Welzheim

Welzheims „Holzmichel“ Reinhold Kratt und seine Fans

Reinhold Kratt
Reinhold Kratt besitzt eine große Fangemeinde für seine Welzheimer Holzstöcke. © Gabriel Habermann

Die Holzstöcke von Reinhold Kratt haben eine große Fangemeinde: Gartenbesitzer lassen Efeu, Bohnen und Tomaten daran hochwachsen. Einen Adventskranzbaum und einen Geldbaum hat er schon geschnitzt. Der Erschaffer der ausgefallenen „Stecken“ setzt sie als Fitnessgerät bei seiner täglichen Gymnastik ein. Seine Liebe fürs Schnitzen entdeckte er nach einem Schicksalsschlag.

„Der Holzmichel ist mal wieder nicht daheim“, sagt Reinhold Kratt verschmitzt. Mit „Holzmichel“ meint er sich selbst. Und die Wahrscheinlichkeit, dass er nicht zu Hause in seiner Wohnung im Bethel anzutreffen ist, ist in der Tat recht hoch. Denn der 69-Jährige verbringt viel Zeit draußen im Wald. Dort sammelt er Holzreste ein, die er in Stöcke verwandelt. Morgens zwischen 5 und halb 6 Uhr, wenn andere sich nochmals im Bett umdrehen, bricht er zum ersten Spaziergang auf. „Die frische Luft, die Ruhe im Wald, es gibt nichts Schöneres.“ Von den Morgenrunden kommt er selten mit leeren Händen zurück, fast immer bringt er neue „Stecken“ mit. Gefällt ihm ein Ast, bearbeitet er ihn mit einem Dolch an Ort und Stelle. Zuerst schält er ihn wie eine Spargelstange. Nach und nach entblättert er das Innenleben des Holzes, bewundert die unterschiedliche Form, Rinde und Maserung der Holzarten und lässt sich vom Wuchs leiten. „Erst, wenn der Stock fertig ist, kann ich sagen, was es für einer ist und wofür er ist.“

Ein großer Glücksfall nach vielen Schicksalsschlägen

Inzwischen weiß er genau, wo er die Augen offen halten muss: „Wenn die Förster Holz gemacht haben, liegen oft Äste drum herum, oder wenn junge Bäume gepflanzt werden“, zählt er seine Fundstellen auf. Er fühlt sich von der Natur „beschenkt“. „Was sonst verrotten würde, lebt bei mir weiter.“ Er beschenkt inzwischen gefühlt halb Welzheim mit seinen Kreationen. Die Stecken eignen sich als Holzspielzeug, zum Nagen für Hunde, als Wanderstöcke. „Man muss nur Fantasie haben, man kann alles machen“, sagt Reinhold Kratt. Warm und geschmeidig fühlt sich der Stock an, manche verziert er mit buntem Tapeband oder Garn. Seine besondere Vorliebe sind Äste mit einer Gabelung in V-Form, ein Zwillingswuchs. „Daraus können Steinschleudern oder eine Mistgabel werden.“

Eine dankbare Abnehmerin ist die Rentnerin Gabriele Pfeil. „In meinem Garten ist alles voller Kratt-Stecken“, sagt die frühere Bethel-Mitarbeiterin. Sie hält ihm bis heute die Treue, besucht ihn und hilft ihm, inzwischen ehrenamtlich, beim Haushalt. Eine Verwendung finde sich immer. „Derzeit gebe ich meinem Rosmarin einen Halt.“ Auch Bethel-Mitarbeiterin Ursula Kaucher vom Team „Essen auf Rädern“ zieht Tomaten an den Kreationen des „Holz-Michels“ hoch. Für die Weihnachtszeit hat er schon Adventskranzbäume gemacht – wahre „Bäumchen wechsel dich"-Bäume, da sie nach allerlei Nikoläusen wenige Monate später ebenso bunte Eier tragen können. Vor fünf Jahren habe er angefangen. „Ich habe einen Stock gefunden und einen Spazierstock daraus gemacht, dann kamen immer mehr dazu.“ Er betreibt sein Hobby mit viel Liebe: „Es hilft ihm, in seinem Leben glücklich zu sein“, sagt Gabriele Pfeil, die seine Lebensgeschichte gut kennt. Nach dem Tod seiner Mutter sei er in ein schwarzes Loch gefallen. Dass er heute, nach vielen Schicksalsschlägen, noch so gut und kräftig mit den Händen arbeiten kann, sei ein großer Glücksfall. Infolge einer schweren Infektion musste ihm der rechte Mittelfinger entfernt werden. Mit neun Fingern schnitzt er emsig weiter. Langweilig wird ihm nie.

„Wenn mich etwas geärgert hat, kann ich es dort vergessen“, sagt er. Für ihn sei es die ideale Beschäftigung, um auf andere Gedanken zu kommen. Und auch, um auf die netten Namen zu kommen, die er seinen Stöcken gibt. Eine besondere Bedeutung hat der „Aua-Baum“, es ist das massivste Exemplar in seiner Stock-Sammlung: „Wenn dir der an den Kopf fällt, dann macht’s aua“, beschreibt er sein Gedankenspiel mit knitzem Humor. Die Ideen gehen ihm wohl nicht so schnell aus. Langsam bekommt er ein Platzproblem. Er will aber gerne weiterschnitzen. Und so sagt er lachend: „Wenn du Stöcke brauchst, dann komm’ zu mir.“

Die Holzstöcke von Reinhold Kratt haben eine große Fangemeinde: Gartenbesitzer lassen Efeu, Bohnen und Tomaten daran hochwachsen. Einen Adventskranzbaum und einen Geldbaum hat er schon geschnitzt. Der Erschaffer der ausgefallenen „Stecken“ setzt sie als Fitnessgerät bei seiner täglichen Gymnastik ein. Seine Liebe fürs Schnitzen entdeckte er nach einem Schicksalsschlag.

„Der Holzmichel ist mal wieder nicht daheim“, sagt Reinhold Kratt verschmitzt. Mit „Holzmichel“ meint er sich selbst.

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