Welzheim

Welzheim: Eine Sonnenuhr für die Sternwarte

Sternwarte
Bürgermeister Thomas Bernlöhr und Steinbildhauermeister Martin Hertfelder (rechts) bei der Einweihung der neuen Sonnenuhr. © Gaby Schneider

Ein schneidiger Wind pfiff am Samstag um die Welzheimer Sternwarte im Lettenstich. Davon ließen sich allerdings knapp zwei Dutzend Unentwegte nicht abhalten, sich gegen Mittag vor einem verhüllten Etwas zu versammeln und gespannt wie Regenschirme zu verfolgen, wie es von Bürgermeister Thomas Bernlöhr entblättert wurde.

Die Sternwarte Welzheim wird in diesem Jahr 30 Jahre alt. Dies war für die Gesellschaft zur Förderung des Planetariums und der Sternwarte Welzheim und die Schwäbische Sternwarte Anlass, eine monumentale Sonnenuhr aus Granit zu stiften, die vor der Sternwarte aufgestellt wurde. Aus einem 2,3 Tonnen schweren Block Weishäupel-Granodiorit aus dem Bayerischen Wald hatte sie Steinmetz- und Steinbildhauermeister Martin Hertfelder in der Urbacher Steinmetzwerkstatt „Steinleben“ herausgearbeitet.

Für Bürgermeister Bernlöhr handelt es sich bei dem von ihm aus seiner Umhüllung freigelegten Kunstwerk nicht zuletzt um ein Symbol für die ehrenamtliche Energie, die den Betrieb der Sternwarte überhaupt erst ermögliche. Er nutzte den Anlass, um Prof. Dr. Hans-Ulrich Keller, dem Vorsitzenden der Gesellschaft zur Förderung des Planetariums und der Sternwarte Welzheim, für die stets hervorragende, „fast idealtypische“ Zusammenarbeit zu danken, die sich einmal mehr bewährt habe. Dank ihr könne sich die Stadt darauf beschränken, dass der Bauhof die Instandhaltung der Gebäude mit übernehme. „Die Idee zu diesem Projekt kam von euch“, so Bernlöhr, „das Geld dazu von Spendern und Förderern.“

Sonnenuhr: Der älteste Zeitmesser der Menschheit

Mit Bernlöhr als Platzhalter für die Sonne, der Welzheimer Wirtschaftsförderin Anne Rößle als Fixstern und sich selbst als Erde, um deren Bezug zu all dem es bei dem Begriff „Zeit“ letztendlich geht, erklärte Dr. Keller in einem Kurzvortrag aus dem Stegreif die Funktion der Sonnenuhr. Bei ihr handle es sich um die ältesten Zeitmesser der Menschheit. Schon in der Urzeit habe man gelernt, aus dem Schattenwurf von Bäumen, Gebäuden und Bergen abzuschätzen, wie lange es noch hell bleiben würde. Später habe man eigene Schattenstäbe, sogenannte Gnomone aufgestellt, die durch Zifferblättern ergänzt zu Sonnenuhren wurden. In Ägypten habe man diese Gnomone als riesige quaderförmige Obelisken errichtet. Sie hätten schon Caesar derart beeindruckt, dass er sie stahl und nach Rom schaffen ließ. Bis ins 19. Jahrhundert hinein, so Dr. Keller, seien mechanische Uhren an den Sonnenuhren ausgerichtet und nachgestellt worden.

Eine Sonnenuhr zeige die wahre Sonnenzeit am Ort ihrer Aufstellung an. Im Zeitalter des aufkommenden Eisenbahnverkehrs im 19. Jahrhundert habe man schließlich Zeitzonen eingeführt, damit größere Gebiete der Erde über eine einheitliche Zeit verfügen. Unsere Uhren würden nach der mitteleuropäischen Zeit laufen, die der Sonnenzeit des Meridians 15 Grad östlich von Greenwich entspreche. Dieser Meridian gehe beispielsweise durch die Stadt Görlitz. Die mitteleuropäische Zeit gehe gegenüber der Sonnenzeit am Ort der Sternwarte Welzheim um knapp 20 Minuten vor; zeigten unsere Uhren nach der mitteleuropäischen Zeit 12 Uhr, dann sei es nach der Ortszeit der Sternwarte Welzheim erst 11.40 Uhr. Sonnenuhren symbolisierten das unerbittliche Fortschreiten der Zeit. Sie zu betrachten solle zum Nachdenken über das rätselhafte Wesen der Zeit anregen. Bereits der große Kirchenlehrer Augustinus von Hippo, so Dr. Keller, sagte: „Was also ist Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es. Will ich es dem Fragenden aber erklären, dann weiß ich es nicht!“

Die aus einem Block gefertigte Sonnenuhr erläuterte Martin Hertfelder. Dieses Prinzip aus der Historie der Steinmetze, das bereits bei den Portalen der romanischen Kathedralen zur Anwendung kam, bewirke, dass die gesamte Erscheinung der Uhr leichter, nach oben strebend wirke. Der äußere Teil bilde einen nach oben öffnenden Mantel und betone dadurch den Blick zum Himmel. Er diene gleichzeitig als Ziffernblatt im oberen, abschließenden Kopf. Den Übergang vom äußeren Rand zum inneren, eher ruhig gearbeiteten Teil habe man gespalten, um dadurch einen deutlichen Kontrast zu erhalten. Von Süden aus betrachtet sei der innere Teil mit seiner nach oben immer feiner werdenden Bearbeitung gut wahrnehmbar. Er schließe auf etwa zwei Drittel der Gesamthöhe ab. Dies stehe für die Vergänglichkeit der Zeit, die auch mit der lateinischen Inschrift „Tempus fugit“ (Zeit vergeht) zum Ausdruck komme.

Äquatoriale Sonnenuhr zeigt die „Wahre Ortszeit“

Die für den Standort an der Sternwarte genau gearbeitete äquatoriale Sonnenuhr zeige die sogenannte „Wahre Ortszeit“ an, die je nach Sonnenstand zwischen den Wendekreisen Frühjahr-Sommer sowie Herbst-Winter von dem nach Norden beziehungsweise von der südlichen Ausrichtung der Zifferblätter abgelesen werden könne. Äquatorial bezeichne man die Bauart der Sonnenuhr, weil das Zifferblatt nach dem Breitengrad des Standorts parallel in einer Ebene zum Äquator stehe. Der Schattenwerfer, auch Polstab genannt, sei exakt auf den Polarstern ausgerichtet.

Ein schneidiger Wind pfiff am Samstag um die Welzheimer Sternwarte im Lettenstich. Davon ließen sich allerdings knapp zwei Dutzend Unentwegte nicht abhalten, sich gegen Mittag vor einem verhüllten Etwas zu versammeln und gespannt wie Regenschirme zu verfolgen, wie es von Bürgermeister Thomas Bernlöhr entblättert wurde.

Die Sternwarte Welzheim wird in diesem Jahr 30 Jahre alt. Dies war für die Gesellschaft zur Förderung des Planetariums und der Sternwarte Welzheim und die Schwäbische

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