Welzheim

Welzheimer Lärmaktionsplan: Ist eine Ortsumfahrung von Breitenfürst sinnvoll und machbar?

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Ist ein Blitzer die Lösung für die Ortsdurchfahrt in Breitenfürst? Die Welzheimer Gemeinderäte suchen mit den Bürgern nach Lösungen. © ALEXANDRA PALMIZI

Lärmaktionspläne sind von allen Städten und Gemeinden aufzustellen, für die die jeweilige Belastungsstatistik 50 oder mehr Lärmbetroffene in den zu kartierenden Bereichen über 55 Dezibel beziehungsweise 50 Dezibel nachts ausweist. Anfang 2019 wurden die Ergebnisse der Lärmkartierung 2017 von der Landesanstalt für Umwelt (LUBW) zur Verfügung gestellt.

Die Welzheimer Verwaltung hat nun auf der Basis der Ergebnisse dieser Lärmkartierung einen Lärmaktionsplan gefertigt in Form eines Musterberichtes. Dieser Musterbericht ist nun öffentlich ausgelegt. „Alle Bürger haben die Möglichkeit, Bedenken und Anregungen vorzubringen. Die Ergebnisse des Beteiligungsprozesses sollen dann voraussichtlich in der nächsten Sitzung am 1. Dezember 2020 eingebracht werden. Am 15. Dezember 2020 ist die Beschlussfassung im Gemeinderat vorgesehen“, erklärt Welzheims Bürgermeister Thomas Bernlöhr.

Sind ein Blitzer oder eine Tempo-Reduzierung notwendig?

Hauptsächlich geht es beim Lärmaktionsplan nun um den Welzheimer Teilort Breitenfürst, der auf der Durchfahrtsstraße von Welhzeim nach Schorndorf mit einem sehr großen Verkehrsaufkommen klarkommen muss. „Aus der öffentlichen Diskussion nehmen wir mit, dass die Themen Verkehrsüberwachung und bauliche Veränderungen explizit mit einfließen sollen. Diese werden zwar seit Jahren bearbeitet und diskutiert, letztmalig bei der Sanierung der Ortsdurchfahrt im Jahr 2017, allerdings sind sie bisher nicht ausdrücklicher Bestandteil des Lärmaktionsplans. Dabei werden auch die Ergebnisse unserer Anfragen bei Verkehrsbehörde und Straßenbaulastträgerschaft hinsichtlich Mittelinsel und stationärer Radarkontrolle einfließen“, berichtet Thomas Bernlöhr.

Die Bearbeitung nimmt laut Bernlöhr abhängig von Gehalt und Menge der Anregungen und Vorschläge eine nicht vorab vorherzusehende Zeit in Anspruch. „Es kann also nicht versprochen werden, dass im Dezember bereits ein fortgeschriebener Vorschlag von uns vorgelegt wird. Wir streben dies aber an“, so der Schultes.

Zu den bisherigen Vorschlägen der Bürger und der Gemeinderäte gehören ein Blitzer, Radwege und eine Tempo-Reduzierung innerhalb von Breitenfürst auf 40 km/h. „Die Verwaltung will den Vorschlag zur Debatte stellen, so ist die Einbringung im Entwurf gedacht“, sagt Bernlöhr.

Welzheimer Bürgerforum wünscht sich einen Radschutzstreifen

Die Fraktionskollegen des Welzheimer Bürgerforums begrüßen den Lärmaktionsplan und die damit zusammenhängende Thematik der Verkehrssicherung in Breitenfürst. „Unserer Meinung nach sind folgende Maßnahmen sinnvoll und machbar. Aus Richtung Alfdorf kommend wäre eine Verengung der Fahrbahn als „Bremstrichter“ denkbar und umsetzbar. Im gesamten Bereich von Breitenfürst wären farblich abgehobene Fahrbahnoberflächenteile eine Möglichkeit, die als Eyecatcher fungieren und somit eine „automatische“ Reduzierung der Geschwindigkeit bewirken können. Auch eine Idee wären Querstreifen mit reduzierten Abständen und/oder als „Rüttelstreifen“ ausgeführt. Ein Radschutzstreifen in beide Richtungen wäre sicherlich eine einfache und wirksame Lösung.“ Die Anfrage an die Verwaltung wurde bereits gestellt, ob dies versuchsweise angebracht werden kann, um den Effekt zu testen. „Eine von uns begrüßbare Möglichkeit wäre auch die Reduzierung der Höchstgeschwindigkeit auf 40 km/h in Verbindung mit einem stationären Blitzer“, erklärt Marcus Fritz.

Was sagen die Gemeinderäte der Freien Wählervereinigung?

Die Fraktionsvorsitzende der Freien Wählervereinigung Welzheim erklärt: „Stationäre Radargeräte wären sinnvoll. Auch ein Tempolimit mit 40 km/h durch Breitenfürst von Welzheim kommen bis in Richtung Schorndorf auf Höhe Bausche sowie bis zum Ortsausgang in Richtung Alfdorf wären denkbar.“ Zuschüsse für Lärmschutzmaßnahmen, zum Beispiel für Lärmschutzfenster, sollen geprüft werden. Geprüft werden muss eine mögliche Umgehungsstraße, also eine Nord/Westumfahrung, wobei die Freien Wähler nicht dafür sind. „Zwischen Reizenwiesen und Schwabäcker wurde im Bebauungsplan 2006 durch die Verschiebung der Baugrenze nach Süden eine Möglichkeit für eine Nord/Westumgehung frei gehalten“, so Brigitte Macha. Aber: „Eine Ostumgehung ist eher unrealistisch, da viele Erdleitungen, Stromtrassen und Rohre vorhanden sind. Eine Umgehungsstraße bedeutet auch einen großen Einschnitt in die Umwelt und Natur und ist mit immensen Kosten verbunden“, so Macha.

Wie sieht der Vorschlag der Piraten-Fraktion aus?

Die Piraten-Fraktion begrüßt den längst überfälligen Entwurf des Lärmaktionsplans für Breitenfürst, der nach kurzer Diskussion innerhalb des Gemeinderates und der Stadtverwaltung für die Öffentlichkeitsbeteiligung freigegeben wurde, hat aber einiges anzumerken und fordert mehr Einsatz zum Schutz der Anwohner und Anwohnerinnen. Laut Piraten müssen auch Land und Kreis der Stadt für effektive Maßnahmen entgegenkommen. Die mit dem Lärmaktionsplan verbundenen Ziele - Gesundheitsschutz, eine erhöhte Lebensqualität und Zufriedenheit der Bürger - haben eine große Bedeutung für die Piraten-Fraktion.

„Für uns stellt der Entwurf des Lärmaktionsplans nur die Spitze des Eisberges dar“, kommentiert Philip Köngeter, Fraktionsvorsitzender der Piraten, den bisherigen Entwurf. „Natürlich muss man als Stadtverwaltung und Stadtrat auch den Durchgangsverkehr beachten, aber was ist wichtiger: der Mensch, der zweimal am Tag durch Breitenfürst fährt und durch eine mögliche Temporeduzierung etwas länger benötigt, oder die Menschen, die in Breitenfürst wohnen, und die Kinder, die auf dem Weg zum Spielplatz die Straßenseite wechseln müssen? Für uns ist es klar! Wir müssen die Menschen schützen, manchmal auch vor sich selbst.“

„Ich halte feste Blitzer nur für bedingt sinnvoll und lehne diese daher ab, mache es aber vom möglichen Gesamtpaket und dem Willen der Bevölkerung abhängig“, stellt Köngeter klar. „Für uns wäre eine verschärfte mobile Kontrolle an mehreren Punkten in Breitenfürst erfolgversprechender, da diese Kontrollen eben auch jene Raser erwischen, die aus der Umgebung kommen. Feste Blitzer bringen Raser, denen die Stationen bekannt sind, nur dazu, vor dem Erfassungsbereich abzubremsen, um anschließend wieder zu beschleunigen. Ich sehe das tagtäglich auf meinem Arbeitsweg nach Stuttgart.“

Köngeter weiter: „Die im Lärmaktionsplan vorgeschlagenen Radschutzstreifen sind nett gemeint, aber mehr auch nicht“, so Köngeter. Stadtrat Kai Dorra ergänzt: „Ohne weitere Maßnahmen ist das Fahrradfahren in der Stuttgarter Straße nicht nur eine Zumutung, sondern sogar lebensgefährlich. Daran wird auch ein Radschutzstreifen leider nichts ändern. Ohne eine deutliche Temporeduzierung und ausreichend Platz sind Radschutzstreifen hier nicht angebracht, es ist also vom gesamten Paket abhängig, ob eine Maßnahme sinnvoll ist.“ Ein gut ausgebauter und richtig ausgeschilderter Radweg von Welzheim nach Breitenfürst über die Industriegebiete Reizenwiesen stelle die einzige sichere Verbindung für Fahrrad- und Autoverkehr dar. „Fahrradfahrer dürfen nicht als natürliche Geschwindigkeitsreduzierungsmaßnahme eingesetzt werden. Wenn wir das Fahrrad als Alternative weiter hervorheben wollen, dann müssen wir diesem auch die nötigen Mittel zugestehen. Dies geschieht nur durch sichere, bessere und nach Möglichkeit auch kürzere Radwege“, so Kai Dorra.

Tempo 40? „Unter gewissen Konstellationen kann ich mir auch 40 km/h vorstellen, aber ohne andere Maßnahmen wird eine reine Reduzierung der Geschwindigkeit nichts nützen“, meint der Fraktionsvorsitzende Köngeter anlässlich der Diskussion, welche Geschwindigkeit die richtige sei.

SPD sieht die Notwendigkeit in baulichen Veränderungen

Statt Geschwindigkeitsbegrenzungen zu verschärfen, sieht die SPD unbedingt die Notwendigkeit in baulichen Veränderungen der Ortsein- und Ausgänge (fahrbahnversetzende Verkehrsinseln zum Runterbremsen des einfahrenden Verkehrs) sowie fest stationierte Radarkontrollen als zielführend.

Darüber hinaus zieht die SPD eine reale Lärmverringerung bei einer geringeren Geschwindigkeit (bisher ortsüblich 50 km/h) in Zweifel. Durch die Topografie von Welzheim kommend in Richtung Schorndorf müssten insbesondere Schwerlastverkehr, Pkw wie auch Zweiräder niedrigere Gänge wählen (herunterschalten statt „durchrollen“). „Die geplanten 40 km/h innerorts und teilweise bergauf werden zwangsläufig in niedrigeren Gängen zu höheren Drehzahlen und einem erhöhten Schadstoffausstoß führen. Eine Verminderung von Lärm- und Schadstoßemissionen wird daher angezweifelt“, sagt die SPD-Vorsitzende Alexandra Veit.

Für CDU ist eine Ortsumfahrung von Breitenfürst derzeit unrealistisch

Die Ergebnisse aus der Untersuchung, insbesondere der gemessenen Höchstgeschwindigkeiten von über 120 km/h, waren für die CDU in Welzheim erschreckend. „Aus diesem Grund halten wir diese Messungen beziehungsweise Untersuchungen auch flächendeckend für notwendig. Die Reduzierung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit im Umfeld sensibler Bereiche wie Kindergärten, Schulen und auch an den Hauptschulwegen halten wir für sinnvoll und notwendig. Teilweise kommt es hier zu kritischen und gefährlichen Situationen“, sagt Dieter Hinderer.

Mit dem Aufhängen eines neuen Verkehrsschildes alleine sei es jedoch nicht getan. Die möglichen neuen Tempobegrenzungen gelte es dann auch konsequent zu kontrollieren. „Ob hier eine stationäre Messanlage oder temporäre Kontrollen einen größeren Effekt bringen, sollte von Fachleuten beurteilt werden“, sagt Hinderer. Aus Welzheim kamen laut der CDU in der Vergangenheit bereits mehrere Vorschläge in Richtung Land, welche jedoch alle kein Gehör gefunden hätten. „Dass Handlungsbedarf besteht, haben die Untersuchungen ja gezeigt. Vorschläge für mögliche Maßnahmen wurden im Rahmen des Lärmaktionsplanes aus Welzheimer Sicht abgeleitet. Grundsätzlich besteht die Möglichkeit, auch außerhalb des Lärmaktionsplanes die Geschwindigkeitsbegrenzungen im Umfeld von Schulen und Kindergärten einzuführen“, erklärt Dieter Hinderer.

Die Ortsdurchfahrt Breitenfürst ist eine wichtige Verkehrsader für Welzheim. „Grundsätzlich würde hier eine Ortsumfahrung Sinn machen. In diesem Zusammenhang wurden ja bereits verschiedene mögliche Trassen, eine westliche sowie eine südliche Umfahrung, untersucht. Die Realisierung einer Ortsumfahrung würde jedoch hohe Kosten mit sich bringen. Zudem wären aufwendige und markante Bauwerke wie beispielsweise eine Brücke über das Edenbachtal erforderlich. Die Kosten übersteigen unsere finanziellen Möglichkeiten aus heutiger Sicht deutlich. Ein solches Projekt ist nur unter Einbeziehung von Fördertöpfen realisierbar“, so die CDU in ihrer Stellungnahme.

Lärmaktionspläne sind von allen Städten und Gemeinden aufzustellen, für die die jeweilige Belastungsstatistik 50 oder mehr Lärmbetroffene in den zu kartierenden Bereichen über 55 Dezibel beziehungsweise 50 Dezibel nachts ausweist. Anfang 2019 wurden die Ergebnisse der Lärmkartierung 2017 von der Landesanstalt für Umwelt (LUBW) zur Verfügung gestellt.

Die Welzheimer Verwaltung hat nun auf der Basis der Ergebnisse dieser Lärmkartierung einen Lärmaktionsplan gefertigt in Form eines

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