Welzheim

Ukraine-Krieg: Martin Becker vom Friedensgebet Welzheim:  „Die Kirche ist jetzt gefordert“

Martin Becker
„Gebete haben für mich als Christ eine Macht“, sagt Prädikant Martin Becker. © privat

Seit etwa 20 Jahren kommen jeden Montagabend Menschen in der Welzheimer Sankt-Gallus-Kirche zu einem Friedensgebet zusammen. Entstanden ist diese Idee nach dem 11. September 2001 und den darauffolgenden Kriegen in Afghanistan und Irak.

Seit vergangenem Donnerstag ist jetzt wieder Krieg – diesmal gerade gut tausend Kilometer entfernt von uns im Osten Europas und damit so nah wie seit den Jugoslawien-Kriegen der Neunziger nicht mehr.

„Macht aus den Kirchen europäische Begegnungsstätten!

„Es ist verheerend – und das wird mir täglich bewusst: Wir haben Krieg in Europa“, sagt Prädikant Martin Becker. Er organisiert seit vielen Jahren das Friedensgebet und findet: „Jetzt ist die Kirche gefordert“. Sie hätte die Kraft, ein Zeichen zu setzen. „Die Kirche klagt und jammert, dass ihnen die Leute davonlaufen“, sagt Becker. Dabei gebe es für sie in dieser Situation auch eine Chance: „Macht aus ihnen europäische Begegnungsstätten, damit die alte Idee vom befriedeten Europa wieder auftritt!“, so seine Forderung.

Das einst von Pfarrer Eberhard Braun ins Leben gerufene Welzheimer Friedensgebet, könnte dafür so etwas wie ein Vorbild sein. Hier begegnen sich allmontäglich Menschen unterschiedlicher Religionen und Herkunft. Als 2015 viele Hunderttausende Menschen nach Deutschland flüchten, fanden sie im Friedensgebet einen Ort, an dem ihnen mit offenen Armen begegnet wurde.

Das spiegelt sich auch in der Liturgie wieder, die mit dem traditionellen Gottesdienst der Landeskirche nicht vergleichbar ist. Sie integriert montags in der Sankt-Gallus-Kirche Elemente in Farsi und Englisch, in Französisch sowie Tigrinya, einer Sprache, die in Eritrea gesprochen wird. Das Friedensgebet bezeichnet Becker daher auch als „Begegnungsort und Impulsgeber“.

Nach den Brücken in den Orient brauche es jetzt Brücken in den Osten

So wie man in Welzheim 2015 Brücken in den Orient gebaut habe, müsse man das jetzt für den Osten tun, sagt Becker. Vor allem für das nicht unwahrscheinliche Szenario, dass in den kommenden Monaten eine große Anzahl von Flüchtlingen aus der Ukraine nach Deutschland kommen wird. „Wenn die Flüchtlinge kommen, die aus der Orthodoxie kommen, dann sähe ich es als meine Aufgabe, sie aufzunehmen."

Politik müsse sich besser darauf vorbereiten, falls Flüchtlinge kommen

Becker erwartet für diesen Fall aber, „dass sich unsere Politik schon vorbereitet und nicht so blauäugig ist wie 2015.“ Denn „diese Menschen brauchen Arbeit, sie brauchen Wohnungen, die kann man nicht zwei, drei Jahre in den Unterkünften lassen.“ Was stattdessen nötig sei: „Knallharte Integration, Deutschkurse und Praktika“. Die Menschen bräuchten Begleitung. „Ohne die Ehrenamtlichen hätte das damals nicht funktioniert, auch die aus den Kirchen, aber nach sieben Jahren sind wir noch entkirchlichter als damals.“ Beckers Befürchtung: „Das, was wir damals geleistet haben, können wir heute nicht mehr.“ Auch, weil der Frust unter den Ehrenamtlichen groß sei – etwa weil sich gezeigt habe, dass manche Flüchtlinge „von der Mentalität und Kultur so verschieden sind, dass kein Aufeinanderzugehen möglich ist.“

Genau das sei jetzt aber notwendig: das Aufeinanderzugehen trotz unterschiedlicher religiöser oder politischer Überzeugungen. Die Landeskirche verstehe sich als Friedenskirche – und habe Verbindungen zur Orthodoxie. „Da sehe ich eine große Chance, dass Netzwerke entstehen, in denen die Menschen einander als Ihresgleichen erleben.“ Auch und gerade weil die Orthodoxie in Russland und der Ukraine so stark mit der politischen Macht verquickt sei.

Vergebung und Versöhnung zwischen den Religionen

Es ist der Gedanke der Ökumene, den Becker hier anspricht, einfordert und in einem kühnen Gedankenspiel kulminieren lässt: „Warum fliegen Papst Franziskus und der Patriarch von Moskau nicht nach Kiew? Das wäre für mich gelebte Ökumene und ein starkes Zeichen.“ Becker erinnert an die Botschaft der polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder vom November 1965 in der sie schrieben: „Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung“.

Das Problem: „Ich glaube, wir waren uns des Friedens zu sicher, und haben diese Begegnungen vernachlässigt“, sagt er. Auch er müsse erst wieder lernen, mit einem Krieg so nahe umzugehen. In den Achtzigern und Neunzigern habe es noch regelmäßige Begegnungsreisen in den Osten und die Sowjetunion gegeben. „Da gab es einprägsame Erlebnisse und Augenblicke der Dichte, wo man gemerkt hat: Wir gehören zusammen.“ Auch jetzt müsse man wieder solche Brücken bauen. Dazu könnte man in Welzheim etwa vorhandene Kontakte in den Osten reaktivieren.

Becker glaubt an die Kraft des Gebets und der Stille

„Was mich beeindruckt: Wie viele Gebete gerade stattfinden, das hat für mich als Christ Macht, hat eine Wirkung, davon bin ich zutiefst überzeugt“, sagt Becker. Denn „ich glaube an die Kraft der Stille und des Schweigens“.

Umso bedauerlicher ist es, dass Martin Becker, wie so viele andere gerade, am Freitag positiv auf das Corona-Virus getestet wurde und daher die kommenden beiden Wochen in Quarantäne ist.

Das Friedensgebet findet aber auch ohne ihn statt. Diesmal unter ganz besonderen Vorzeichen. Bürgermeister Thomas Bernlöhr wird am Montagabend dabei sein.

Seit etwa 20 Jahren kommen jeden Montagabend Menschen in der Welzheimer Sankt-Gallus-Kirche zu einem Friedensgebet zusammen. Entstanden ist diese Idee nach dem 11. September 2001 und den darauffolgenden Kriegen in Afghanistan und Irak.

Seit vergangenem Donnerstag ist jetzt wieder Krieg – diesmal gerade gut tausend Kilometer entfernt von uns im Osten Europas und damit so nah wie seit den Jugoslawien-Kriegen der Neunziger nicht mehr.

„Macht aus den Kirchen europäische

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