Welzheim

Nach 31 Jahren hat Karin Schaal ihren Bestellshop in Welzheim geschlossen

Bestellshop
Auch die Auslagen mit den Katalogen hat Karin Schaal nun ausgeräumt. © Alexandra Palmizi

Der Februar ist der erste Monat, den Karin Schaal ohne ihr Geschäft verbringt. „Ich habe Kunden, die haben schier geweint, als ich gesagt habe, ich höre auf“, erzählt die 63-Jährige. Nach 31 Jahren hat die Geschäftsfrau ihren Bestellshop an der Welzheimer Burgstraße geschlossen. Und auch wenn die Quelle GmbH Deutschland bereits 2009 den Insolvenzantrag eingereicht hat: „Die Leute haben fast bis zum heutigen Tag gesagt: ‘Frau Quelle’“, erzählt Karin Schaal über ihre Anrede. Besonders Kunden mit Migrationshintergrund haben sie gern so genannt. Denn mit dem bekannten Versandhaus startete sie damals ihr Geschäft. „Das war ursprünglich ein Quelle-Shop.“ Ja, es sei früher gar gang und gäbe gewesen, dass jeder kleinere Ort einen Quelle-Shop hatte, meint Karin Schaal.

Die Geschichte ihres Geschäfts begann im Januar 1991. Eine Freundin war bei dem Versandhaus Sammelbestellerin und fragte, ob sie sich vorstellen könnte, in Welzheim einen Laden zu eröffnen. Karin Schaal konnte. Ihre Kinder waren damals sechs und vier Jahre alt, im Laden könnte sie eine kleine Spielecke einrichten, es war nicht weit bis nach Hause, das ließe sich verbinden, überlegte sie. Ein Außendienst-Mitarbeiter des Unternehmens kam und erklärte die Abläufe: Der Laden wurde von Quelle bestückt, die Ware wurde erst bezahlt, wenn sie verkauft war. Was keinen Abnehmer fand, konnte zurückgeschickt werden.

Karin Schaal startete in der Rienharzer Straße 15 mit einem „Reihum-Sortiment“, wie sie sagt: Bügeleisen, Haushaltswaren, kleinen Elektrogeräten, Kleidung, Uhren, Weckern und anderem mehr. Für verkaufte Artikel erhielt sie eine Provision, die Miete musste sie selbst bezahlen. Außerdem nahm sie Bestellungen an, gab Kataloge aus und kümmerte sich um Ratenkäufe von Katalogprodukten. „Am Anfang war alles bar“, weiß sie von Letzteren. Doch bis zuletzt gab es Kunden, die ihre Rate im Shop bezahlt haben, und nicht wenige ermöglichten sich ihre Wünsche durch den Ratenkauf.

Die Ankunft der neuen Kataloge für Frühjahr und Sommer sowie Herbst und Winter war viele Jahre lang ein Ereignis. Da wurde schon vorab gefragt, wann’s denn so weit sei. Mitunter reichten die Druckwerke dann gar nicht, so dass Leih-Kataloge ausgegeben wurden.

Die Arbeit im Handel war Karin Schaal vertraut. Sie hatte eine Ausbildung als Verkäuferin im früheren Kronen-Laden in der Welzheimer Innenstadt, dort, wo einst der Schlecker-Markt war, absolviert. Das war ein großes Geschäft, in dem es Kleidung, Heimtextilien, Bettwäsche, Federbetten, Gardinen und Aussteuerbedarf gab.

Ihr eigenes Geschäft lief für Karin Schaal gut. Im Februar 2000 bezog sie neue Räume in der Schorndorfer Straße 25, dort, wo heute das Café am Westkastell einlädt. Dort hielt sie auch Elektro-Großgeräte bereit, Spülmaschinen, Trockner, Waschmaschinen, Kühlschränke und Fernseher. Die holten die Kunden ab oder der Ehemann von Karin Schaal fuhr sie ihnen nach Hause. Im Fall des Falles auch am Heiligabend mittags.

Für das Versandhausunternehmen gab es einen technischen Kundendienst, der in Hegnach eine Außenstelle hatte. Dorthin brachte Karin Schaals Gatte defekte Geräte der Kunden wie Plattenspieler, Fernseher oder Radios. Sie wurden repariert und wieder nach Welzheim in den Shop gebracht, wo sie die Kunden abholen konnten.

Die Quelle-Insolvenz kam für Karin Schaal „ziemlich schlagartig“. Glücklicherweise hatte sie schon einige Jahre zuvor begonnen, für Otto und Neckermann Sammelbestellungen aufzunehmen. Die Kunden kannten die Unternehmen bereits, der Laden konnte weiter bestehen, auch wenn Karin Schaal andere Räume in der Burgstraße fand. Dort zog sie 2010 ein, nahm weitere Versandhäuser wie Bader, Witt und Klingel ins Repertoire auf und benannte das Geschäft in Bestell-Shop um. Dieser Laden wurde mit Waren aus dem Otto-Sortiment bestückt, Kleidung und Uhren nahm sie in eigener Regie hinzu. Die Modalitäten waren bei diesem Versandhändler etwas anders, aber Karin Schaal wusste, was ihre Kunden wollten: bestimmte Staubsauger etwa, Bügeleisen, Wecker, Kaffeemaschinen oder günstige Armbanduhren, die vor allem bei Handwerkern beliebt waren. Und wenn ältere Leute Hosen zum Probieren in die „Residenz“ geschickt haben wollten, gab Karin Schaal sie den Enkeln mit.

So hat sich im Laufe der Jahre ein Stamm von Kunden gebildet. Einige haben der Geschäftsfrau von Anfang an die Treue gehalten. „Ich bin in Welzheim so ein bisschen eine Vertrauensperson gewesen“, sagt Karin Schaal. „Frau Schaal, können Sie das mal lesen?“, wurde sie öfter gebeten, wenn etwa Kunden Behördenpost erhalten hatten, denen die amtlichen Formulierungen Schwierigkeiten machten.

Der handgeschriebene Bestellschein, resümiert Karin Schaal, ist nicht mehr so üblich. Kunden schickten ihre Wünsche auch online und per Whatsapp. Kataloge gibt es vor allem noch als Sonderhefte mit Aktionen und speziellen Sortimenten wie Schuhen und Möbeln, weiß die Fachfrau. Die wurden gern mitgenommen. „Es geht nicht alles ins Internet“, meint Schaal, die zu ihren Kunden viele Ältere zählte und jene, die nicht mehr so in die Geschäfte gehen können. Bestellen, nicht Gewolltes wieder verpacken und zurückschicken: „Die Arbeit habe ich den Kunden abgenommen.“ Karin Schaal wickelte auch Reklamationen ab und kümmerte sich, wenn jemand seine Rate mal nicht bezahlen konnte. „Das haben die Kunden schon geschätzt, dass es immer einen Ansprechpartner vor Ort gegeben hat.“

Dass sich Vertragsmodalitäten ändern sollten, aber auch ihr Alter und die Tatsache, dass ihr Mann schon in Rente ist, waren Gründe für die 63-Jährige, nun in den Ruhestand zu gehen. Ein Jahr plant sie, daheim zu bleiben, eine Auszeit zu nehmen. „Dann werde ich ehrenamtlich etwas machen.“ Im Tafelladen arbeiten oder vielleicht in der Bücherei helfen: „Sicherlich wird sich da etwas entwickeln.“

Der Februar ist der erste Monat, den Karin Schaal ohne ihr Geschäft verbringt. „Ich habe Kunden, die haben schier geweint, als ich gesagt habe, ich höre auf“, erzählt die 63-Jährige. Nach 31 Jahren hat die Geschäftsfrau ihren Bestellshop an der Welzheimer Burgstraße geschlossen. Und auch wenn die Quelle GmbH Deutschland bereits 2009 den Insolvenzantrag eingereicht hat: „Die Leute haben fast bis zum heutigen Tag gesagt: ‘Frau Quelle’“, erzählt Karin Schaal über ihre Anrede. Besonders Kunden

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