Welzheim

Woher kommt der Riss in der Gesellschaft? Ein Welzheimer Abiturient begab sich auf Spurensuche

Riss Reportage
Der Gambier Janko Janweh (links) und Prädikant Martin Becker (rechts) nach dem gemeinsamen Gespräch. © Achim Schwarz

Ein weißer Polizist kniet in Minneapolis auf dem Nacken eines Afroamerikaners. Wir schreiben das Jahr 2020. Der Name des Afroamerikaners ist George Floyd. Die Polizeikontrolle am 25. Mai des Krisenjahres wird seine letzte sein. Er kommt durch das Knie des weißen Polizisten Derek Chauvin zu Tode.

Rassismus - Wie groß ist das Problem?

Der Polizist siegt, knieend auf seinem Opfer. Bilder, Videos werden gemacht, die den weißen, starken Mann zeigen, wie er den anderen besiegt. Tötet. Wie ein Wilderer. Begierig funkeln die Augen.

Ich frage mich, wohlbehütet von Hermann Hesse und Thomas Mann, wie groß das Problem mit Rassismus in meiner Umgebung ist. Welchen Spalt ziehen die Migrationsfrage und damit leider auch Rassismus und Diskriminierung durch unsere Gesellschaft auf dem Land – und vor allem: Wie baut man Brücken zwischen politischen Lagern?’

Eine Reportage soll in den Sommerferien entstehen, die den Blick weitet, für das, was wichtig ist. Vor allem aber reden, mit Betroffenen und Verantwortlichen, den Finger mit einem Text in die Wunde legen.

„Mama, Mama! Ich kann nicht atmen!“, schreit George Floyd.

Es ist ein warmer Nachmittag. Martin Becker ist pünktlich um siebzehn Ort da, um mich abzuholen. Er wird mich bekanntmachen mit einem Geflüchteten. Ich eile zu Martins Wagen vor dem Haus. Mein Zuhause. Wir fahren zur Flüchtlingsunterkunft, nur ein paar Hundert Meter entfernt. Beim Aussteigen schlägt mir die Sommerluft entgegen, ich beginne zu schauen. Das ist also deren Zuhause. Graue Containerbauten, dahinter eine Tankstelle. Silbern glänzt die metallene Treppe zur zweiten Etage des Containerblocks. Eine andere Welt, das Portal ist der Bordstein. Durchschreitet man es, so ist man nicht mehr in Welzheim. Man ist zeitlos, ortsunabhängig. Denkt man. In der Realität sind die Container und ihre Bewohner Teil der Stadt. Am Rande Welzheims, eine Familie im kleinen Zimmerchen, dreißig Personen auf einem Stock. Sechzig insgesamt.

Martin, das ist ein stattlicher Mann mittleren Alters, der Beachtliches leistet. Prädikant ist er in der Evangelischen Kirche, also ein Laienprediger. Gott ist ein Antrieb für ihn. Ein Antrieb, Menschen zu helfen, für sie da zu sein. Deshalb sind wir hier.

Als Martin gerade durch die Tür tritt, lacht ein Bewohner herzlich auf und begrüßt ihn, begrüßt uns. Ich nenne schüchtern meinen Namen. Seiner ist Ernest. Er kocht für sich und die Familie einen typischen Reiseintopf, das Abendessen. Mit schnellen Schwüngen künstelt er, lässt den Topf auf dem Herd köcheln und stellt ein paar Stühle in den langen Gang, dem Zugang zu all den geheimnisvollen Zimmern mit geheimnisvollen Menschen. Ernest erkundigt sich nach mir. Ich antwortete: Schüler, mache nächstes Jahr mein Abitur, war auf Rügen im Urlaub, bin behütet von Hermann Hesse und Thomas Mann.

Er komme aus Kamerun. Dort würden Intellektuelle verfolgt, sie seien dem Tode entflohen. Sie, das sind Ernest Atem, seine Frau und die gemeinsame Tochter.

Ernests Augen glitzerten, stets ein dezentes Lächeln im Gesicht. Er hat etwas zu erzählen, er hat viel zu erzählen.

Als wir auf Rassismus zu sprechen kommen, ist Ernest in seinem Element. Er sagt zwar, dass er in Welzheim noch nie Erfahrungen mit Rassismus gemacht habe, was vor allem daran liege, dass er nie aus seinem Wohnumfeld hinauskomme und in einer Art anderen Welt lebe, doch in anderen Ländern habe er diese Erfahrung schon machen müssen, etwa bei seiner Flucht durch Italien.

„Rassismus ist eine Überhöhung des eigenen Seins“, sagt er, „wir sind alle gleich von Gott geschaffen, Rassismus existiert nur im Kopf der Menschen.“ Was Ernest sagt, ist richtig, auch wenn der Gottesbezug nicht für jedermann herhalten kann, doch das ist nur eine Sache der Übertragung. Im säkularisierten Deutsch hieße es folglich: „Rassismus ist kein Naturgesetz und wird zu Machtzwecken gebraucht, um sich selbst einen höheren Wert zu geben als anderen Individuen, obwohl wir alle gleich sind.“ Menschen eben.

„Man muss den Spalt zwischen Weiß und Schwarz überbrücken“, fordert Ernest. Markant sind seine Arme, die parallel auf- und abfahren, rasend beschleunigen. Wie auf dem Jahrmarkt. Nur ohne Lichter. Und ohne Jahrmarkt. Realität. Im Container.

Abschließend fragt mich Ernest, warum die Kirchen in Deutschland so leer seien.

„Wir haben einen anderen Bezug zur Kirche und Gott, eine andere Kultur. Religion spielt nicht mehr so eine große Rolle. Wir haben andere Götter“, antworte ich. In der Tat dienen wir anderen. Unsere Götter sind Hermann Hesse und Thomas Mann. Der christliche Gott nimmt bei uns mehr und mehr eine Nebenrolle ein.

„Die Kirche ist nicht das Gebäude, es ist die Gemeinschaft“, sagt er. Vielleicht ist es so, ganz sicher sollte es so sein.

Flucht - Riskante Reise durch Afrika

Ernest und seine Frau laden uns zum Abendessen ein. Es gibt den Reiseintopf, den er gekocht hat. Reis, Erbsen und Karotten mit Öl. Typisch kamerunisch. Fast entfliehe ich nach Afrika, fühle mich mit den Leuten in den Containern verbunden, dann bemerke ich aber, dass ich niemals fühlen werde, was sie fühlen.

Dann kommt ein etwas gebückter Mann mit beigefarbener Jacke und kurzen, schwarzgrauen Haaren hinein. Ungewöhnlich für eine so warme Außentemperatur. Janko, das hat mir Martin inzwischen gesagt, ist sein Name. Das soll mein Interviewpartner werden. Ich stehe kurz auf, um ihn zu begrüßen. Janko scheint sich auf das Interview zu freuen und lobt das Projekt.

„Weißt du, der einzige Unterschied zwischen Menschen besteht in ihren Kulturen und Traditionen“, konstatiert er schon einmal im Voraus.

Wir verabschiedeten uns von Ernest und seiner Familie, ich lasse ihm meine Handynummer da, um den Kontakt zu halten. Dann fahren wir mit Janko zu Martins Haus, um dort zu sprechen.

An Martins Haus weht eine kleine EU-Flagge. Menschenwürde, Freiheit, Demokratie. Moria.

Janko kommt aus dem Westen Gambias und wegen einer schweren Erkrankung war er zur Flucht gezwungen, denn dort gibt es nicht die Mittel, ihn zu heilen. Gesund ist er immer noch nicht, besser aber, als wenn er in Gambia bliebe. Für sein Leben lässt er zwei Kinder und seine Frau zurück. Er wuchs in armen Verhältnissen auf und wurde von der christlichen Gemeinschaft vor Ort gefördert, konnte zur Schule gehen. Immer noch besucht Janko christliche Gottesdienste und das, obwohl er Muslim ist.

Trugbilder - Illusionen über das Leben in Europa

Nach dem Abschluss trat er der Armee bei und diente ebenfalls als UN-Soldat in Liberia. Nachdem herauskam, dass Janko eine regierungskritische Partei unterstützte, verlor er seinen Arbeitsplatz.

Für seine riskante Reise bezahlte er ungefähr 2500 Euro. Der Großteil ging an Schlepper, die ihm durch die Wüste nach Libyen und anschließend über ein altes, kleines Boot nach Europa verhalfen.

„In Burkina Faso wurde ich verhaftet. Überall gibt es korrupte Polizisten, die Geld verlangen, sonst wird man mit dem Stock geschlagen“, erzählt Janko, „und in Libyen haben sie auf Flüchtlinge geschossen.“ Ich versuche, das Gesagte nachzuvollziehen, doch es fällt mir schwer. Martin hatte schon einmal von mehreren Männern gesprochen, die sich für eine kleine Flüchtlingsfamilie aus den Containern geopfert hätten. Die Männer seien erschossen worden, das kleine Mädchen und ihr Vater hätten überlebt, dabei habe der Vater ihr schon das T-Shirt über den Kopf gezogen, damit sie die schrecklichen Sekunden vor dem Tode nicht mitbekommen müsse.

Runterschlucken, weiter geht´s, Janko redet, erzählt von seiner Welt, die ich begreifen möchte, wenn auch nur im Ansatz kann.

Hitze, Verhaftungen, Wassermangel, Todesangst. Unmenschlichkeit.

Janko rät jungen Menschen in Afrika, ihr eigenes Land aufzubauen, denn Europa würde idealisiert. Martin zeigt mir Bilder auf seinem Smartphone, auf denen Migranten vor teuren Autos posieren und darunter „My new Car“ schreiben.

„Das weckt falsche Vorstellungen von Europa“, sagt Martin. Deshalb fordert er ein anderes System zur Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft. Migranten sollen sich beweisen können, unter humaneren Bedingungen.

Brücken bauen - Die Kraft des Friedensgebets

„Es geht um Teilhabe und Wertschätzung“, sagt er und Janko fügt hinzu: „Sozialhilfe und Arbeit müssen im Gleichgewicht bleiben.“

Nach drei Stunden intensiver Gespräche entfliehen wir in die Dunkelheit des Sommertages. Die Lichter tanzen auf dem Asphalt, bis sie vor den Containern erstarren.

Warum also nicht Fremde zu Nächsten machen?

Ein Gespräch mit dem SPD-Landtagsabgeordneten Gernot Gruber setzt sich besonders in meinem Gedächtnis fest, wichtige Worte hallen nach.

„Man muss vor Ort Dinge aufzeigen und nicht mit dem Finger auf andere zeigen“, sagt er. Akzeptanz von Meinungen, das ist ihm wichtig, deshalb achtet er penibel auf seine Wortwahl. Brücken bauen, das sollte man in einer Demokratie.

Ich stehe in der Kirche beim Friedensgebet, das Martin jeden Montagabend veranstaltet. Es ist der Ort, an dem Menschen versammelt sind, um gemeinsam zu beten. Für den Frieden. Janko und Ernest sind auch da. Afrikanischer Gesang und Tanz trifft auf deutsche Liturgie. Ein Fest voll Wärme und Fürsorge, trotz Corona. Eine Regenbogenflagge liegt auf dem Taufstein, bestückt mit bunten Kerzen. Vielfalt ergänzt, grenzt nicht ein. Hier sind wir Menschen.

Martin predigt: „Die Toten werden in uns weiterleben, denn sie haben geschafft, was wir noch nicht geschafft haben.“

Ein weißer Polizist kniet in Minneapolis auf dem Nacken eines Afroamerikaners.

„Mama, Mama! Ich kann nicht atmen!“, schreit George Floyd.

Hermann Hesse schreibt in seinem Roman „Narziß und Goldmund“: „Ohne Mutter kann man nicht lieben. Ohne Mutter kann man nicht sterben.“

(Ich bin nur der Mittler der Geschichten, der Botschaft, fühle mich nicht wie Sophie Scholl. Deshalb kein Bild von mir. Was zählt, sind die Menschen, die den Kern dieser Geschichte darstellen, ihrer Leben.)

Achim Schwarz macht am Limes-Gymnasium in Welzheim gerade sein Abitur. Für den 63. Schülerwettbewerb des Landtags von Baden-Württemberg hat der Welzheimer eine Reportage geschrieben. Das diesjährige Motto lautet „Komm heraus, macht mit“. Genau das hat Achim Schwarz getan – und in seiner Heimatstadt Welzheim recherchiert zur Frage, woher der Riss in unserer Gesellschaft kommt. Der Artikel wurde bereits eingereicht. Die Ergebnisse werden nach den Osterferien bekanntgegeben. Wir dokumentieren den Text hier in einer gekürzten Form. 

Ein weißer Polizist kniet in Minneapolis auf dem Nacken eines Afroamerikaners. Wir schreiben das Jahr 2020. Der Name des Afroamerikaners ist George Floyd. Die Polizeikontrolle am 25. Mai des Krisenjahres wird seine letzte sein. Er kommt durch das Knie des weißen Polizisten Derek Chauvin zu Tode.

Rassismus - Wie groß ist das Problem?

Der Polizist siegt, knieend auf seinem Opfer. Bilder, Videos werden gemacht, die den weißen, starken Mann zeigen, wie er den anderen besiegt.

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