Welzheim

Seit 25 Jahren Prädikant in Welzheim: Martin Becker ist Laie im Priestergewand

15j Friedensgebet
Beim Friedensgebet in der Sankt-Gallus-Kirche. © Gabriel Habermann

Arbeiterpriester: Im Frankreich der Nachkriegszeit gab es davon nicht wenige. Tagsüber waren sie in der Fabrik tätig, oft auch als Gewerkschafter, nach Feierabend dienten sie dem Herrn. Ein Zugang zum Glauben, der Martin Becker, der selbst aus einer Arbeiterfamilie stammt, gut gefällt. Denn „so behalten Geistliche den Kontakt zur Lebenswirklichkeit“.

Der Brotjob und das Ehrenamt

Becker arbeitet als Referent in der Verwaltung einer Betriebskrankenkasse. Doch nach Feierabend wird er zum Laien im Priestergewand. Der 55-Jährige ist Prädikant, eine Position innerhalb der evangelischen Kirche, die geschaffen wurde für Menschen, die zwar kein Theologiestudium absolviert haben, aber über das nötige Talent verfügen, um Gottesdienste zu leiten und die Sakramente zu vollführen. Bereits seit 25 Jahren geht er der Tätigkeit inzwischen schon nach.

Ein Friedensgebet gab damals den Ausschlag, erzählt Becker. In Heilbronn, wo er aufgewachsen ist, war er unter dem Eindruck und zur Zeit des zweiten Golfkriegs an der Gründung beteiligt. Der zuständige Pfarrer habe dabei sein liturgisches Feingefühl bemerkt – und ihm die Ausbildung zum Prädikanten nahegelegt.

Einige Zeit später zog es Becker dann aus beruflichen Gründen nach Welzheim. Der Pfarrer Eberhard Braun hatte damals die Idee des Friedensgebets in der Limesstadt aufgegriffen. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde es in der Sankt-Gallus-Kirche erstmals abgehalten. Und hat sich inzwischen als feste Institution in Welzheim etabliert.

Die Institution Kirche befindet sich in einer Krise

Becker schloss sich dem an und übernahm nach dem Ausscheiden von Pfarrer Braun die Leitung. Dabei legte er seinen Fokus auf den interreligiösen und interkulturellen Dialog. Zum Friedensgebet sind deshalb nicht nur Christen eingeladen, sondern alle Menschen. „Bei den Menschen zu sein, sie wahrzunehmen, sie einzubinden, das ist mein Ansatz.“ In einer multikulturellen und multireligiösen Gesellschaft wie dieser bedeute das auch: sich nicht auf die eigene Klientel, die regelmäßigen Kirchengänger zu beschränken, sondern als Kirche offen zu sein und hinauszugehen.

Denn die Institution befinde sich in einer Krise. Den „Point of no Return“, also den Punkt, von dem an es kein Zurück mehr gibt, sieht Becker, der sich als leidenschaftlicher Verfechter der Landeskirche versteht, längst als überschritten an. Die Kirche müsse sich daher neu erfinden.

Kirche als "Erfahrungs- und Begegnungsort"

Als „Lern- und Übungsfeld“, als „Erfahrungs- und Begegnungsort“, und als Platz, an dem der Mensch erfahren könne, „dass wir nicht nur im Kapitalismus und Materialismus verhaftet sind“. Dass es dafür einen Bedarf gibt, davon ist Becker fest überzeugt, denn „der Mensch ist unheilbar religiös“, werde sich immer die Sinnfrage stellen. Jedoch: „Der Christ der Zukunft wird ein Mystiker sein, einer, der etwas erfährt – oder er wird nicht mehr sein“, sagt Becker, den Jesuiten Karl Rahner zitierend.

Bei seinen Predigten, die er auch in Schwäbisch Gmünd an Sonn- und Feiertagen hält, setzt er deshalb auf eine poetische Sprache und starke Symbolik. Etwa, indem er die Besucher Körner in die Erde pflanzen lässt, um ein Bibelzitat über die Auferstehung aus dem ersten Brief des Paulus an die Korinther zu verdeutlichen.

Gegen Absolutheitsansprüche im Glauben

Das Soziale, das Sichhinwenden zu denen, die bedürftig sind, zählt für Becker aber auch ganz grundlegend zu den Aufgaben als Prädikant. Die Arbeit mit Flüchtlingen versteht er ganz klar als Bereicherung für die Kirche. Weil gerade die Christen etwas mitbrächten, das in Deutschland ein Stück weit verloren gegangen ist: die Leidenschaft für den Glauben sowie das existenziell Spirituelle. Und weil die Konvertiten oder als Christen Verfolgten mit ihrem klaren Bekenntnis verdeutlichen würden, „was wir im Glauben haben“.

Was nicht bedeuten soll, dass Becker ein fundamentalistisches Verständnis des Christentums befürworten würde. Im Gegenteil: „Absolutheitsansprüche sind etwas ganz Verheerendes im Glauben.“ Und so sieht der Welzheimer in seinem Friedensgebet auch nur einen, aber nicht den einzigen Weg in die Zukunft der Kirche.

Im Dialog mit den Muslimen der Stadt

Einen, der Gläubige anderer Religionen wie gesagt nicht ausschließt. Mit der Welzheimer Moschee und der alevitischen Gemeinde ist er seit mehr als zehn Jahren im Dialog. Und so gibt es nicht nur eine gemeinsame Adventsfeier. So kam es auch, dass bei einer Taufe in der Galluskirche auch schon mal eine Abordnung der muslimischen Gemeinde anwesend war.

Denn, so Martin Beckers feste Überzeugung, „alles, was Beziehung ermöglicht, ist zukunftsfähig“.

Das Friedensgebet findet jeden Montag um 19 Uhr in der Welzheimer Sankt-Gallus-Kirche statt.

Arbeiterpriester: Im Frankreich der Nachkriegszeit gab es davon nicht wenige. Tagsüber waren sie in der Fabrik tätig, oft auch als Gewerkschafter, nach Feierabend dienten sie dem Herrn. Ein Zugang zum Glauben, der Martin Becker, der selbst aus einer Arbeiterfamilie stammt, gut gefällt. Denn „so behalten Geistliche den Kontakt zur Lebenswirklichkeit“.

Der Brotjob und das Ehrenamt

Becker arbeitet als Referent in der Verwaltung einer Betriebskrankenkasse. Doch nach Feierabend

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