Welzheim

Tageseltern Welzheimer Wald in der Pandemie: Engagement war groß, Belastung auch

Tagesmutter
Die Tagesmütter und -väter haben In der Pandemiezeit Großes geleistet. © Benjamin Büttner

Gerade einmal zweieinhalb Jahre ist es her, als aufgrund des Ausbruchs der Corona-Pandemie unser aller Alltag auf den Kopf gestellt wurde. Am 24. Februar 2020 wurde im Landkreis Göppingen Baden-Württembergs erster an Corona Erkrankter festgestellt. Dann kamen die Einschläge mit rasender Geschwindigkeit immer näher: Bereits am 3. März war der Rems-Murr-Kreis betroffen: Ein Rudersberger kam zur Behandlung ins Rems-Murr-Klinikum. Wie war es im Verein „Tagesmütter Welzheimer Wald“ in dieser Zeit? Wann setzten sie sich im Kreis der Mitarbeiter zum ersten Mal mit der Pandemie auseinander?

Nur eine Episode? Die Pandemie kommt nach Welzheim

Bereits in der ersten und zweiten Märzwoche, blickt Susanne Bader, die Fachberaterin Althütte/Kaisersbach/Rudersberg des Vereins zurück, habe die Pandemie ein großes Thema im Team dargestellt. „Der Blick nach China und deren Herangehensweise mit den extremen Einschränkungen des öffentlichen Lebens war da für uns noch unvorstellbar. Alle, wir im Team und die Tagesmütter und Tagesväter, waren optimistisch, dass es sich nur um eine Episode handeln würde.“

Dann, als Ende März 2020 auch schon der erste Lockdown verhängt wurde, konnte sich der Verein als freier Träger der Jugendhilfe der neuen Situation schnell anpassen. „Wir organisierten unsere Bürozeiten, Sprechstunden und Einzelberatungen neu. Es gab eine Flut von neuen Abläufen für die Verwaltung. Anträge der Eltern, Arbeitgeberbescheinigungen, völlig neue Listen des Jugendamtes, um Belegungen zu beachten, dann irgendwann auch Testbedarfsabfragen, regelmäßig mehrere Tausende Testlieferungen, die auf die Tagesmütter und Tagesväter verteilt werden mussten, und und und. Erste Pläne entstanden, Fortbildungen online anzubieten.“

Verunsicherung: Die Krisenreaktion der Tageseltern

Des Weiteren hob der Verein ein Eltern-Krisen-Telefon aus der Taufe. „Und wir nutzten die Homepage noch mehr, um stets aktuelle Corona-Bestimmungen verständlich anbieten zu können.“ Regelmäßig habe man den Kontakt zu den Tagesmüttern und Tagesvätern gesucht, die für die Notbetreuung zur Verfügung standen. „Diese waren über die Maßen beansprucht, weil deren Angehörige und Nachbarn zum Teil sehr verunsichert waren, wenn sie sich dafür zur Verfügung stellten“, sagt Bader. Nicht selten habe der Verein Nachbarn beruhigen müssen. Wenn etwa die Tagesmutter mit den Kindern über das Treppenhaus ins Freie gehen wollte, habe es große Ängste gegeben, sich anzustecken.

„Um professionell handeln zu können, erhielten die Tagesmütter und Tagesväter, die Notbetreuung anboten, eigene Praxisberatungsgruppen online über Zoom. Wir spürten eine Fürsorgeverantwortung und wollten dem Engagement feinfühlig beiseitestehen. Wir bauten ein neues Informationsformat auf.“ Wöchentlich neu verfasste Newsletter sollten individuell auf die Kindertagespflegeperson abgestimmte Neuigkeiten an die Tagesmütter und Tagesväter verbreiten. Der Verein beschränkte sich nicht darauf, die Schreiben vom Kultusministerium, vom Städtetag, vom Landratsamt, vom Landesverband oder von den Kommunen einfach nur weiterzuleiten.

Die Tiger mussten geschlossen bleiben

Bereits am 7. März wurden in Baden-Württemberg die ersten Schulen geschlossen. Sehr schnell kamen dann auch die ersten Landesverordnungen über den Betrieb der Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflegestellen unter Pandemiebedingungen. Inwieweit betraf das damals auch die Arbeit der Tagesmütter – und wie wirkte sich das auf die „Tiger“ des Vereins, also deren Kindertagesstätten, aus? (Die Abkürzung steht für „Tagesbetreuung in geeigneten Räumen“.)

Susanne Bader erinnert sich noch gut daran. Am Sonntag, 15. März 2020, habe der Verein mittags vom Fachdienst Kindertagesbetreuung aus Backnang die erste Mail erhalten mit der Nachricht, dass ab kommenden Dienstag die Kindertagespflegestellen geschlossen bleiben müssen. Eltern oder Alleinerziehende, die an ihrem Arbeitsplatz unabkömmlich waren, sollten sich bei ihren Heimatgemeinden melden, wenn sie Notbetreuung für ihre Kinder benötigen.

„Die Tagesmütter und Tagesväter, die selbstständig tätig sind, hatten große Existenzsorgen und fragten sich, welche Auswirkungen diese Entscheidung auf ihre Einnahmesituation haben würde?“ Wenige Tage später gab es vom Jugendamtsleiter Holger Gläss die Nachricht an die Kommunen, dass die Tagesmütter und -väter für die Notfallbetreuung zur Verfügung stehen können und alle bemüht seien, „in diesen bewegten Zeiten praktische und praktikable Lösungen anzubieten“.

Beeindruckend: Der Verein hält zusammen

Zu diesem Zeitpunkt erhielt der Verein vermehrt Anrufe von besorgten Eltern, die sich Gedanken gemacht haben, wie sie Arbeit und Kinder vereinbaren sollen. Diese Ängste teilten viele Eltern zunächst mit ihren Tagesmüttern und Tagesvätern. „Es war für uns sehr beeindruckend“, so Bader, „dass sich viele meldeten, dass sie den Eltern ihrer Tageskinder anbieten würden, die Betreuung aufrechtzuerhalten. Egal was kommt.“ Ihre eigene Gesundheit hätten sie dabei oft in den Hintergrund gestellt. Und im weiteren Verlauf der Pandemie hätten Tagesmütter und -väter sogar die Schließzeiten der Kindergärten abgefangen. Und wenn dort gar keine Notbetreuung angeboten werden konnte, die Kinder betreut. „Danach konnten wir uns vor Anträgen kaum retten.“ Die Tiger seien in den ersten Lockdowns jedoch geschlossen gewesen, genau wie die Krippen und Kindergärten.

Kreative Lösungen für Hygienevorschriften

Die von den Behörden angeordneten Hygienemaßnahmen habe man sehr kreativ gelöst, berichtet Bader. "Die ersten Desinfektionsmittel erhielt der Verein von einem Kooperationspartner. Und in einer großen Aktion wurden „Maultäschle“ für die Kinder gestrickt, genäht, gehäkelt und dann an unsere Tageskinder verteilt." Sehr lange habe es keine kleinen passenden medizinischen Kindermasken gegeben, berichtet Bader. „Aber Tagesmütter sind ohnehin kluge Managerinnen, sie beklagten selten irgendwelche Versorgungsprobleme. Sie waren sehr froh, dass der Kreis Regelungen fand, ihre wirtschaftliche Situation abzufangen“, so Bader. Die Nichtbetreuungszeiten, die durch angeordnete Schließungen entstanden, seien zu 80 Prozent finanziert worden, freiwillige Notbetreuungen wurden regulär bezahlt, zusätzliche Betreuungsbedarfe nach Bedarfsüberprüfung wurden ebenfalls bezahlt.

Belastend: Der Corona-Winter 2020/21

Als dann im Januar 2021 beim zweiten Lockdown die Rollläden bundesweit runtergingen, Schulen und Kitas erneut geschlossen wurden und sowohl der Unterricht als auch berufliche Tätigkeiten im Home-Office stattfanden, war die Geschäftsstelle des Tagesmüttervereins schon voll und ganz auf die neuen Bedingungen vorbereitet. „Wir haben unsere Anwesenheit neu organisiert, pro Raum war nie mehr als eine Person anwesend. Inzwischen fanden auch die Elternberatungen ausschließlich online über Zoom oder Teams statt. Kolleginnen, deren Kinder im Home-Schooling waren, arbeiteten verstärkt im Home-Office.“ Teamsitzungen fanden nur noch über Zoom oder Teams statt – genauso wie die jährlichen, verpflichtenden Fortbildungen.

„Bis die Notbetreuung in Schulen und Kindergärten reibungslos lief, hatten Tagesmütter und Tagesväter oft mehrere Kinder aus verschiedenen Klassen gleichzeitig im Home-Schooling, dazu die Kleinen, die nicht in den Kindergarten konnten. Und vielleicht die eigenen Kinder auch zu Hause.“ Die Belastung sei zum Teil enorm gewesen. Nicht nur das heimische Internet sei an seine Grenzen gekommen, auch die Tagesmütter und Tagesväter, die dies möglich machten.

Manche Beratungsgespräche drehten sich in dieser Zeit ausschließlich um die Belastung, weil niemand gewusst habe, wie lange es noch dauern würde, weil die betreuten Kinder und deren Eltern großem psychischen Druck ausgesetzt waren, weil von den Tagesmüttern und Tagesvätern noch mehr Aufgaben erwartet wurden. Der Nachweis und die Notwendigkeit der Betreuung habe in jedem Einzelfall nachgewiesen werden müssen.

Riesiges Engagement der Tageseltern

„Unsere Motivation wurde hauptsächlich davon getragen, dass wir das riesige Engagement der Tagesmütter und Tagesväter wahrgenommen haben und es als selbstverständlich empfanden, ihnen zur Seite zu stehen und sie nicht allein zu lassen“ erinnert sich Bader. „Das mag sich etwas groß anhören, aber wir konnten keine Entlastung in den alltäglichen Aufgaben bieten, deshalb war es aus unserer Sicht umso wichtiger, zumindest die mentale Verfügbarkeit sicherzustellen.“

Auch den Eltern wurde regelmäßig durch Rundbriefe mitgeteilt, dass der Verein jederzeit erreichbar ist, also nicht nur zu den üblichen Vormittags- und Abendsprechzeiten. „Unser ehrenamtlicher Vorstand hat uns dafür sehr viel Anerkennung und Lob zukommen lassen.“

Hat die Pandemie Auswirkungen auf die Anzahl der betreuten Kinder und auf die anderen Projekte des Vereins? Gibt es Lehren für die zukünftige Arbeit? Zeitweise habe man gedacht, dass die Zukunft gefährdet sein könnte. Man war sich nicht sicher, wie Kurzarbeit und Home-Office sowie schlechte Auftragslagen in der Industrie sich auf lange Sicht auswirken könnten. Außerdem durften lange keine neuen Tageskinder in die Vermittlung aufgenommen werden. In 2020 und 2021 kam es nur zu geringen Schwankungen der Kinderzahlen. Die intensive Betreuung aller beteiligten Gruppen, also der Tagespflegenden, der Eltern und Kinder ließ nur noch wenig Zeit für Aufgaben, die sonst stets im Auge des Vereins waren.

Die Qualität soll noch verbessert werden

„Wir wollen gemeinsam mit den Tagespflegepersonen die Entwicklung der Qualität fortschreiben, damit Tagespflegepersonen stolz sein können, in diesem Berufsfeld tätig zu sein. Damit können sie zeigen, dass ihnen die Entwicklung und Förderung von Kindern, deren Kindeswohl und Kindersicherheit wichtig sind.“ Dazu müssten neue Prozesse geplant und entwickelt werden, außerdem Standards geschrieben, diese zur Anwendung gebracht und dann überprüft werden. Und auch die Qualität, die Schnittstellen und das Dienstleistungsangebot will der Verein bewusst ausbauen. Teamsitzungen habe man nicht mehr dazu nutzen können, andere Inhalte seien wichtiger gewesen.

Freud und Leid: Wie geht es weiter mit dem Verein?

„Für die zukünftige Arbeit können wir daraus ableiten, dass wir physisch und psychisch auch für schwierige Situationen gut aufgestellt sind. Zum Glück haben wir keine menschlichen Verluste zu beklagen.“

Mitten im dritten Coronaherbst blickt der Tagesmütterverein den kommenden Monaten einerseits optimistisch entgegen, weil Tausende von Tests für Kinder und Tagesmütter und Tagesväter, um höchstmögliche Sicherheit herzustellen, zur Verfügung standen und die Priorisierung beim Impfen ebenfalls erfolgte.

„Wir gehen davon aus,“ meint Bader, „dass sich daran nichts ändern wird. Dafür sind alle dankbar. Wir machen uns ausschließlich darum Sorgen, wie in allernächster Zukunft die Betreuungsanfragen ohne neue Tagesmütter und Tagesväter beantwortet werden sollen?“ Seit diesem Jahr gehen die Kinderzahlen zurück. Die zur Verfügung stehenden Tagesmütter seien auch weniger geworden. „Nicht wenige haben tatsächlich aufgehört.“ Corona ausschließlich als Ursache dafür zu sehen, wäre aus Baders Sicht aber zu kurz gegriffen. „Die Bezahlung ist nicht ausreichend und die Qualifizierung sehr umfangreich. Das führt zu einem Auseinanderdriften der Chancen-Nutzen-Rechnung.“

Das habe zur Folge, dass vermutlich in allernächster Zukunft Mütter und Väter nicht arbeiten gehen können, weil ihnen keine Betreuung zur Verfügung steht. „Aber wir bleiben optimistisch!“

Gerade einmal zweieinhalb Jahre ist es her, als aufgrund des Ausbruchs der Corona-Pandemie unser aller Alltag auf den Kopf gestellt wurde. Am 24. Februar 2020 wurde im Landkreis Göppingen Baden-Württembergs erster an Corona Erkrankter festgestellt. Dann kamen die Einschläge mit rasender Geschwindigkeit immer näher: Bereits am 3. März war der Rems-Murr-Kreis betroffen: Ein Rudersberger kam zur Behandlung ins Rems-Murr-Klinikum. Wie war es im Verein „Tagesmütter Welzheimer Wald“ in dieser

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