst Justinus Kerner seinen Hausstand. © Gabriel Habermann

Fachhändler Paul Lindauer hatte ein umfangreiches Sortiment an Garten- und Forstgeräten, Benzingeräten, Akkugeräten und Elektrogeräten. Angefangen hatte alles vor rund 150 Jahren in der Gschwender Straße, als die Schmiede von Urgroßvater Jacob Lindauer gegründet wurde. Jetzt stehen in der Werkstatt noch einige neue Benzinrasenmäher herum, die allesamt schon verkauft sind. In der Esse liegt die kalte Holzkohle neben der Asche. Hier wird kein Feuer mehr gemacht. Das Haus ist verkauft. Es soll aber mit einer neuen Nutzung erhalten bleiben.

Mit 76 Jahren in den Ruhestand

Paul Lindauer ist vor rund drei Monaten in ein 300 Meter entferntes Wohnhaus der Familie umgezogen. Die Zeiten ändern sich, die Zeit vergeht. Mit 76 Jahren darf man aufhören zu schaffen, um noch einige Tage, Wochen und Jahre des Lebens genießen zu können. Fahrrad fahren, wandern und auf Reisen gehen.

1872 startete Jacob Lindauer mit seiner Schmiede in einem Gebäude, das er von der Kirchengemeinde erworben hatte. In dem früheren Haus Nummer 52 hatte einst Justinus Kerner seinen Hausstand. Er wirkte von 1812 bis 1815 als Unteramtsarzt in der Stadt Welzheim, nicht nur als Arzt, sondern auch als Dichter.

Die Vorfahren von Jacob Lindauer stammten einst von einem Bauernhof in Eberhardsweiler. Er war mit Beate Hohly verheiratet. Der Name Hohly ist in Welzheim wohlbekannt, noch heute erinnert die Eugen-Hohly-Halle an den einstigen Förderer der Stadt. Das Gebäude ist benannt nach Eugen Hohly. Der Welzheimer ist ausgewandert und hat in den USA sein Glück gemacht und dabei sein Welzheim nicht vergessen und seiner Heimatstadt in den 20er Jahren 500.000 Reichsmark gespendet.

Der Wandel von der Schmiede zum Fachmarkt für Landmaschinen war ein langer Weg. Einst wurden noch die Pferde hier beschlagen und eng mit dem Wagner am Ort zusammengearbeitet.

Das Wagnerhandwerk hat eine lange Tradition, die bis in das Mittelalter zurückgeht. Damals waren Wagner die Automechaniker ihrer Zeit. Sie bauten Wagen, Räder, Pflüge und andere landwirtschaftliche Gerätschaften. Der Schmied lieferte das Zubehör aus Metall dazu. In Welzheim war das der Vater von Paul Lindauer.

Viele Jahre lang wurde eine Tankstelle betrieben

Im Jahr 1926 kam zur Schmiede eine Tankstelle hinzu, die bis ins Jahr 1987 betrieben wurde. Lieferant für den Treibstoff war einst die „Derop“, die „Deutsche Vertriebs-Gesellschaft für Russische Oel-Produkte Aktiengesellschaft“ mit Sitz am Berliner Kurfürstendamm und mit Niederlassung in Stuttgart. Der Vertrag trägt das Datum vom 20. Februar 1929. Aus dieser Aktiengesellschaft ging später die Firma Aral hervor.

In den fünfziger Jahren setzten sich immer mehr Landmaschinen in der Landwirtschaft durch, die Schmiede hatte immer weniger zu tun. Während der Vater von Paul Lindauer noch Hufschmied gelernt hatte, machte er selber eine Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker.

Ein Landmaschinenmechaniker führt Wartungs-, Reparatur- und Umbauarbeiten an Fahrzeugen, Maschinen, Geräten und Anlagen aus, die vorwiegend in der Land- und Forstwirtschaft, im Gartenbau, in der Kommunalwirtschaft und teilweise auch in privaten Bereichen eingesetzt werden. Gelernt hat Paul Lindauer beim Vater, so kam es, dass er bis zuletzt auch noch kleinere Arbeiten in der Schmiede nebenher ausgeführt hat. Ein Kunde aus Remshalden zum Beispiel brachte jedes Jahr 30 Betonmeißel zu ihm, die dann in der Schmiede wieder geschärft und gehärtet wurden. Er muss sich jetzt anderweitig umsehen.

Die Ehefrau ist vor fünf Jahren gestorben

Im Jahr 1972 hat Lindauer seine Frau Ingrid geheiratet, die leider vor fünf Jahren gestorben ist. 1975 hat Paul Lindauer den väterlichen Betrieb übernommen und bis zum 31. Dezember 2021 mit ein bis zwei Mitarbeitern betrieben.

Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor, die andere Lebens- und Berufswege beschritten haben. Paul Lindauer liebt seinen Beruf. Er hat ihn vom Vater gelernt, begleitet wurde die Ausbildung durch Lehrgänge und die ersten Anfänge einer Berufsschule. Als Ältester von zwei Brüdern war von Anfang an klar, dass er den Betrieb später mal übernehmen darf, beziehungsweise muss. „Da wurde man nicht lange gefragt.“ Mit Liebe und Engagement hat er trotzdem all die Jahre seinen Beruf ausgeübt und ist auch heute noch als amtierender Gemeinderat für die Freien Wähler, einst aktiver Handballspieler und Sänger im Liederkranz eine Institution.

Lange hat Paul Lindauer in den letzten Jahren mit sich gerungen, ob er den Betrieb noch weiterführen soll, und manche schlaflose Nacht darüber verbracht. „Immer im Herbst habe ich mich entschieden, ob ich noch ein Jahr weitermache, denn im Herbst mussten die ersten Bestellungen für die neuen Maschinen und Geräte gemacht werden.“ Nach 62 Jahren im selben Betrieb ist nun Schluss. Corona und die damit verbundenen Lieferengpässe waren der Auslöser. „Unsere Bestellungen bei den Firmen konnten kaum noch bedient werden, da macht das Schaffen keinen Spaß mehr.“

Nun hat das große Aufräumen begonnen. Schweißgerät, Drehbank und Kompressor fanden schnell neue Eigentümer. Die restliche Ware wurde zum Sonderpreis verkauft. Der 205 Kilogramm schwere Amboss aus dem Jahr 1910 hat die alte Werkstatt verlassen. Die Esse, die einst mit über 1000 Grad Celsius aufgeheizt wurde, damit das Eisen schmiedbar wurde, bleibt nun für immer kalt.

Fachhändler Paul Lindauer hatte ein umfangreiches Sortiment an Garten- und Forstgeräten, Benzingeräten, Akkugeräten und Elektrogeräten. Angefangen hatte alles vor rund 150 Jahren in der Gschwender Straße, als die Schmiede von Urgroßvater Jacob Lindauer gegründet wurde. Jetzt stehen in der Werkstatt noch einige neue Benzinrasenmäher herum, die allesamt schon verkauft sind. In der Esse liegt die kalte Holzkohle neben der Asche. Hier wird kein Feuer mehr gemacht. Das Haus ist verkauft. Es soll

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