Welzheim

Weshalb die Lein bei Welzheim nach dem letzten Starkregen so verunreinigt ist

Umweltskandal 1
Die Lein: Der Grund und der Rand des Baches sind nahezu komplett bedeckt mit Klopapier, Reinigungstüchern und sonstigen unappetitlichen Bestandteilen. © Privat

Es fällt auf, dass nach starken Regengüssen die Lein unterhalb des Pumpwerkes, an dem der Leinsammler endet, sehr stark verunreinigt ist. Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass der Grund und der Rand des Baches nahezu komplett bedeckt sind mit Klopapier, Reinigungstüchern und sonstigen unappetitlichen Bestandteilen unseres Abwassers. Der Unrat zeigt alle Stufen der Zersetzung. Demzufolge findet eine Einleitung von ungeklärtem Wasser öfter statt. Das Ausmaß dieser Umweltverschmutzung schockiert einige Welzheimer.

Die Welzheimer Zeitung hat daher ein Gespräch mit der Stadtverwaltung Welzheim gesucht und ausführliche Antworten von Stadtbauamtsleiter Ralph Hägele erhalten.

Ist der Stadtverwaltung der Zustand der Lein in diesem Abschnitt bekannt? Und falls ja, was tut sie, um ihn zu verbessern?

In der Mischwasserkanalisation wird der Oberflächenabfluss von Straßen, Plätzen sowie Dach- und Hofflächen auf Privatgrundstücken gemeinsam mit dem Schmutzwasser abgeführt. Sie ist dadurch speziell bei starkem Regenfall von stark schwankenden Abflüssen geprägt. Im Trockenwetterfall ist überschlägig mit etwa 1 l/s Abwasser je 500 Einwohnern zu rechnen. Bei starken Niederschlagsereignissen kann der Abfluss 100 l/s je angeschlossenem Hektar versiegelter Fläche erreichen. Das Verhältnis Regenwetterabfluss zu Trockenwetterabfluss (Schmutzwasser) kann den Faktor von 200 oder mehr erreichen. Die biologische Reinigung in der Kläranlage ist auf konstante Verhältnisse angewiesen.

Wenn das Beckenvolumen nicht ausreicht, geht das Abwasser in die Lein

Ein stark schwankender Abfluss und die damit verbundene Verdünnung kann nicht verarbeitet werden. Die Mikroorganismen würden bei jedem Regenereignis „verhungern“ beziehungsweise ausgespült werden. Darum muss der Regenwetterabfluss über die Regenüberlaufbecken gepuffert werden. Dort werden die Abflussspitzen gespeichert und gedrosselt an die Kläranlage abgegeben. Reicht das Volumen eines Beckens nicht aus, springt der Beckenüberlauf an, und das Wasser geht in das aufnehmende Gewässer, in diesem Bereich in die Lein.

Wie beschrieben handelt es sich dabei nicht um reines Schmutzwasser, sondern gerade in diesem Regenereignis um sehr viel Oberflächenwasser mit sehr untergeordnetem Schmutzwasser. Das Mischungsverhältnis Regenwasser zu Schmutzwasser liegt typischerweise im Bereich von 1:50 bis 1:200. Sowohl die Welzheimer Kläranlage als auch die Regenüberlauf- und Rückhaltebecken sind nicht nur ausreichend dimensioniert, sondern eher für einen etwas größeren Siedlungskörper mit 15 000 Einwohner angelegt. Außerdem werden die Einrichtungen betriebstechnisch auf der Höhe der Zeit betrieben und mit städtischem Fachpersonal mit hoher Kompetenz betrieben.

Wie kommt der Schmutz dann in die Lein?

Eine immer größere Belastung für die Mischwassersysteme sind Fremdstoffe, die eigentlich in den Müll gehören, wie Feuchttücher, Plastikverpackungen usw., welche aber über die Kanalisation „entsorgt“ werden. Diese schwimmen auf und werden dann an den Überläufen ausgespült. Mit Tauchwänden und Siebrechen kann die Belastung solcher „unästhetischer Grobstoffe“ reduziert, aber nicht verhindert werden. Klassisches Toilettenpapier hingegen ist so konzipiert, dass es sich im Wasser rasch auflöst und von den Mikroorganismen abgebaut werden kann. Dieses unappetitliche Phänomen kann nur durch die Einwohnerschaft wirksam zurückgeführt werden. Feuchttücher, Einmalputztücher, Verpackungen und andere Stoffe gehören in den Abfall und nicht in die Spülung! Übrigens bereits deshalb, weil auch der Hausanschluss des Abwassers sehr schnell durch diese Stoffe verstopft werden kann, was zu teuren Einsätzen der Installationsunternehmen führt.

Wie viel Abwasser läuft bei einem Starkregenereignis in die Lein, und wie oft kommt das vor? Werden Beckenüberläufe automatisch registriert?

Die Steuerungseinrichtungen sind zwar automatisiert, allerdings werden die Durchflussmengen außerhalb der Kläranlage im Allgemeinen bisher nicht gemessen. In Baden-Württemberg ist aber gesetzlich vorgeschrieben, alle Beckenüberläufe bis 2024 mit Überwachungs- und Messanlagen nachzurüsten. Die Stadt Welzheim hat bereits damit begonnen, die Messeinrichtungen einzubauen. Mit der automatischen Erfassung kann nicht nur überwacht werden, wie viel Mischwasser abgeschlagen wird. Sind alle Becken ausgerüstet, können die Drosseln auch noch präziser gesteuert werden, so dass der Gesamtaustrag noch weiter minimiert wird.

Wasserqualität hat sich dadurch verschlechtert

Die Belastung durch Mischwasserentlastungen kann am besten reduziert werden, wenn möglichst viele abflusserzeugende Flächen von der Mischwasserkanalisation abgehängt werden und über ein Trennsystem entwässert werden. Dies erfordert jedoch aufwendige bauliche und planerische Lösungen. Es ist eine langfristige Aufgabe über Jahre und Jahrzehnte, die immer nur stückweise bei den Kanalsanierungen vorangetrieben werden kann. Natürlich haben all diese Maßnahmen Einfluss auf die Gebührenhöhe.

Welche Auswirkungen auf das Ökosystem des Gewässers haben die Überläufe? Gibt es hierzu Untersuchungen?

Sowohl durch die Beckenüberläufe als auch durch den Kläranlagen-Ablauf kommt es zu einer gewissen Gewässerbelastung. Die Restverschmutzung muss im Bach abgebaut werden. Dafür wird Sauerstoff verbraucht. Stickstoff- und Phosphateintrag führen zu einer Düngung des Gewässers, was zum Beispiel Algenwachstum fördern kann.

Mit welchen gesundheitlichen Risiken ist zu rechnen, wenn zum Beispiel Kinder bachabwärts in dem Wasser spielen? Auch den Leinecksee, der ca. 7 km südöstlich von Welzheim von der Lein durchflossen wird, dürfte dieses Wasser und die darin befindlichen Keime erreichen.

Direkt nach einem Niederschlagsereignis kann es zu einer erhöhten Keimbelastung kommen. Die Wasserqualität ist bei hohem Abfluss/Wasserstand im Bach generell schlechter. Das Wasser wird bei Hochwasser bereits durch Wassermenge und Erosion des strömenden Wassers zunehmend braun. Die Belastung kommt aber vorrangig vom direkten Oberflächenabfluss. Der Abfluss aus den Überläufen macht nur einen sehr kleinen Teil aus.

Generell ist aufgrund der Unfallgefahr direkt nach Regenereignissen davon abzuraten, bei hohem Wasserstand am Bach zu spielen. Die Keimbelastung ist im Vergleich dazu ein sehr untergeordnetes Problem. Darüber hinaus werden insbesondere die Seen regelmäßig auf ihre Wasserqualität beprobt. Die Ergebnisse werden regulär von den zuständigen Stellen veröffentlicht. In den fließenden Gewässern werden ebenfalls anlassbezogen Proben genommen.

Trockenheit ist die größere Gefahr

In der Gesamtbetrachtung ist das Bild beziehungsweise der visuelle Eindruck zwar unappetitlich. Ein Starkregen hat für das Gesamtsystem Bach aber im Ergebnis positive Wirkungen, insbesondere natürlich auf den Wasserhaushalt.

Die deutlich größere Gefahr und auch die größeren Schäden für unsere Fließgewässer gehen von länger anhaltenden Trockenperioden aus. Gerade der Bereich der Lein stand in den letzten Jahren mehrfach vor dem gänzlichen Trockenfall.

Es fällt auf, dass nach starken Regengüssen die Lein unterhalb des Pumpwerkes, an dem der Leinsammler endet, sehr stark verunreinigt ist. Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass der Grund und der Rand des Baches nahezu komplett bedeckt sind mit Klopapier, Reinigungstüchern und sonstigen unappetitlichen Bestandteilen unseres Abwassers. Der Unrat zeigt alle Stufen der Zersetzung. Demzufolge findet eine Einleitung von ungeklärtem Wasser öfter statt. Das Ausmaß dieser Umweltverschmutzung

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