Welzheim

So wehrt man sich gegen sexualisierte Gewalt

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Seminar für Mädchen Selbstbehauptung am Limes-Gymnasium in Welzheim. © ZVW
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Seminar für Mädchen Selbstbehauptung am Limes-Gymnasium in Welzheim. © ZVW
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Mädchen des Limes-Gymnasiums lernen, wie sie sich gegen sexualisierte Gewalt schützen können. © Ramona Adolf
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Mädchen des Limes-Gymnasiums lernen, wie sie sich gegen sexualisierte Gewalt schützen können. © Ramona Adolf
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Mädchen des Limes-Gymnasiums lernen, wie sie sich gegen sexualisierte Gewalt schützen können. © Ramona Adolf
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Mädchen des Limes-Gymnasiums lernen, wie sie sich gegen sexualisierte Gewalt schützen können. © Ramona Adolf
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Mädchen des Limes-Gymnasiums lernen, wie sie sich gegen sexualisierte Gewalt schützen können. © Ramona Adolf
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Mädchen des Limes-Gymnasiums lernen, wie sie sich gegen sexualisierte Gewalt schützen können. © Ramona Adolf
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Mädchen des Limes-Gymnasiums lernen, wie sie sich gegen sexualisierte Gewalt schützen können. © Ramona Adolf

Welzheim. „Hau ab!“, schreit ein Mädchen, macht zwei schnelle Schritte auf ihr Gegenüber zu, haut mit der Handfläche zu und rennt weg. Die Polizistin nickt zufrieden. Gut gemacht. Eine selbstbewusste Flucht nach vorne. Allerdings nicht die Regel, sondern die Ultima Ratio der Selbstbehauptung. Wie man sich vor Übergriffen schützt und in Sicherheit bringt, lernten Neuntklässlerinnen des Limes-Gymnasiums.

Wer am Donnerstagnachmittag die Aula des Limes-Gymnasiums betrat, dachte im ersten Moment, hier trainieren Mädchen für einen Boxkampf. Fäuste treffen auf Handschlagpolster. Die Getroffenen weichen zurück. Kein Wunder. Sie werden auch angeschrien. „Lass mich in Ruhe!“, „Verschwinde!“, rufen die zuschlagenden Mädchen. Allerdings kostet es einige Überwindung, mal richtig zu schreien. Eine Beobachtung, die die beiden Trainerinnen meistens machen. Zwei Kriminalpolizistinnen bieten das Seminar „Nicht mit mir“ an. Sie zeigen Gefahren- und Konfliktsituationen und erarbeiten mit den Teilnehmerinnen Lösungsmöglichkeiten. Zuschlagen ist das letzte Mittel. Das wird klar. Viel wichtiger ist eine taffe Ausstrahlung. Schülerinnen als Opfer? Nicht mit diesen Jugendlichen. Das hatten sie bereits am Donnerstagmorgen gelernt.

Die Ausgangslage ist prinzipiell ernüchternd. Vor allem auch in Großstädten können Mädchen und junge Frauen Opfer von Sexualstraftaten werden, am Bahnhof, in Unterführungen oder in S-Bahnen. Diese traurige Erkenntnis gibt es nicht erst seit Köln, betonen Lehrer und Polizistinnen. Das Seminar gebe es seit vielen Jahren. Der Termin im Februar habe nichts mit den Kölner Vorkommnissen zu tun. Vor rund 20 Jahren habe Lehrerin Mona Winter derlei Seminare angestoßen. Die sind dreigeteilt.

Im ersten Teil geht es um Anmache, Übergriffe und sexuelle Gewalt, um Angst und Körpersprache. Mona Winter will selbstbewusste Schülerinnen. Ein scheuer Blick auf den Boden, die Schultern herabgesenkt? Nein! Kopf hoch, ein selbstbewusster Blick, eine taffe Haltung! Das signalisiere jedem, hier steht eine selbstbewusste Frau, die kein potenzielles Opfer ist. Das wird trainiert. Außerdem geht es um die Frage, wo sexualisierte Gewalt anfängt, wo die Schülerinnen ihre Grenze definieren und jedem deutlich machen, dass eine Überschreitung dieser Linie nicht zu akzeptieren ist. Das ist Inhalt des zweiten Moduls.

Die Schülerinnen sollen nicht lernen, dass sie jeden Konflikt lösen können, indem sie Männern, die ihnen – warum und mit welchem Motiv auch immer – zu nahe kommen, die Handtasche ins Gesicht schlagen. „Der Schwerpunkt liegt nicht auf Selbstverteidigung“, sagt Polizistin Heike Reichenecker. Das könne man in ein paar Stunden auch gar nicht realisieren. Es gehe darum, Situationen richtig einzuschätzen, möglichen Konflikten aus dem Weg zu gehen und Hilfe zu organisieren. Wichtig sei es, Aufmerksamkeit zu erregen und Zeit zu gewinnen. Hierbei gibt es Faustregeln.

Augen auf, Musik aus

Wer alleine spaziert, sollte sich nicht in sein Smartphone vertiefen und laut Musik hören, sondern seine Umgebung im Blick haben und die Handtasche dicht am Körper tragen. Wer zu später Stunde S-Bahn fährt, sollte sich zu Menschen gesellen, die einen normalen Eindruck machen und sich an den Mittelgang setzen. Kommt es zu Übergriffen, sollen Mädchen laut schreien, Umherstehende Menschen auf ihre Notlage aufmerksam machen und dafür gezielt Menschen um Hilfe bitten. Wer etwas beobachtet, soll die Polizei rufen. Von Pfefferspray halten die Polizistinnen wenig, zu ungenau und zu langsam in der Handhabung.

In Rollenspielen werden verschiedene Situationen eingeübt. Offen wird über Erfahrungen und Ängste gesprochen, meistens ohne Lehrer. Dann gibt es praktische Übungen. Wie schlage ich zu, wenn alle anderen Abwehrmaßnahmen nicht funktioniert haben. Zuschlagen ist besser, als sich in der S-Bahn langsam an den Rand drängen zu lassen. Den Mädchen soll aber nicht das trügerische Gefühl vermittelt werden, sie könnten jeden Gegner besiegen. Im Gegenteil. Selbstbewusstsein zu vermitteln hat auch damit zu tun, die eigenen Stärken und Schwächen zu kennen, sagt Kripo-Beamtin Sandra Sänger. Selbstbewusstsein darf nicht aus Selbstüberschätzung hervorgehen. Die Mädchen sollen ebenfalls erfahren, wie anstrengend es ist, zu brüllen, zu schlagen und wegzurennen.

Wer nicht will, dass Männer ihnen zu nahe kommen, der muss das zeigen, sagt Mona Winter. „Wir wollen unsere Schüler lebenstüchtig machen!“ Die Schülerinnen sollen lernen, ihre Stimme und Präsenz einzusetzen. Angreifer gelte es zu siezen, das drücke Distanz aus.

Im dritten Teil am Freitagmorgen standen Beratung, Hilfe und Anzeige im Vordergrund. Denn wenn ein Mädchen Opfer wurde, muss es hinterher wissen, was es tun soll und kann. Doch bestenfalls kommt es gar nicht dazu, wenn die Mädchen laut rufen: „Nicht mit mir!“

Nicht mit mir!

Das Selbstbehauptungsseminar „Nicht mit mir“ soll die Persönlichkeitsentwicklung fördern und Konfliktlösungs- und Krisenmanagementfähigkeiten verbessern. Im Vordergrund stehen die Vermittlung kriminologischer und psychologischer Erkenntnisse, Rollenspiele wie „Grenzen setzen“, Übungssequenzen zur Körpersprache, Selbstbehauptung und Selbstverteidigung. Eine Reflexion der Thematik anhand von Videosequenzen stehe ebenfalls auf dem Programm.

Das von der Initiative Sicherer Landkreis Rems-Murr e.V. und der Polizeidirektion Waiblingen unter fachlicher Begleitung von Trägern der Jugendarbeit und Jugendbildung durchgeführte Seminar ist vor allem ein Angebot an Schulen, Vereine und Jugendorganisationen.