Welzheim

Wie die „Champagnerluft“ nach Welzheim kommt

Frühling Welzheim
Der Frühling in Welzheim. © Stütz

Die Luft uff em Wald sei „selten unbewegt“, heißt es in der „Oberamtsbeschreibung Welzheim“ vor fast zweihundert Jahren. Und das hat sich bis heute nicht geändert. Wie auch, liegt Welzheim doch auf einer Hochfläche, die seit jeher von keinem Gebirge überragt wird und daher „von allen Seiten den Winden preisgegeben“ ist. Und das sind die sogenannten „wahren Winde“, während andere Luftbewegungen, die zum Beispiel beim Auto- oder Fahrradfahren entstehen, als „relativ“ bezeichnet werden. Vor allem aus Westsüdwest, West und Westnordwest kommen die wahren Winde. Letzteren bezeichnen die Seeleute als „Himmelsbesen“, weil er den Himmel von Wolken reinfegt. Uff em Wald kommt er oft als Sturm an, 1837 sogar als Orkan, „welcher in einem nahe bei Welzheim gelegenen Walde binnen weniger Minuten 750 Klafter Holz zu Boden warf“.

Ja, die Luft, die der Wind so klar, erfrischend und stets ein paar Grad kühler als im Tal mitbringt, ist hervorragend im Luftkurort Welzheim. Von „Champagnerluft“ ist die Rede. Davon schwärmen auch die Menschen an der Nordsee- und Atlantikküste. Ist Wasser im Rohzustand geruchlos, so hat Meerwasser doch seinen ganz eigenen Esprit. „Man riecht es, bevor man es sehen kann“, sagen Küstenbewohner und erkennen meist am Geruch, dass sie sich in der Nähe des Meeres befinden.

Aber wie kommt die „Champagnerluft“ nach Welzheim, weit im europäischen Landesinneren? „Tag und Nacht streicht der Wind vom Meer her ins Land, kaum steht die Luft einmal still“, sagen jahrhundertealte Erfahrungen und die Wetterbeobachtungen. Und so erreichen die uff em Wald vor allem aus Westen wehenden Winde nach langem Weg Welzheim und bringen die Champagnerluft des Meeres, des Atlantiks, mit. Den Weg des Windes in Richtung Westen zurückverfolgend, geht es von Welzheim nach Pforzheim, Nancy, Paris, Versailles und bei St. Malo in den Kanal zwischen England und Frankreich. Und dann ist da auch schon der offene Atlantik bis hinüber nach Neufundland, von dem in südlicher Richtung die „Titanic“ 1912 unterging. Aus diesen unendlichen Weiten des Meeres kommt die Champagnerluft nach Welzheim, jagt uns im Winter ein Frösteln über die Haut und sorgt in heißen Sommern nach einem Tag im Tal für ein erleichtertes Aufatmen. Und noch einen Vorteil hat der Wind: Er treibt die Regenwolken so schnell voran, dass es sich meistens gar nicht lohnt, den Schirm aufzuspannen.

Feuchteres, raueres Klima sorgt für schnelle Abwechslungen und viele Nebel

Das feuchtere, rauere Klima als zum Beispiel auf Schwarzwald-Erhebungen sorgt aber auch für schnelle Abwechslungen und viele Nebel, diese „üble Laune der Natur“. Auch lässt das oft raue Klima die Pflanzen langsamer wachsen, was sich durchaus auf den Geschmack auswirkt, sagen ortsansässige Gemüse- und Obstbauern. Die Apfelblüte beginnt zum Beispiel meistens ein bis zwei Wochen später als in anderen Regionen üblich. Kenner wissen Bescheid: Der Winter kann sich so lange in die Frühlingsmonate hinausziehen, dass Frost und Schneegestöber das Wort Frühling „aus dem Munde des Volkes fast vertilgt haben“.

In Welzheim sind "Luft, Wasser, Wald in glücklicher Mischung vereinigt"

Aber vielleicht ist es ja auch so: „Ein allzu milder Winter stiehlt den Zauber der Frühlingssehnsucht.“ Dann strecken endlich die ersten Winterlinge, Schneeglöckchen und Märzenbecher ihre Köpfe aus dem Erdboden, und mehr als in den letzten Monaten ist es zu spüren: In Welzheim sind „Luft, Wasser, Wald in glücklicher Mischung vereinigt“. Das macht die Stadt uff em Wald mit ihrem Ozonreichtum und ihrer Staubarmut zum Luftkurort mit prickelnder Atmosphäre.

"Schwere Erziehungsarbeit zu leisten"

Dass das Prädikat „Luftkurort“ nicht sofort alle Welzheimer freudig zur Tat schreiten ließ, verärgerte Ende der 1940er Jahre den damaligen Bürgermeister Otto Aichele nachhaltig. Erbost schimpfte er, „dass eine erhebliche Anzahl von Einwohnern keine Ahnung davon habe, zu was der Begriff 'Luftkurort' verpflichte“, es sei noch „schwere Erziehungsarbeit zu leisten“. Und eine Sitzung des Welzheimer Gemeinderats befasste sich mit dem Aufhängen von Wäsche vor dem Feuersee in der Brunnenstraße. Man war sich einig, „dass diese Unsitte, zumal sonntags, das Stadtbild verschandele“.

Die Luft uff em Wald sei „selten unbewegt“, heißt es in der „Oberamtsbeschreibung Welzheim“ vor fast zweihundert Jahren. Und das hat sich bis heute nicht geändert. Wie auch, liegt Welzheim doch auf einer Hochfläche, die seit jeher von keinem Gebirge überragt wird und daher „von allen Seiten den Winden preisgegeben“ ist. Und das sind die sogenannten „wahren Winde“, während andere Luftbewegungen, die zum Beispiel beim Auto- oder Fahrradfahren entstehen, als „relativ“ bezeichnet werden. Vor

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