Welzheim

Parkplätze bestimmen die Diskussion

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© Gaby Schneider

Welzheim. Weil die Stadt ohnehin den maroden Abwasserkanal unter der Schorndorfer Straße austauschen muss, plant sie in diesem Zuge eine Umgestaltung des Kirchplatzes. Das Konzept sieht eine stärkere Gleichberechtigung von Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern vor. Bei der Diskussion im Ratssaal am Dienstag bewegte die Welzheimer aber vor allem ein Thema: die Parkplatzsituation in der Innenstadt.

Der Andrang war überwältigend. Rund hundert Bürgerinnen und Bürger zwängten sich in den Sitzungssaal des Rathauses. Die zunächst vorhandene Bestuhlung reichte bei weitem nicht aus und musste aufgestockt werden. Die Luft war in dem Raum zeitweise ziemlich dick – und das gleich im doppelten Sinne. Wegen der vielen Menschen, die sich dort den Sauerstoff teilten, aber auch, weil der Unmut über die Planung bei vielen deutlich zu spüren war.

Thomas Bernlöhr, der geahnt hatte, dass dies kein gemütlicher Abend wird, betrachtete es indes als starkes Zeichen, dass so viele gekommen waren. Es sei ja auch das Ziel von Stadt und Gemeinderat gewesen, hiermit eine Debatte über die Zukunft des Kirchplatzes zu eröffnen. Das an diesem Abend präsentierte städtebauliche Konzept des Planungsbüros Architekten-Partnerschaft Stuttgart (ARP) sei nur ein erster Ansatz, keine abschließende Planung.

Fahbahnbreite soll verringert werden

Der Grundgedanke hinter diesem Ansatz, so Stadtplaner Ingo Schäfer (ARP) sei es, das Nebeneinander von Kirchplatz und Durchfahrtsstraße aufzubrechen und eine Verbindung zu schaffen. „Der Platz ist im Moment nicht als Ganzes erlebbar“, findet Schäfer. Das werde sich künftig ändern. Die Fahrbahnbreite soll von 6,50 auf sechs Meter verringert werden. Bordsteine werde es nicht mehr geben, außer sehr flache an den Bushaltestellen, die Wartehäuschen bekommen, und in einem Abstand von 50 Metern platziert werden. Busse sollen künftig auf der Straße halten. Mehrere Bäume sollen den Platz auflockern, möglich wären Linden, aber auch chinesische Wildbirnen, wie in der Wilhelmstraße.

Vor der St.-Gallus-Kirche ist eine Freitreppe mit Sitzquadern geplant. Neu mit Pflanzbeeten gestaltet werden soll auch das Vorfeld der Mediathek. Dafür wird die steile Rampe auf die westliche Seite verlegt und künftig etwas flacher sein. Einen neuen Standort gegenüber des „Grünen Baumes“ bekommen soll der Spielplatz. Mehr Platz für Außenbestuhlung soll auch die Eisdiele „Il Nuovo Gelato“ bekommen. Dafür wäre die Rienharzer Straße künftig nicht mehr vom Kirchplatz aus befahrbar.

1300 Unterschriften für Erhalt der Parkplätze an Apotheke und Bäckerei

Wegfallen für Bäume und Außenbestuhlung würden dann die Parkplätze vor der Bäckerei Jooß und der Kur-Apotheke. Dafür soll eine Fläche für Zulieferer östlich der Post geschaffen werden, um das wilde Parken auf dem Gehweg zu unterbinden. Und geplant sind, je nach Variante, vier Parkplätze vor der Apotheke am Kirchplatz oder sieben an der Wilhelmstraße.

Genau darüber entwickelte sich dann eine ziemlich hitzige, zweistündige Diskussion. Daraus nur ein paar Schlaglichter: Christian Köstlin, Inhaber der Kur-Apotheke, hatte vergangene Woche eine Unterschriften-Aktion gestartet. Etwa 1300 Menschen haben für den Erhalt der Parkplätze unterschrieben. Eine zuletzt häufig gehörte Meinung zu den Umbauplänen sei laut Köstlin: „Jetzt spinned se komplett“. Welzheim lebe von seinen Geschäften und Cafés, viele Kunden kämen von außerhalb und der Konkurrenzdruck sei groß. Viele Einzelhändler kämpften längst um ihre Existenz. „Da zählt jeder Parkplatz.“

Was die Stadtplaner vorgelegt hätten, sei insgesamt nicht praxistauglich. Bereits die sachlich-nüchterne Gestaltung der Wilhelmstraße habe ihm missfallen. In der geplanten Freitreppe sehe er nun vor allem einen Unfallschwerpunkt, erwarte Müll und Lärm. „Shared space“, also das mehr oder weniger gleichberechtigte Nebeneinander von Fußgängern, Radfahrern und Autos „kann so in Welzheim nicht umgesetzt werden.“ Eine Äußerung, für die Köstlin viel Applaus bekam.

Kohnle befürchtet Verkehrschaos

„Man kann nicht alles dem Auto unterordnen“, sagte Thomas Bernlöhr, der zugleich betonte, dass es bei der Planung künftig mehr und nicht weniger Parkplätze geben werde. Und nochmals darauf hinwies, dass dies nur ein Entwurf sei. „Es ist jederzeit möglich, uns alles zu sagen, wir nehmen jedes Feedback auf.“ Es sei nur so, dass die Straße ohnehin aufgerissen werden müsse, da der Abwasserkanal sonst demnächst zusammenbreche. „Es wäre unverantwortlich, sich in diesem Zuge keine Gedanken über die Gestaltung des Kirchplatzes zu machen.“ Die Diskussion werde ergebnisoffen geführt – und entscheiden müsse ohnehin der Gemeinderat. Die Verwaltung könne mit jedem Ergebnis, das dabei herauskomme, gut leben, versicherte er.

Martin Kohnle, Vorsitzender des Handels- und Gewerbevereins, meinte, die sieben geplanten Stellplätze würden an dieser Stelle nur ein Verkehrschaos auslösen. Außerdem müsse die Rienharzer Straße auch künftig durchfahrbar bleiben. Hierfür bekam er viel Applaus. Kohnle plädierte letztlich dafür, die Maßnahme „so lange wie möglich rauszuzögern“ und zu warten, bis das Geschäftshaus am See fertig sei. Dann müsse die Parkplatzsituation aus seiner Sicht ohnehin neu bewertet werden.

Bäckerei hat kein Interesse an der geplanten Außenbewirtschaftung

Durch die Schließung seien keine größeren Auswirkungen auf den Verkehrsfluss zu erwarten, entgegnete Bernlöhr. Das habe ein Experte untersucht. Und durch das Geschäftshaus würden künftig mehr Kundenparkplätze in der Innenstadt zur Verfügung stehen. Außenbewirtschaftung sei außerdem im Kommen. Das sollte eine Verwaltung bei der Planung berücksichtigen. An einer solchen habe sie aber gar kein Interesse, sagte Ljiljana Jooß von der gleichnamigen Bäckerei. Ihr seien Parkplätze viel lieber. „Wir fürchten, dass es ansonsten ruhiger wird und weniger Kunden kommen.“

„Wollen wir in Schönheit sterben oder überleben?“, fragte Kurt Höfer, der sein Sportgeschäft nach 43 Jahren demnächst schließen wird. In fünf bis zehn Jahren, so seine Prognose könne es mit dem Einzelhandel in Welzheim endgültig vorbei sein. „Ich sehe hier den Tod des Einzelhandels.“

In dieses Untergangsszenario wollte der Bürgermeister aber partout nicht einstimmen. Im Gegenteil: Für Bernlöhr steht Welzheim im Vergleich mit anderen Kleinstädten sogar ziemlich gut da. Eine solche Sortiments-Vielfalt könnten sich vergleichbare Kommunen nur wünschen. „Wir sollten die Welzheimer Innenstadt nicht schlechtreden. Die Probleme des Einzelhandels kommen nicht von den Stellplätzen.“ Amazon und Co. lassen grüßen.