Welzheim

Vollblut-Pädagogin Edeltraud Grassmann geht nach Jahrzehnten am Welzheimer Limes-Gymnasium in den Ruhestand

GrassmannAbschied
Edeltraud Grassmann dort, wo jahrzehntelang ihr Platz war: In einem Klassenzimmer im Limes-Gymnasium. Sie geht in den Ruhestand. © Gaby Schneider

Ihren Schreibtisch am Limes-Gymnasium hat sie geräumt, die Schränke ebenso. Vieles hat Edeltraud Grassmann dabei gesichtet: Lehrmaterial, alte Fotos, Zeitungsartikel, Bilder von Aufenthalten im Schullandheim und von ehemaligen Schülern: In mehr als 30 Jahren sammelt sich einiges an.

Am Montag beginnt für die 66-Jährige ein neuer Lebensabschnitt: der Ruhestand. Wie sie ihn gestalten wird, das kann Edeltraud Grassmann noch gar nicht genau sagen. Mehr Zeit mit den Eltern und Freunden verbringen ist ein Wunsch, ein zweites Enkelkind wird erwartet, „ich werde sicher meine Zeit genießen“, ist sie sicher. „Es war mir noch nie langweilig im Leben.“

„Dass ich Lehrerin werden wollte, wusste ich früh“

Davon zeugt ihr Werdegang. „Dass ich Lehrerin werden wollte, wusste ich früh.“ Edeltraud Grassmann wuchs in Hüffenhardt bei Bad Rappenau auf. Bereits mit der kleinen Schwester und zwei Cousinen hat sie gelernt, und sie räumt schmunzelnd ein, dass diese das durchaus nicht immer wollten.

Dass die junge Frau ihren Wunschberuf ergreifen konnte, verdankt sie ihren Eltern. Damals wurde es nicht immer als nötig erachtet, dass ein Mädchen Abitur macht. Sie tat noch mehr und studierte an der Universität in Mannheim Deutsch und Französisch. Während des Studiums verbrachte Grassmann ein Jahr in Frankreich und unterrichtete in der Bretagne. „Das war schon ein Abenteuer.“

Täglich von Karlsruhe nach Welzheim gependelt

Zurück in Deutschland, begann Edeltraud Grassmann im August 1981, vor 40 Jahren, mit dem Referendariat in Karlsruhe, in einer Zeit mit einer ganz anderen technischen Ausstattung. Es gab keine Computer, es wurde mit Matrizen vervielfältigt, die junge Referendarin hatte eine Schreibmaschine, mit der sie bis zu zehn getippte Zeichen korrigieren konnte, „das war hochmodern“.

„Sie werden keine Stelle kriegen“, hieß es für die frischgebackenen Lehrer. Auch Edeltraud Grassmann musste Zeit überbrücken, in der sie am Abendgymnasium und am Kolping-Kolleg unterrichtete. Dann klappte es mit einer Stelle - in Welzheim. Im ersten Moment, erinnert sich Grassmann, hat sie geweint. Wie sollte sie von Karlsruhe täglich nach Welzheim fahren?

Welzheim erwies sich als sehr gut für die junge Familie

Doch es kam anders und besser als anfangs gedacht. Zwar pendelte sie zwei Jahre jeden Tag nach Welzheim, stand um fünf Uhr morgens auf. Aber: „Es hat mir auch unheimlich gut gefallen“ am Limes-Gymnasium. Die Familie, Grassmann hatte inzwischen geheiratet und zwei kleine Kinder, zog nach Welzheim. Mit dem Nachwuchs wurde Schwäbisch geübt, die Kinder fühlten sich bald sehr wohl, Welzheim erwies sich als sehr gut für die junge Familie.

Für Edeltraud Grassmann begann ein vielseitiges Wirken. „Ich habe versucht, genau hinzugucken, was brauchen die Schüler“, sagt sie. Das galt sowohl fürs Arbeiten als auch für das Wohlfühlen an der Schule. So rief sie Nachhilfe-Lernpatenschaften ins Leben: Ältere Schüler unterrichten jüngere und schließen einen Vertrag miteinander. Ältere Schüler können den jüngeren den Stoff besser erklären als die Eltern, ist die Lehrerin überzeugt.

„Was brauchen die Kinder, um sich hier wohlzufühlen?“

Ein „Herzstück“ ihrer Arbeit bildete der Übergang, den es für die neuen Fünftklässler an der Schule zu organisieren gilt. Zu Beginn, erinnert sich Edeltraud Grassmann, gab es bei Neuankömmlingen Tränen bei schlechten Diktaten, ein Kind stand einmal weinend im Flur, weil es sich nicht zurechtfand, die „Neuen“ trafen auf viele Schüler, kurz: „Viele Kinder waren überfordert“. Edeltraud Grassmann fragte: „Was brauchen die Kinder, um sich hier wohlzufühlen?“ Und: „Was brauchen die Eltern, um uns die Kinder anzuvertrauen?“

Tag der offenen Tür nach dem Motto "Die Großen für die Kleinen"

So wurde etwa dafür gesorgt, dass Lehrer, die für diese Altersstufe besonders befähigt sind, hier eingesetzt werden. Der Tag der offenen Tür zum Kennenlernen der Schule wird nach dem Motto „Die Großen für die Kleinen“ organisiert: Ältere Schüler zeigen den künftigen Mitschülern, wie die Schule funktioniert und worauf sie sich freuen können. Damit sich die Kinder sicher fühlen, werden sie in der Anfangszeit zum Bus gebracht, haben Patenschüler und machen eine Schul-Rallye zur besseren Orientierung. Ein Augenmerk hatte Edeltraud Grassmann auf Kinder mit einer Lese-Rechtschreibschwäche, bildete sich fort und setzte das Erlernte um. Es gibt nun zwei Gruppen im Jahr für Kinder mit dem Problem.

Den Schüleraustausch nach Frankreich mitbegründet

Edeltraud Grassmann fungierte ferner als Vertrauenslehrerin, als Ansprechpartnerin für Probleme, engagierte sich für die Suchtprävention für Kinder, das sogenannte „Welzheimer Modell“ hob sie mit aus der Taufe, förderte den Schüleraustausch mit der polnischen Partnerstadt und half, dass Lehramtsstudenten aus Moskau in Welzheim das Unterrichten und ein Sightseeing erlebten. Sie hat zudem den Schüleraustausch nach Frankreich mitbegründet.

Außerdem trat Edeltraud Grassmann schnell dem Verein der Freunde des Limes-Gymnasiums bei. Er unterstützt Familien bei Bedarf, indem er etwa das Schullandheim zahlt, und die Schule. Inzwischen fungiert sie als Zweite Vorsitzende des Vereins.

Darüber hinaus saß die Studiendirektorin den Fachschaften für Deutsch und Französisch am Limes-Gymnasium vor und organisierte die Pressearbeit für die Schule.

„Die Kinder am Limes-Gymnasium, die sind ein Geschenk“

Dies und anderes mehr hat sie spürbar gern getan, mit Begeisterung für ihren Beruf und ihre Schüler. „Die Kinder am Limes-Gymnasium, die sind ein Geschenk“, findet Edeltraud Grassmann ohnehin. Sie amtierte als Vorsitzende einer Kommission, die den Unterricht von Referendaren beurteilt. Als solche kam sie in Schulen von Aalen bis Heilbronn und erlebte viele Schüler. „Unsere Kinder, die haben eine andere Art, miteinander umzugehen.“ Es gebe auch mal Probleme. Aber: „Die allermeisten sind es gewohnt, miteinander zu sprechen.“ Ganz viele Kinder seien in Vereinen und in der Kirche engagiert. „Das prägt die Kinder.“ Ebenso wie der ländliche Einzugsbereich und der Umstand, dass viele Schüler mit den Großeltern aufwachsen.

Vieles hat die engagierte Pädagogin möglich gemacht, die 2008 als erste Frau Mitglied der Schulleitung wurde. Doch allein wäre es nicht möglich gewesen, unterstreicht Edeltraud Grassmann. Unterstützung kam von den Menschen in Welzheim, zum Beispiel, als für eine Waldolympiade der Förster half oder Schüler aus allen Welzheimer Schulen mit der Kultursäule ein Sommernachtskino organisiert haben und ein Kinobesitzer eigens Filme vorstellte. Und, das ist ihr wichtig: „Ich hätte das nie machen können ohne die Unterstützung meiner Kollegen. Für alles bin ich wirklich von ganzem Herzen dankbar.“

Ihren Schreibtisch am Limes-Gymnasium hat sie geräumt, die Schränke ebenso. Vieles hat Edeltraud Grassmann dabei gesichtet: Lehrmaterial, alte Fotos, Zeitungsartikel, Bilder von Aufenthalten im Schullandheim und von ehemaligen Schülern: In mehr als 30 Jahren sammelt sich einiges an.

Am Montag beginnt für die 66-Jährige ein neuer Lebensabschnitt: der Ruhestand. Wie sie ihn gestalten wird, das kann Edeltraud Grassmann noch gar nicht genau sagen. Mehr Zeit mit den Eltern und Freunden

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