Welzheim

Wieseliges Intermezzo für einen Monat

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Michael Thurm und Klaus-Peter Kuppinger fachsimpeln und genießen die Fahrt. © Kölbl/ZVW
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Mit dem Zug in den Tannwald, dann geht’s zu Fuß weiter zur Laufenmühle. © Büttner/ZVW
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Zugführer Uwe Heiliger kann das Interesse der Eisenbahnfreunde an der Strecke gut verstehen. © Büttner/ZVW.
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Der Wiesel und hat Freunde – 262 Fahrgäste sind am Samstag von Oberndorf nach Welzheim gefahren, 242 sind von Welzheim nach Oberndorf gefahren. © Büttner/ZVW.

Welzheim/Rudersberg.
Er fährt wieder: der Wiesel. Zwischen Oberndorf und Welzheim. Allerdings – es handelt sich um ein einmonatiges Intermezzo – 60 000 Euro teuer. Das lässt es sich die Stadt Welzheim kosten, um die Strecke zwischen beiden Orten wieder auf wenige Minuten zu verkürzen. Wegen der Wiederherstellung der Verbindungsstraße ist diese nämlich aktuell gesperrt. Auto- und Busfahrer müssen seither lange Umwege in Kauf nehmen, um an den jeweils anderen Flecken zu gelangen.

Video: Die erste Fahrt nach Welzheim.

An diesem Samstag ist‘s also so weit – die zweite Jungfernfahrt des Wiesels nimmt ihren Lauf. Zehn Minuten vor Abfahrt ist’s auf dem Bahnsteig Oberndorf noch recht übersichtlich. Einzig Karl-Heinz Wilhelm aus Rommelshausen steht schon hier. Er will nach Welzheim zum Einkaufen, um anschließend in der Laufenmühle seinem Ehrenamt nachzugehen. Damit er den ersten Wiesel nicht verpasst, ist er mit dem Auto zum Bahnhof gekommen. Er hofft, dass jetzt viele Leute aufs Gleis umsteigen und der Zug dann dauerhaft reaktiviert wird. Immerhin geht’s auf der Schiene viel schneller und verlässlicher. Grad im Hinblick auf den Winter sei der Wiesel eine gute und sichere Möglichkeit ans Welzheimer Ziel zu gelangen, findet er.

Fahrgäste freuen sich über die schöne und schnelle Strecke

Der Bahnsteig wird lebendiger. Aus reiner Nostalgie trudelt auch Jochen ein. Ein Bahnfreund, der seinen Nachnamen lieber nicht in der Zeitung lesen möchte. Er ist heute extra aus dem Heilbronner Raum angereist. Ursprünglich kommt er aber aus Plüderhausen. „Ich bin ein Eisenbahnfreak“, bekennt er grinsend. „Ich beobachte die Strecke schon so lange, wie ich alt bin.“ Natürlich war er auch 1980 bei der letzten Fahrt eines öffentlichen Personenzugs auf dieser Strecke dabei. Dass er heute mit am Start ist, versteht sich quasi von selbst. Er findet, dass die Fahrt zwischen Oberndorf und Welzheim eine der schönsten überhaupt ist. Unterdessen steigt am Bahnsteig die Spannung. Gespräche werden abgebrochen, Videokameras in die Luft gereckt. Der Wiesel fährt ein. Ein Moment für Pauken und Trompeten. Gibt’s aber nicht. Dafür pfeift der Zug.

Video: Wiesel fährt weiter. (Büttner / ZVW)

Die Türen öffnen sich, sofort steigen die Bahnfreunde ein. Nicht, dass man die Fahrt vor lauter Gequatsche mit der Journalistin noch verpasst. Drinnen kann man ja immer noch reden. Und da gibt’s auch die Gelegenheit zum Fachsimpeln. Zugführer Uwe Heiliger freut sich schließlich auch, dass er den ersten Zug der Wiesel-Neuauflage fahren darf. Etliche seiner Kollegen hatten sich auch dafür gemeldet. Weil es eine schöne Strecke ist und dann, weil es eben etwas Besonderes ist. Er durfte als Erster ran. Immerhin ist er ein gebürtiger Breitenfürster. Die Strecke ist seine Haus- und Hofstrecke. Aber keine Sorge: Jeder Zugführer, der sich gemeldet hatte, darf auch fahren. Dafür gibt’s im kommenden Monat ausreichend Gelegenheit. Einfach so darf allerdings kein Zugführer aufwärtsgondeln. Zuvor muss jeder Kollege Streckenkunde vorweisen. Aus dem Effeff muss jeder wissen, wo er den Zug pfeifen lassen muss, wo er langsam zu fahren und anzuhalten hat. Auch das händische Öffnen der Bahnschranken mittels eines Schlüssels gehört zur selten befahrenen Strecke dazu. Nach einer Probefahrt habe man das aber drin, berichtet Heiliger. Er ist heute so was wie ein Promi. Mit ihm will jeder ein paar Takte reden. Fährt er die Gleise entlang, stehen ab und an Eisenbahn-Fans, sogenannte Spotter, fotografieren den Zug, oft grüßt Heiliger, besonders, wenn Kinder dabei sind.

Eisenbahnliebhaber an der Strecke: Fotos fürs Album und das Internet

Die Szene der Eisenbahnliebhaber ist enorm groß, weiß er. Dass ihre Vertreter entlang der Bahnlinien warten und Bilder schießen, ist er gewöhnt. „Wenn man mal einen anderen Zug fährt oder so, das wissen die sofort.“ In etlichen Foren im Internet tauschen sie sich über Neuigkeiten aus, postieren sich mit Kameras ausgerüstet an der entsprechenden Strecke. So mancher bringt einen Hocker mit. Andere nutzen möglichst große Stative, um über die Köpfe der Konkurrenten herausragen zu können. Rangelein um den bestem Oberservationsplatz gibt’s da auch dann und wann. Ob es für Heiliger nicht auch etwas unheimlich ist, wenn da Menschen so nah an den Gleisen stehen? „Inzwischen kann man das eigentlich einschätzen.“ Trotzdem beobachte er die Fotografen an der Strecke genau, damit am Ende nicht noch etwas passiert.

Mit im ersten Wiesel fährt auch ein kleiner Nachwuchseisenbahner. Louis, sechs Jahre, sitzt mit seiner Oma im Abteil. „Samstags ist immer Omatag“, berichtet sie. Und weil der Familienspross sich für Züge interessiert, fängt dieser Omatag mal ganz anders an als sonst. „Der Zug ist eine Sensation“, sagt er und daddelt weiter am Videospiel. Naja, vielleicht steigt die Begeisterung ja noch im Laufe der Fahrt. Völlig entspannt ist auch Holger Viertel. Er müsse im Verein was erledigen. Er freut sich, dass das heute dank der Abkürzung über die Schienen schneller geht als mit der langen Umleitungsfahrt per Bus.

Echte Freunde des öffentlichen Personennahverkehrs sind Doris und Reinhard Pflaum. Beinahe jedes Wochenende sind sie auf Achse. Dass sie gleich wandern wollen, verraten ihre Wanderstöcke. Aus der Zeitung haben sie erfahren, dass der Wiesel wieder fährt, und haben diese Tatsache gleich in ihre Tourenplanung mit einbezogen. Morgens um 7.25 Uhr ging’s los in Waiblingen-Neustadt. Jetzt geht’s rauf nach Welzheim und dann mit den Wanderschuhen ab zur Laufenmühle. Mit dem Zug fahren sie am Abend wieder heim. Michael Thurm hat Ähnliches vor, er hat sein Rad dabei. Mit dem will er nachher den Berg wieder herunterbrettern. „Das ist die genialste Eisenbahn-Nebenstrecke, die es gibt“, findet er. Mutter Ingeborg, die er ohne Frühstück aus dem Haus gelockt hat, ist mit dabei. Sie fährt nachher wieder mit dem Zug zurück. „Das ist so eine schöne Strecke, die darf man sich nicht entgehen lassen“, erklärt sie.

Auch Klaus-Peter Kuppinger ist schwer begeistert. „Man muss sich auch vorstellen, was man vor 150 Jahren für Trassen gebaut hat.“ Schließlich sei die Strecke äußerst anspruchsvoll und jeder Zug sei es auch, die Steigung dürfe nicht zu groß sein, müsse dafür aber möglichst regelmäßig sein. „Immerhin fahren wir Stahl auf Stahl“, pflichtet Zugführer Heiliger dem Fahrgast aus Waiblingen bei, der die besondere Bahnfahrt ganz offensichtlich genießt.

Der Weg durch die Landschaft ist auch außerordentlich gefällig: Nach Oberdorf geht’s durchs idyllische Wieslauftal. Dem Allgäu gleich fließen die Hügel übereinander, untereinander, ineinander. Würde eine braune Kuh mit läutender Glocke durchs Bild spazieren, niemand würde sich wundern. Weiter übers Viadukt, spektakulär für sich, dann durchs Edenbachtal und mit starker Steigung hinein in den duftenden Tannwald. Die Strecke – gut gepflegt – lässt viel Einblick in die Natur zu. Hier eine Lichtung, da ein Abhang, hier ein Jägerstand. Eisenbahnromantik eben.

Letzte Fahrt war am besten genutzt

Den ganzen Tag über haben Mitarbeiter der Wieslauftalbahn die Fahrgastzahlen erfasst. Damit werden sie auch weitermachen. Schließlich möchte man in Welzheim herausfinden, ob es sich lohnen könnte, den Zug grundsätzlich zu reaktivieren.

Von Oberndorf nach Welzheim sind im ersten Zug (Start um 8.41 Uhr) 50 Passagiere mitgefahren, im zweiten Zug (Start um 10.41 Uhr) waren es 36 Personen. Im dritten Zug (Start um 12.41 Uhr) saßen 63 Fahrgäste, im vierten Zug (Start um 14.41 Uhr) waren es 45. Zur Rekordfahrt des Samstags avancierte die letzte Fahrt, die um 16.41 Uhr in Oberndorf begann. 68 Personen sind mitgefahren, davon hatten zehn ihre Räder dabei, mit denen sie anschließend den Berg hinunterheizen wollten. Die Fahrradmitnahme ist im Wiesel übrigens kostenfrei.

Von Welzheim nach Rudersberg sehen die Zahlen ähnlich aus. Im ersten Zug, der um 9.20 Uhr startete, saßen 45 Personen. Im zweiten Zug (Start um 11.20 Uhr) saßen 32 Passagiere. 58 Fahrgäste fuhren im dritten Zug (Start um 13.20 Uhr) mit, 43 im vierten Zug (Start um 15.20 Uhr). Auch hier war die letzte Fahrt mit Start um 17.20 Uhr die beliebteste. 64 Personen fuhren mit nach Oberndorf.