Welzheim

Wie geht es der Welzheimer Schwaben-Folkband Gradraus in Corona-Zeiten?

Zeitungalfdorf
Das waren noch Zeiten: Im Juli 2017 spielte Gradraus beim Jubiläumsfest der Welzheimer Zeitung zum 150-jährigen Bestehen auf dem Alfdorfer Marktplatz. © Gaby Schneider

„Älles, was zählt“ in Corona-Zeiten ist Durchhalten. Die Kulturschaffenden können ein Lied davon singen, dürfen es aber nicht. Es geht um Existenzen, um Lebenswege, es geht um viel. Da ist nicht nur das Materielle, sondern es fehlt die Möglichkeit, seiner Begabung nachzugehen, vielleicht sogar seiner Berufung. Und nun ein Berufsverbot, seit Wochen. Das ist hart und trifft auch die, die nicht davon leben müssen.

Musikgruppen dürfen derzeit nicht proben

Die schwäbisch Folkrockband Gradraus ist seit sechs Jahren im Schwäbischen Wald und drumrum eine feste Größe. Der Akustik-Folkrock mit schwäbischen Texten begeistert musikalisch und inhaltlich. Die 44-jährige Anke Hagner als Leadsängerin und Songschreiberin leidet nicht nur unter der Situation, sie macht mit der Kulturarbeit einfach weiter. Für sich alleine, denn gemeinsame Proben der siebenköpfigen Band gibt es nicht mehr. Von Konzerten ganz zu schweigen. Obwohl die Welzheimerin als Lehrerin für Sonderpädagogik in Waiblingen durch viele Ausfälle älterer Kollegen und die pandemiebestimmten Umstände noch mehr gefordert ist, bleibt die Kreativität nicht auf der Strecke. Die Ideen fliegen ihr weiter zu, neuerdings nicht nur auf Schwäbisch, sondern auch auf Englisch, das sie mit ihrer zweiten Band Frame auf die Bühne bringen will. Bei aller Düsternis dieser Zeit sucht die Mutter von vier Kindern den positiven Ansatz.

Im Alltag geht es den Mitgliedern der Band unter Corona wie den meisten anderen Arbeitnehmern und Familien: Die Anforderungen im (Broterwerbs-) Job sind immens gestiegen und stellen die Bandmitglieder täglich vor neue Herausforderungen. Dazu kommen die veränderten Bedürfnisse innerhalb der Familien mit Home-Schooling, Wegfallen von Betreuungs- und Freizeitangeboten, Kontaktbeschränkungen. „Die gemeinsamen Proben und Auftritte fehlen uns natürlich sehr. Das gemeinsame kreative Schaffen ist uns allen sehr wichtig und über die Jahre zu einem Teil von uns geworden. Wir sehnen uns nach diesem ,Wir‘ und freuen uns, wenn es wieder möglich und erlaubt sein wird zu proben und aufzutreten“, erzählt Anke Hagner.

Die Gedanken der Musiker sind oft bei befreundeten Kolleginnen und Kollegen aus der Musikszene, bei Veranstaltungsunternehmen, Tontechnikern, Kleinkunstbühnen und Veranstaltern, die derzeit um ihre Existenz bangen müssen. „Der momentane Ausnahmezustand wird in der Branche große Wunden hinterlassen, das macht uns sehr traurig.“

Nach dem Motto „Kreativität bahnt sich immer einen Weg“ geht das Songwriting auch im Lockdown weiter. Zum einen für Gradraus, zum anderen aber auch für das neue Projekt The Frame; allerdings kann die Umsetzung mit der ganzen Band halt momentan nicht stattfinden, ganz zu schweigen von den Auftritten, die nicht möglich sind.

Anke Hagner hat neue Musikband gegründet

Als Songwriterin und Lyrikerin kann es Anke Hagner nicht lassen, sich in einer Krise zu fragen: „Was will mich/uns diese Situation lehren? Was kann ich daraus lernen? Vielleicht müssen wir uns an die Enttabuisierung des Todes machen, ihn (wieder) als Teil des Lebens begreifen lernen? Mehr Demut gegenüber dem Kreislauf des Lebens und der uns umgebenden Natur lernen? Sollen wir lernen, dass wir nicht immer alles kontrollieren können, und die Dinge einfach ihren Lauf nehmen lassen müssen? Und wie gehen wir mit anderen um? Wie herzoffen sind wir?“

Die Welzheimerin fragt, wie wichtig noch das „Wir“ in dieser Gesellschaft ist, die von Egozentrik und mangelhafter Kommunikation geprägt ist.

Mit allen Sinnen die Natur wahrnehmen

Was Anke Hagner bei solchen Gedanken hilft, ist immer wieder in die Stille zu gehen oder die Natur mit allen Sinnen wahrzunehmen und zu versuchen, den Augenblick zu leben, den Moment zu schätzen, dankbar zu sein für das, was ist. Denn eigentlich geht es uns ja gut, oder? S´goht älleweil weider! Vielleicht anders, wie wir es alle vor der Krise er- und gelebt haben, aber es geht weiter. „Manchmal muss man etwas Altes loslassen, damit etwas Neues beginnen darf“, überlegt Anke Hagner.

Die letzte Probe und der letzte Auftritt durften unter strengen Hygieneauflagen Anfang Oktober stattfinden. Gradraus hatte für den Proberaum ein Raumkonzept erarbeitet, das hin und wieder Proben ermöglichte. Alle Konzerte konnten letztes Jahr wegen der Pandemie nicht stattfinden und wurden etliche Male verschoben; ob die geplanten Konzerte in 2021 stattfinden, steht noch immer in den Sternen.

Viele Künstler sehen kurz vor dem Aus

Sämtliche Veranstalter und Kleinkunstbühnen stehen laut Anke Hagner kurz vor dem Aus, die Lage ist prekär. Deshalb sind die geplanten Auftritte teilweise noch ungewiss und die Veranstalter trauen sich kaum, richtig zu planen. „Wir können nicht mal die auftrittsfreie Zeit für gemeinsames Songwriting gescheit nutzen, da ja nur zwei Haushalte zusammenkommen dürfen.“

Die Ideen für neue Songs kommen trotzdem zu Anke Hager, die Kreativität lässt sich nicht unterbuttern – nicht mal von diesem Virus!

„Älles, was zählt“ in Corona-Zeiten ist Durchhalten. Die Kulturschaffenden können ein Lied davon singen, dürfen es aber nicht. Es geht um Existenzen, um Lebenswege, es geht um viel. Da ist nicht nur das Materielle, sondern es fehlt die Möglichkeit, seiner Begabung nachzugehen, vielleicht sogar seiner Berufung. Und nun ein Berufsverbot, seit Wochen. Das ist hart und trifft auch die, die nicht davon leben müssen.

Musikgruppen dürfen derzeit nicht proben

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