Welzheim

Umweltskandal in Welzheim: Wo ist der Klärschlamm aus Vorderhundsberg?

Klärschlamm
So sollte der Klärschlamm aussehen, wenn er in der Kläranlage durch die Presse ging. Wo ist der Schlamm aus Vorderhundsberg? © Benjamin Büttner

Streit um die Betriebszeiten der Wagenremise in Vorderhundsberg sowie die Frage nach der Nutzung der Eventlocation in Bezug auf die landwirtschaftliche Mitgezogenheit waren die ursprünglichen Gründe, warum es zwischen der Betreiberfamilie Eisenmann und den Anwohnern zum Streit kam. Nun beherrscht aber ein anderes Thema die Gemütslage im kleinen Welzheimer Ortsteil, nämlich ein Umweltskandal.

Mit drei Fragen endete der Artikel über den damals vermuteten Umweltskandal in Welzheim-Vorderhundsberg am 16. Juni 2021 in der Welzheimer Zeitung.

Gibt es eine Klärgrube nur für die Wagenremise in Welzheim-Vorderhundsberg, die regelmäßig geleert wird? Entspricht die Wagenremise noch der Mitgezogenheit im landwirtschaftlichen Betrieb? Können sich Anwohner und Betreiber auf eine Kompromisslösung einigen?

Die erste Frage wurde vom Landratsamt Rems-Murr-Kreis und Pressesprecherin Leonie Graf nun beantwortet: „Wir haben alles geprüft und müssen festhalten, dass wir bis auf eine Leerung in den vergangenen Jahren nicht wissen, wohin der Klärschlamm aus Vorderhundsberg hingekommen ist.“ Ganz wichtig ist, dass alle Hausanschlüsse an eine Pflanzenkläranlage angeschlossen sind, die Wagenremise hat eine separate Grube. Es geht aber nicht darum, warum nur der Klärschlamm von den Besuchern der Wagenremise nicht richtig entsorgt wurde, sondern der von allen Hausanschlüssen in Vorderhundsberg.

„Wir haben jedes Jahr unsere Rechnung für die Leerung vom Vorsitzenden des Abwasserverbandes bekommen und bezahlt. Im Nachhinein hat sich aber herausgestellt, dass eben die Leerungen bis auf einmal im Jahr 2021, wo es eine Quittung der Kläranlage Welzheim gibt, nie stattgefunden haben“, erklärt Anwohner Rüdiger Seng. Der neue Vorstand des Abwasserverbandes hat auch eine Satzungsänderung eingereicht, dass nicht mehr pro Haushalt, sondern pro Person für die Entsorgung gezahlt wird. „Hier warten wir seit drei Monaten auf eine Antwort“, so Seng.

Selbstanzeige zum Eigenschutz bei der Staatsanwaltschaft

In der Welzheimer Kläranlage kam also nichts an, das wissen mittlerweile auch die Anwohner aus Vorderhundsberg, denn die Mitglieder des ortsansässigen eigenen Abwasserverbandes haben eine Selbstanzeige bei der Staatsanwaltschaft gemacht.

„Wir hatten erst 2021 aufgrund der Quittung der Welzheimer Kläranlage festgestellt, dass man ja für Leerungen der Klärgrube Quittungen bekommt. Wir hatten bis dahin unserem Vorsitzenden, Rainer Eisenmann, der auch Eigentümer der Wagenremise ist, vertraut. Dieses Vertrauen wurde missbraucht und damit uns niemand belasten kann, hatten wir nur eine Selbstanzeige gemacht. Zum Eigenschutz hat der Abwasserverband bei der Staatsanwaltschaft diese Selbstanzeige gemacht. Wir wussten nicht, dass die Leerungen nie stattgefunden haben, und hatten daher den Vorsitzenden immer entlastet“, berichtet Rolf Georg Tusch, der zusammen mit anderen Anwohnern zudem eine Klage beim Verwaltungsgericht und somit ein Verfahren vor Gericht anstrebt.

Trotz mehrfacher Nachfrage seitens der Welzheimer Zeitung möchte Familie Eisenmann öffentlich keine Stellung nehmen. „Es muss nun alles endgültig geklärt werden. Wir vermuten aus eigenen Beobachtungen, dass der Klärschlamm aus der Grube auf Wiesen und Feldern ausgekippt wurde“, sagt Tusch.

Oder wo sonst solle der Klärschlamm der letzten acht Jahre hingekommen sein, wenn es keine Beweise für die Leerungen in Vorderhundsberg gibt? Hinzu kommt noch die Frage, ob die Klärgrube in Vorderhundsberg überhaupt ausreicht, wenn zahlreiche Gäste der Wagenremise die Toiletten nutzen? In der Satzung zur Kapazität der Kläranlage in Vorderhundsberg steht: „Ausschließlich häusliche Abwässer (WC, Bad, Küche) dürfen eingeleitet werden.“ Das Umweltamt sandte im Rahmen der Baugenehmigung in 2014 ein Schreiben, welches laut Seng und Tusch die maximale Personenzahl für die Einleitung in der Vorderhundsberger Kläranlage auf 30 begrenzte.

„Der Klärschlamm wird aktuell in der Kläranlage Welzheim angeliefert“

Von der Stadt Welzheim und Pressesprecher Uwe Lehar erhielt der Zeitungsverlag Waiblingen auf schriftliche Nachfrage folgende kurze Antworten auf die Frage, ob die Kläranlage in Vorderhundsberg in den letzten Jahren regulär geleert wurde. „Der Klärschlamm wird aktuell gemäß der Abwassersatzung in der Kläranlage Welzheim angeliefert.“ Auf die Nachfrage, was denn in den letzten Jahren war und nicht „aktuell“, gab es folgende Antwort der Stadt Welzheim: „Es ist Aufgabe der Stadt, die Entsorgung zu überwachen, und das wird getan. Dies gilt für alle private Gruben und für alle Abwasserverbände in gleicher Weise.“

Und auf die Frage, ob die Kapazität der Kläranlage in Vorderhundsberg ausreicht, um auch die zahlreichen Gäste der Wagenremise aufzufangen, heißt es seitens der Stadt Welzheim nur: „Sämtliche Entwässerungseinrichtungen in Vorderhundsberg sind ausreichend dimensioniert.“

Zwangsgeld angedroht, falls Betriebszeiten nicht eingehalten werden

Zurück zum bisherigen Streitpunkt zwischen Anwohnern und der Familie Eisenmann: Die Betriebszeiten der Wagenremise wurden auch bei Veranstaltungen in 2021 weiter öfters nicht eingehalten, das ist auch beim Landratsamt angekommen: „Es wurde öfters die Polizei gerufen und es gibt Anzeigen wegen der Nichteinhaltung der Betriebszeiten. Wir haben dem Betreiber mitgeteilt, dass er ein Zwangsgeld zahlen muss, sollte er noch einmal gegen die Betriebszeiten der Wagenremise verstoßen“, bestätigt Leonie Graf. Und der zweite Streitpunkt, die landwirtschaftliche Mitgezogenheit und die Nutzung der Wagenremise als Haupteinnahmequelle? Gegen den Bauantrag der Wagenremise, sich zu vergrößern, liegt ein Einspruch der Nachbarn vor. „Es liegt nun alles beim Regierungspräsidium Stuttgart, das eine Entscheidung über den Bauantrag treffen wird“, erklärt Leonie Graf. Für die Anwohner ist klar, dass nach der Zustimmung des Welzheimer Gemeinderats und der Stadt Welzheim dieser Bauantrag vermutlich durchkommen werde in Stuttgart, aber es gehe nun um das Ganze, nicht nur um den Neubau: „Wir wollen vor dem Verwaltungsgericht endlich eine Lösung bekommen“, so Tusch. Ob die Wagenremise noch als Veranstaltungsort der landwirtschaftlichen Mitgezogenheit unterliegt, werde ebenfalls noch geprüft seitens des Regierungspräsidiums Stuttgart. Auf die dritte Frage, ob es zu einer Kompromisslösung zwischen Betreiber und Anwohnern kommt, sagte Welzheims Bürgermeister Thomas Bernlöhr unlängst: „Beide Seiten haben durchaus ihre Argumente, warum sie sich von der Stadt nicht ausreichend gewürdigt und unterstützt sehen. Vielleicht ist dies der beste Beleg dafür, dass wir versuchen, beide Seiten und Interessensphären ernstzunehmen.“ Rolf Georg Tusch erklärt dagegen: „Herr Bernlöhr wusste schon seit Mai 2018, dass mit der Abwasserbeseitigung etwas nicht stimmen konnte. Wir hatten bei einem Gespräch im Rathaus auf den Sachverhalt Abwasserbeseitigung hingewiesen.“

Rüdiger Seng sagt: „Lägen die Fakten nicht schwarz auf weiß auf dem Tisch, man würde es nicht glauben. In diesem nunmehr seit sieben Jahren anhaltenden Drama kommt nahezu alles vor. Die Vetterleswirtschaft muss aufhören.“

Kommentar von Jörg Hinderberger

Schweigen hilft nicht weiter

Was ist nur los in dem kleinen Welzheimer Ortsteil Vorderhundsberg? Nach den Vorwürfen der zu vielen Partys in der Wagenremise, die für Ärger und Frust bei den Anwohnern sorgen, gesellt sich nun noch ein Umweltskandal hinzu. Wirklich? Natürlich gilt auch hier der Grundsatz "In dubio pro reo", zumal es eine Selbstanzeige bei der Staatsanwaltschaft gibt sowie eine Klage vor dem Verwaltungsgericht. Beide Verfahren sind noch ergebnisoffen, haben aber nichts mit der Frage zu tun, wohin denn der Klärschlamm der Bewohner von Vorderhundsberg in den letzten acht Jahren (mit Ausnahme des Jahres 2021) gekommen ist. Normalerweise sollte, ja müsste die Grube in Vorderhundsberg öfters im Jahr geleert werden. Denn wenn zahlreiche Feste zusätzlich stattfinden, muss die Grube auch öfters geleert werden. Eigentlich klar, aber es gibt ein Problem. Es gib aktuell keinen Beweis, wohin der Klärschlamm gekommen ist. In die Kläranlage nach Welzheim nicht, denn sonst würde es Quittungen als Belege geben. So wie von 2021, da ist die Quittung vorhanden, nachdem es personelle Veränderungen im Vorstand des Vorderhundsberger Abwasserverbandes gab. Doch das Landratsamt Rems-Murr konnte keine Belege finden, ist also ratlos. Die Stadt Welzheim weiß offensichtlich auch nicht mehr und der damalige Vorsitzende des Abwasserverbandes in Vorderhundsberg, der mit einer Aussage „Ich habe alle Belege für die Leerungen“ für Klarheit sorgen könnte, schweigt ebenfalls. Das Geld für die Leerungen von den Anwohnern an den Abwasserverband ist jedoch geflossen. Nur wohin? Also bleibt die Vermutung der Anwohner, die auch beobachtet haben wollen, dass der Klärschlamm auf die Wiesen und Felder gekippt wurde. Früher sicher öfters vorgekommen in der Landwirtschaft, heutzutage unvorstellbar. Eigentlich, gäbe es nicht diesen Fall in Vorderhundsberg, wo die einen schweigen und die anderen keine Beweise finden. Was ist da los? Ein Umweltskandal in Welzheim!

Streit um die Betriebszeiten der Wagenremise in Vorderhundsberg sowie die Frage nach der Nutzung der Eventlocation in Bezug auf die landwirtschaftliche Mitgezogenheit waren die ursprünglichen Gründe, warum es zwischen der Betreiberfamilie Eisenmann und den Anwohnern zum Streit kam. Nun beherrscht aber ein anderes Thema die Gemütslage im kleinen Welzheimer Ortsteil, nämlich ein Umweltskandal.

Mit drei Fragen endete der Artikel über den damals vermuteten Umweltskandal in

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