Welzheim

Viele Welzheimer sind „Bauknechtler“

Bauknecht früher
Eine Einladung zum „Bauknecht-Treffen“ in Welzheim für den 28. Juli 1951 sorgt für schöne Erinnerungen. Auch in der heutigen Corona-Krise wünscht man sich wieder Firmenfeste. © Hinderberger

Dass bisweilen das Aufräumen des Schreibtisches überraschende Fundstücke ans Tageslicht bringt, diese Erfahrung machte vor nicht allzu langer Zeit auch Welzheims Altstadtrat Werner Buhl. Wie zurzeit nicht selten, nutzte auch er eine der Pausen, die der durch den coronabedingten Lockdown entschleunigte Lebensrhythmus mit sich gebracht hat. Unter den zahlreichen Papieren, die sich im Laufe der Zeit angesammelt hatten, fand sich auch eine Rarität, die Einblick in ein Kapitel Welzheimer Industriegeschichte gewährt: die Einladung zum Bauknecht-Treffen am 28. Juli 1951 im Bauknecht-Werk Welzheim. In ihm waren auch Buhls Eltern Otto und Rosa, die 1945 geheiratet hatten, beschäftigt.

Auf liebevoll gestalteten und akkurat bedruckten, im Laufe der Jahrzehnte vergilbten drei Seiten wurde durch einen minuziös durchgeplanten Samstag geführt. Die auswärtigen Gäste, konnte man da lesen, kamen um 10 Uhr mit einem Sonderzug angereist und wurden auf dem Bahnhof von der Stadtkapelle begrüßt. Es folgte die Besichtigung des damaligen Werks III. Um 12 Uhr begrüßten der Firmenchef Gottlob Bauknecht und die drei Betriebsratsvorsitzenden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, anschließend wurde der Marsch „Bauknecht-Kameraden“ uraufgeführt; höchstwahrscheinlich von der Stadtkapelle, denn sie übernahm auch die musikalische Begleitung des Mittagessens: Gulasch, Spätzle und Salzkartoffeln, dazu ein Viertele Wein, eine Halbe Bier oder eine Flasche Sprudel, sowie entweder fünf Zigaretten oder eine Tafel Schokolade. Mit einem derartigen Menü, kommentierte Werner Buhl schmunzelnd, könne man heutzutage wahrscheinlich niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Um unseren verwöhnten Geschmäckern gerecht zu werden, müsse man wohl was anderes auffahren. Den Umständen der damaligen Zeit geschuldet seien auch die fünf Zigaretten ein echter „Burner“, wenn man sich vergegenwärtige, dass 1951 erst seit sechs Jahren wieder Frieden herrschte und die Erinnerung der Not und des Mangels der Nachkriegsjahre noch allgegenwärtig war, dass Millionen Menschen noch in Kriegsgefangenschaft waren oder, nachdem sie von den Siegern aus ihrer Heimat vertrieben worden waren, in Notunterkünften untergebracht waren. „Dass dieses Sommerfest überhaupt stattfand, ist bemerkenswert!“ Damals, so der 1946 geborene Buhl, sei Bauknecht ein Symbol für Hoffnung und Wiederaufbau gewesen.

Wie verliefen Firmenfeste vor 70 Jahren?

Nach dem Mittagessen konnten die Festteilnehmer einen Ausflug zum Ebnisee unternehmen oder sich an einer Flugvorführung der Modellbaugruppe Stuttgart begeistern, die sogar mit Flugmodellen der modernsten Düsenflugzeuge lockte. Ab 15.30 Uhr präsentierte der damals über Stuttgart hinaus vor allem für seine Parodien bekannte Schlagersänger, Schauspieler und Kabarettist Werner Kroll sein - so die Ankündigung - Weltstadt-Varieté-Programm „Es leuchten die Sterne“. Zum Abendessen gab es dann ein Paar Bratwürste und Kartoffelsalat sowie wieder ein Getränk. An Verkaufsständen, so die Einladung, konnte man sich nicht nur mit Getränkenachschub versorgen, sondern mit „allem, was das Herz begehrt", und dies alles zum Selbstkostenpreis.

„Bauknecht war ein Segen für die Stadt Welzheim“

Zum krönenden Abschluss wurde das Tanzbein geschwungen und geschunkelt, entweder im Gemeinschaftshaus zur Musik von „Hans Brändle und seinen Solisten“ oder in der neuen Werkshalle, wo die Stadtkapelle und der Ansager Curt Krocker für Stimmung sorgten. Um 20.20 Uhr öffnete die Bar und lockte mit Sekt, Kognac, Schnaps und Likör zu Selbstkostenpreisen sowie Künstlereinlagen. Für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die im Laufe des Abends und der Nacht nach Stuttgart zurückehren wollten, stand der Omnibus „Filderperle“ um 22 Uhr und 0.30 Uhr zur kostenlosen Beförderung bereit, denn der Sonderzug fuhr erst um 5 Uhr in der Früh Richtung Heimat. Bei ihm dürfte es sich wohl eher um einen „Lumpensammler“ gehandelt haben. Ein Betriebsfest also, so Werner Buhl, das wohl für die damalige Zeit, in der ein Unternehmen als große, patriarchalisch organisierte Familie verstanden wurde, typisch war.

Die Firma Bauknecht, recherchierte Werner Buhl, habe Bürgermeister Eugen Rilling nach Welzheim geholt, der von 1936 bis 44 auch für Kaisersbach zuständig gewesen sei. Bei dessen Amtsantritt 1933 habe es in der Stadt lediglich drei Industriebetriebe gegeben, die Ringfabrik Christian Bauer, F.W. Munz und die Welzheimer Holzindustrie. In ihnen fanden insgesamt 60 Personen Arbeit.

Aufgrund der damals mehr als prekären Situation auf dem Arbeitsmarkt habe sich Rilling intensiv bemüht, Unternehmen in den Schwäbischen Wald zu holen. Bei Bauknecht sei er 1936 erfolgreich gewesen; 1937 eröffnete das Unternehmen sein Werk in der Klingenmühle, 1937/38 sein Elektromotorenwerk, das auf rund 1000 Beschäftigte ausgelegt gewesen sei.

Dies habe zur Folge gehabt, so Buhl, dass Welzheim sich zum industriellen Zentrum des Schwäbischen Waldes entwickelte und von den Höfen der Umgebung alle Arbeitskräfte anlockte, die es nur irgendwie erreichen konnte.

Bei Kriegsende blieben viele Lazarettinsassen, die in ihre Heimat im Osten nicht mehr zurückkonnten, und von denen zahlreiche Kriegsversehrte bei Bauknecht eine Arbeit fanden. Zu ihnen seien dann noch die Heimatvertriebenen gekommen, so dass die Einwohnerzahl Welzheims von 3000 auf über 4000 gestiegen sei.

„Bauknecht“, so Buhls Fazit, „war ein Segen für die Stadt und den Schwäbischen Wald. Die Zahl der Einpendler aus der Umgebung stieg auf über 1300. Aber leider dauerten die guten Jahre nur bis 1982, dann war es mit der Herrlichkeit vorbei, nachdem der Firmengründer Gottlob Bauknecht am 9. September 1976 verstorben war.“

Dass bisweilen das Aufräumen des Schreibtisches überraschende Fundstücke ans Tageslicht bringt, diese Erfahrung machte vor nicht allzu langer Zeit auch Welzheims Altstadtrat Werner Buhl. Wie zurzeit nicht selten, nutzte auch er eine der Pausen, die der durch den coronabedingten Lockdown entschleunigte Lebensrhythmus mit sich gebracht hat. Unter den zahlreichen Papieren, die sich im Laufe der Zeit angesammelt hatten, fand sich auch eine Rarität, die Einblick in ein Kapitel Welzheimer

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