Welzheim

Viel zu viel Alkohol: Keiner erinnert sich

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Symbolfoto. © ZVW/Joachim Mogck

Kaisersbach/Stuttgart. Ein 20-Jähriger sitzt in U-Haft, weil er in betrunkenem Zustand einen Mann überfahren haben soll. Das Unfallopfer stirbt allein. Niemand hilft. Vielleicht waren alle zu betrunken, um zu bemerken, was geschah. Die drei Beifahrer im Unfallauto haben am Tag danach hauptsächlich eins im Sinn: die eigene Haut retten. Zumindest entsteht dieser Eindruck am vierten Verhandlungstag vor dem Stuttgarter Landgericht.

Am frühen Samstagmorgen nach dem Sandlandfest im Juli 2017 ist das 22-jährige Unfallopfer seinen schweren Verletzungen erlegen (wir haben mehrfach berichtet). Selbst ein Notarzt hätte nicht mehr helfen können, das ergab die Obduktion.

Einblicke in die Handy-Kommunikation der Mitfahrer

Seit 7. Februar verhandelt die 2. Große Jugendkammer am Stuttgarter Landgericht diesen Fall. Diesen Dienstag gewährte die Kripo-Beamtin, die den Fall federführend bearbeitet hat, als Zeugin Einblicke in die Handy-Kommunikation der Mitfahrer wenige Stunden nach dem tödlichen Unfall.

Keiner der drei hat laut Aussagen bemerkt, dass ein Mensch überfahren worden war. Es wurde offenbar reichlich Alkohol konsumiert in dieser Nacht; „man weiß nicht mehr so viel - dieses Thema zog sich wie ein roter Faden durch die Ermittlungen“, sagte die Polizeibeamtin im Zeugenstand.

Die Handys von drei Insassen im Unglücksauto wurden überprüft. Ein Handy fehlt: Der Beifahrer, der zum Unfallzeitpunkt vorne im Auto gesessen hatte, sagte später der Polizei, er habe sein Handy verloren. Seinen vollständigen Facebool-Zugang gab er bei der Polizei nicht preis.

Waren wir das?

Dieser Beifahrer, ein wichtiger Zeuge, erschien bereits zur Vernehmung bei der Polizei mit einem Rechtsbeistand an seiner Seite. Er kennt den angeklagten mutmaßlichen Unglücksfahrer aus Schulzeiten, offenbar nicht näher. Im Raum steht, eben dieser Beifahrer habe den betrunkenen und bekifften 20-Jährigen angestiftet, sich als Fahrer zur Verfügung zu stellen.

Der Beifahrer und zwei weitere junge Männer wollten wohl nach Welzheim. Der 20-Jährige startete am Sandlandfest, wählte – warum auch immer – einen Umweg über den Schillinghof, und dort kam es dann zum „Rumpler“. Dieses Wort fällt häufig vor Gericht.

Ein paar Stunden später hören die jungen Männer vom tödlichen Unfall und fragen sich: Waren wir das?

„Hinz und Kunz kennt sich dort oben“

Es folgen den ganzen Tag über geschriebene und gesprochene Nachrichten, ausgetauscht per Handy und via Facebook. Ein Teil der Kommunikation wurde am vierten Verhandlungstag öffentlich gemacht. Als „stecka zua“ (schwäbisch für sehr schwer betrunken) beschreibt der vordere Beifahrer seinen Zustand zum Zeitpunkt, als es zu dem Rumpler gekommen war.

Die jungen Männer wussten demnach nicht einmal, bei wem und in was für einem Auto sie in jener verhängnisvollen Nacht gesessen waren. Nach langen Auswertungen gewinnt die Kripo-Beamtin laut ihrer Zeugenaussage den Eindruck: Die jungen Männer haben wahrhaftig gerätselt, diese Unsicherheit war echt.

Während die Beifahrer an diesem 8. Juli vergangenen Jahres noch bange Fragen über WhatsApp austauschen, gibt es auf dem Welzheimer Wald längst kein anderes Gesprächsthema mehr als diesen Unfall. „Hinz und Kunz kennt sich dort oben“, brachte es die Polizeibeamtin auf den Punkt.

Eins der Gerüchte lautete, das Unfallopfer und der Unglücksfahrer hätten zuvor auf dem Sandlandfest eine Auseinandersetzung gehabt. An diesem Gerücht dürfte nichts dran sein, so das Ergebnis der Ermittlungen bei der Polizei.

Mitfahrer bleiben unbehelligt

Immer wieder schreiben die Beifahrer sinngemäß, der Fahrer werde dann wohl das Problem haben – sie selbst doch wohl hoffentlich nicht: „Hoffe bloß, dass die uns da nix können als Mitfahrer“, lautet eine der Nachrichten, und weiter: „Dann werd’ ich mit Anwalt machen.“

Die Sache hat sich inzwischen erledigt, wie die Pressestelle des Landgerichts Stuttgart auf Anfrage bestätigt: „Die Ermittlungsverfahren gegen die drei Mitfahrer wurden gemäß § 170 Abs. 2 StPO durch die Staatsanwaltschaft Stuttgart eingestellt.“ Demnach boten die Ermittlungen nicht genügend Anlass, um öffentlich Klage zu erheben.

Nun muss sich also allein der 20-jährige mutmaßliche Fahrer vor Gericht verantworten. Seine und die Kommunikation seiner drei Mitfahrer per Handy füllen ausgedruckt einen dicken Ordner. Dazu kommt eine umfangreiche Rekonstruktion des Unfalls: Die Kripo-Beamtin lässt rund einen Monat nach dem Unfall an einem Tag kurz vor Vollmond wie am 8. Juli 2017 auch, Fahrzeuge an der Unfallstelle vorbeifahren.

WhatsApp-Gruppe namens „Sauf-Elite 2.0“

Verschiedene Geschwindigkeiten, verschiedene Lichtverhältnisse werden ausgetestet. Letzte Gewissheit, was wirklich geschehen ist, bringt auch diese Rekonstruktion nicht. Von der Stelle aus, an welcher der Unglücksfahrer nach dem „Rumpler“ mutmaßlich angehalten hat, habe man aber das Unfallopfer nicht sehen können.

Es bleiben viele offene Fragen. Unstrittig ist: Es floss reichlich Alkohol. Wen wundert’s, es war Sandlandfest. Junge Zeugen erzählen vom „Vorglühen“; man trifft sich schon, bevor das Fest beginnt, und hebt den Pegel. Auf dem Fest selbst hat, wer die Barkeeperin kennt, beste Chancen auf ein großzügiges Mischungsverhältnis im Cocktail.

Von einer WhatsApp-Gruppe namens „Sauf-Elite 2.0“ ist die Rede, und eine 17-Jährige, die mit ihrer Mutter vor Gericht erscheint, berichtet: „Ich war nicht extrem betrunken.“ Die zusammenfassende Einschätzung der Polizeibeamtin: „Die gehen hin, wie ich früher heimgegangen bin.“

Von einer „Tragik in dieser Nacht, „dass einem im Grunde der Atem stockt“, sprach der psychiatrische Gutachter Dr. Peter Winckler vor Gericht: So viele kleine Zufälle sind zusammengekommen, haben sich verkettet – bis es zum Unfall kam.

Ein Urteil wird für den 8. März erwartet.


Unsere Berichterstattung zum Fall können Sie hier noch einmal nachlesen:

08.07.2017: Fußgänger tödlich verletzt - Unfallfahrer ermittelt

11.07.2017: Fußgänger tot: Fahrer war alkoholisiert 

03.11.2017: Ein Leben lang schuldig

Sieben Monate später beginnt der Prozess gegen den 20-jährigen Angeklagten

07.02.2018: Fußgänger totgefahren: Prozess beginnt

07.02.2018: Fußgänger totgefahren: Angeklagter erinnert sich nicht

19.02.2018: Nach Tod eines Fußgängers: Zeugen mit Gedächtnislücken

28.02.2018: Schuldfähig oder nicht - das bleibt die Frage