Welzheim

Welzheims Partnerstadt Auerbach im Erzgebirge ist schwer von Corona getroffen

Fensterbrettl
Marc Thierfelder weiß nicht, wie er im nächsten Jahr über die Runden kommt. © privat

Je näher Weihnachten rückt, desto mehr steht die Weihnachtspyramide im Welzheimer Rathaus im Mittelpunkt. Sie ist ein Symbol für Auerbach im Erzgebirge mit der bekannten Schnitzkunst mit Weihnachtsmotiven. Die Fensterbrettl, die derzeit im Fachgeschäft Munz in der Wilhelmstraße verkauft werden, haben eine lange Tradition, die auf eine harte Probe gestellt wird. Alle Menschen sind geplagt durch Corona, doch das Erzgebirge im Besonderen mit sehr hohen Zahlen.

Für viele Bürger wird Weihnachten zum Albtraum

Der Freistaat Sachsen verschärft von kommender Woche an den Lockdown. Schulen, Kindergärten, Horte und viele Geschäfte müssen schließen. Geöffnet bleiben nur Lebensmittelläden und Geschäfte für den Grundbedarf, wie Apotheken, Drogerien und Friseure. Das Virus habe eine viel stärkere Kraft als im Frühjahr, die Menschen würden die Lage aber bei weitem nicht so ernst nehmen, beklagt die Landesregierung.

Auerbach gehört in Sachsen zu der Region mit der höchsten Marke an Neuinfektionen. Die Gemeinde im Erzgebirge liegt etwa 20 Kilometer südlich von Chemnitz in der Höhenlage um die 500 Meter. Wenn im Winter Schnee liegt, ist ein Besuch dort ein Traum, zumal wenn Weihnachtsmarkt ist. Der fällt genauso aus wie alles andere. Für viele Bürger wird Weihnachten zum Albtraum. So auch für Marc Thierfelder, dem Hersteller des traditionellen Weihnachtsschmuckes aus dem Erzgebirge: aus Holz gefertigte Fensterbrettl und Rauchmännchen.

Vor kurzem war Caroline Munz-Mergner in der Partnergemeinde, um beim Drechsler Marc Thierfelder, dem „Fensterbrettlmacher“, einzukaufen. „Die Stimmung war sehr schlecht“, berichtet die Heimgekehrte. Die Hotels sind geschlossen, und es finden auch keine Weihnachtsmärkte statt. „Mir tut das sehr leid.“ Marc Thierfelder ist soloselbstständig und ist deshalb auf den Verkauf seiner selbst hergestellten Fensterbrettl und einiger anderer Artikel der Weihnachtsschnittkunst angewiesen.

Am Dienstag wurde von der Landesregierung der verschärfte Lockdown für nächste Woche angekündigt. Die Nachricht hat bei Marc Thierfelder wie eine Bombe eingeschlagen. „Den absoluten Super-GAU hat uns unsere sächsische Staatsregierung am Dienstag angetan. Ich muss es so hart ausdrücken und von angetan reden. Es ist für niemanden hier im Erzgebirge nachvollziehbar, den Einzelhandel und somit uns als erzgebirgisches Kunsthandwerk das Weihnachtsgeschäft zu zerstören. Es gibt genug Regelungen bisher, die auch umgesetzt werden.“ Nachdem bereits das Ostergeschäft kaputtgemacht worden sei und dann die ganzen Märkte genommen wurden, nun das: „80 Prozent vom Jahresumsatz fallen bei uns aufs Weihnachtsgeschäft, davon circa die Hälfte auf die Weihnachtsmärkte. Aber seitens der Politik wird keine Rücksicht mehr auf kleine Handwerker genommen. Unterstützt werden in erster Linie nur die Konzerne.“

Die Situation ist für Marc Thierfelder wirklich beängstigend und er kann nicht sagen, ob sie in Zukunft wirtschaftlich zu stemmen ist. „Ich will die gesundheitliche Situation nicht verharmlosen, wobei ich meine persönliche Meinung zu diesem Thema habe.“ Ansonsten sei die Gemeinde Auerbach auch in diesem Jahr wieder sehr schön geschmückt. Es gebe kaum ein Haus, in dem nicht mindestens ein Fensterbrettl steht. Viele haben deutlich mehr. Oftmals auch selber gebaut. Über die Kreativität der Auerbacher freut sich Marc Thierfelder jedes Jahr aufs Neue. Hinzu kommen natürlich auch die Schwibbögen und anderer Fensterschmuck. Bei einem Spaziergang durchs weihnachtliche Auerbach fühle man sich wie auf einem Weihnachtsberg.

Besondere Attraktivität wurde im Jahr 2003 geschaffen

Auerbach ist bekannt als das erzgebirgische Fensterbrettl-Dorf. Nach jahrhundertealter Tradition in der Adventszeit zwischen die Doppelfenster der Häuser beleuchtete Gebäude, Figuren, Bäume u. a. zu stellen, wurde 2003 eine besondere Attraktion geschaffen.

Zwölf fleißige Bastler schufen in reichlich 500 Arbeitsstunden ein Riesenfensterbrettl, das im Advent im Freien aufgestellt wird. Eine große Kirche und vier verschiedene Häuser wurden gebaut, bemalt, eingerichtet und beleuchtet. Bäume, Zäune und Figuren wurden geschnitzt und gedrechselt, und sogar an eine Straßenbeleuchtung wurde gedacht. Seitdem ist das Riesenfensterbrettl eine Sehenswürdigkeit.

Ein junger Lehrer erweckte die Tradition zu neuem Leben

Hildegard Hemmerling-Vogel aus Auerbach weiß, wie die Fensterbrettl in Auerbach entstanden sind: Es gab einmal einen jungen Lehrer, den es 1911 nach Auerbach im Erzgebirge verschlug. Voll das Herz mit Tatendrang für die erzgebirgische Volkskunst und ihr Brauchtum. Augen und Ohren offen für alles typisch Erzgebirgische. 1911, da wurde die Kleinbahn in Auerbach eingeweiht. Ein technisches „Ungeheuer mit viel Lärm in der Stille der lieblichen Dörfer. Etwas völlig Unromantisches!“ Bei den Einwohnern gab es damals ein heftiges Für und Wider.

Hier jedenfalls entdeckte der junge Lehrer Hellmuth Vogel in der Adventszeit 1911 ein Fenster im „Knollhäusel“, in dem ein Brett befestigt war, auf dem Lichter zwischen Moospolstern brannten. Darauf standen kleine Figuren. Ja, auch eine Jagd war dabei mit allem Waldgetier.

Das schmale Fensterbrett war niedrig, und er konnte sich das kleine Wunder in aller Beschaulichkeit von außen ansehen. Dann saß er mit der alten Frau in ihrer Stube. „Was haben Sie denn da für ein schönes Fenster hergerichtet?“ „Ja!“, erzählt sie: „Das gab es früher hier sehr häufig in Auerbach. Meins ist das letzte. Das heißt, das Fensterbraatl, was im Advent überall hergerichtet wurde, so wie Sie es hier sehen.“

Das war die schönste Entdeckung für den jungen Lehrer. Diesen alten Brauch wollte er wiederbeleben. Es war ihm klar: Der Erzgebirgler trug sein Weihnachten auch auf die Straße, auch zum lieben Nachbarn. Das Dorf war eine einzige große Weihnachtsstube. Als Lehrer hatte er es leicht, die Kinder dafür zu begeistern, Es wurden gleich Fensterbrettl gebaut. Die Väter fingen auch damit an. Im nächsten Jahr brannten hier und da die Lichter am Fenster, besetzt mit den selbst geschnitzten Männlein und Weiblein.

Auch Häuser wurden gebastelt. Im Wald wurde Heidelbeerkraut für die Bäume geholt. Auch kamen mit der Zeit gedrechselte Figuren aus Seiffen mit ins Haus, gekauft im Hackebeilladen, wo es das ganze bunte Glück zu kaufen gab. Ein „Räuchertürke“ kostete damals zehn Pfennige. Beliebt war auch die Jagdszenerie aus Massefiguren.

Dann kam der Erste Weltkrieg, und der Eifer schwand. Hellmuth Vogel kehrte 1928 nach Auerbach zurück. Es leuchteten nur noch drei Fensterbrettl. Dann stand er wieder vor seiner Schuljugend, und erneut wurde für diesen fast verlorenen Brauch geworben. Mit großem Erfolg.

Seit 3. Oktober 1990 gibt es eine offizielle Städtepartnerschaft. Der frühere Welzheimer Bürgermeister Hermann Holzner ist Ehrenbürger der Gemeinde Auerbach.

Je näher Weihnachten rückt, desto mehr steht die Weihnachtspyramide im Welzheimer Rathaus im Mittelpunkt. Sie ist ein Symbol für Auerbach im Erzgebirge mit der bekannten Schnitzkunst mit Weihnachtsmotiven. Die Fensterbrettl, die derzeit im Fachgeschäft Munz in der Wilhelmstraße verkauft werden, haben eine lange Tradition, die auf eine harte Probe gestellt wird. Alle Menschen sind geplagt durch Corona, doch das Erzgebirge im Besonderen mit sehr hohen Zahlen.

Für viele Bürger wird

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper