Welzheim

Weshalb der Welzheimer Stubensandstein einst der Stolz schwäbischer Hausfrauen war

Kleindenkmalforscher Roland Buggle zeigt einen Fegesand Stubensandstein an der Starße zwischen Schorndorf und Oberberken
Viele bekannte Häuser, wie zum Beispiel das Stuttgarter Rathaus, wurden aus Stubensandstein mit aufgebaut. © Gabriel Habermann

Bei Wanderungen und Spaziergängen finden sich immer wieder Hinweisschilder auf den zum Beispiel in der Fellbacher oder Welzheimer Region vorkommenden Stubensandstein. Er nahm einst eine wichtige Rolle beim Hausputz ein und erhielt so seinen Namen. Wenn Hausfrauen des 19. Jahrhunderts wie Friederike Kerner (1786-1854), Frau des Welzheimer und Gaildorfer Oberamtsarztes, eine große „Putzerei“ veranstalteten, dann fehlte der Stubensandstein in keinem Haushalt.

Ein ganzer Tag, um ein Zimmer auf Standard zu bringen

Es nährte den Ruhm einer schwäbischen Hausfrau, die Böden stets fleckenlos und weiß (!) vorweisen zu können. Ein ganzer Tag wurde benötigt, um ein Zimmer auf diesen Standard zu bringen. Manche Hausfrau konnte sich dafür eine Fleckenreinigerin ins Haus kommen lassen, andere plagten sich selbst oder mit Hilfe anderer weiblicher Angehöriger des Haushalts ab. Die Herren des Hauses waren wegen unaufschiebbarer Termine an diesem Tag außer Haus.

Schon am Abend vorher behandelte die Hausfrau oder die engagierte Reinigerin hartnäckige Flecken auf den Holzdielen mit speziellen Mitteln. Dann wurde das Zimmer ausgeräumt. Die Scheuerfrau kam wieder, sobald es tagte, kniete auf einem Scheuerbrett und verrichtete ihre Arbeit mit Scheuersand, Strohwisch und Scheuertüchern. Diele für Diele. Und so manche Putzende und Scheuernde konnte sich am Ende des Tages das größte Lob abholen, das es für eine schwäbische Hausfrau einst gab: „Du siehst aber abg‘schafft aus!“

Teppiche erleichterten die Bodenpflege ungemein

Maschinell hergestellte Deckenläufer, also Teppiche, stellten ab 1830 eine absolute Neuheit dar. Sie waren aber nicht nur dekorativ, sie erleichterten auch die Bodenpflege ungemein. Denn vor der Anschaffung von Läufern oder Teppichen war es üblich, über die weiß gescheuerten Böden Sand zu sieben, der täglich weggekehrt wurde, um so den Schmutz zu entfernen, bevor die Hausfrau neuen Sand ausstreute. In zeitgenössischen Erinnerungen liest man: „Wie das bei jedem Tritt knirschte und stäubte! Welche Qual für Ohren, Nerven und Lungen! Wie ungesund! Und wie gefährlich auf den Treppen, zumal auf Steintreppen, vollends des Abends, wenn sie nicht erleuchtet waren. Es gehörte viel Talent dazu, nicht die Treppe hinabzufallen.“ Mit ihren langen Röcken fegten die Mädchen und Frauen des Hauses bei jedem Schritt ein bisschen Sand mit hin und her. Nicht lange, und der Saum war dreckig. Aber es gab ja die sogenannte Besenlitze unten am Rock, die abgenommen und gewaschen werden konnte, ohne dass das ganze Kleid in die Wäsche musste.

Der Sand schützte den Boden

„Gesandelt“ wurde überall, wo man hölzerne Stubenböden hatte, die mit genagelten Schuhen betreten wurden. Der Sand schützte den Boden.

Besonders gründliche schwäbische Hausfrauen sollen so froh über die frisch gereinigte Stube gewesen sein, dass sie mit dem Rechen Muster in den Sand zogen und dann die Stube abschlossen.

Korb war einst Mittelpunkt des Sandhandels

Wenn die Hausfrau den Ruf des Sandhändlers in den Straßen und Gassen hörte, schickte sie die Kinder hinaus, um einen Kübel oder einen Sack Scheuersand zu kaufen. Korb war einst der Mittelpunkt des Sandhandels im Remstal, der ebenso den Stuttgarter Raum mit Sand versorgte. Sandgraben sicherte vielen Bauern einen guten Nebenverdienst.

Am Ende des Jahrhunderts begann man, die Böden zu ölen. Der Stubensandstein, auch als Schreibsand zum Trocknen der Tinte in den Amtsstuben benutzt, verlor mehr und mehr an Bedeutung.

Bekannte Bauten wie das Stuttgarter Rathaus und die schöne Tübinger Universität verdanken ihr Aussehen dem Stubensandstein.

Bei Wanderungen und Spaziergängen finden sich immer wieder Hinweisschilder auf den zum Beispiel in der Fellbacher oder Welzheimer Region vorkommenden Stubensandstein. Er nahm einst eine wichtige Rolle beim Hausputz ein und erhielt so seinen Namen. Wenn Hausfrauen des 19. Jahrhunderts wie Friederike Kerner (1786-1854), Frau des Welzheimer und Gaildorfer Oberamtsarztes, eine große „Putzerei“ veranstalteten, dann fehlte der Stubensandstein in keinem Haushalt.

Ein ganzer Tag, um ein

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