Winnenden

200 Flüchtlinge im Schelmenholz

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Ingenieur Dr. Wolfgang Hirt (links, unter anderem Windpark-Projekte; Bild: Büttner) ist direkter Nachbar des geplanten Flüchtlingsheims am Rand des Schelmenholz und seit August 2015 Sprecher der Eschenweganwohner. Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth (rechts; Bild: Habermann) hat sich in E-Mails, bei Versammlungen und in mehreren persönlichen Gesprächen mit den Sorgen der Eschenweganwohner auseinandergesetzt. © Ramona Adolf
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Asyl © ZVW

Winnenden. Der Ausblick unserer Zeitung aufs Jahr 2016 hat den Sprecher der „Initiative Waldfriedhof“, Dr. Wolfgang Hirt, dazu bewogen, sich wieder zu Wort zu melden. 200 Wohnheimplätze, stand da zu lesen, sollen in Hirts direkter Nachbarschaft am Eschenweg gebaut werden. Auf Hirts Bedenken, die er an Presse, Stadt und Landrat geschickt hat, hat OB Hartmut Holzwarth geantwortet. Mit beider Einverständnis veröffentlicht unsere Zeitung einen Teil des Schriftwechsels.

Wolfgang Hirt moniert, dass zuerst, im August 2015, von der Unterbringung von 80 bis 120 Flüchtlingen in Containern auf der Wiese der Paulinenpflege die Rede war. Sie befindet sich zwischen dem Waldfriedhof, dem Eschenweg und damit dem Rand des Wohngebiets Schelmenholz und dem ehemaligen Jugenddorf der Paulinenpflege, in dem bereits Flüchtlinge untergebracht sind. In späteren Gesprächen zwischen Oberbürgermeister und Hirt habe Hartmut Holzwarth nicht mehr von Containern, sondern von einer Festbauweise in „anwohnerschonender“ U-Form gesprochen. „Und jetzt sind es 200 Menschen in Holzhäusern … Bei 200 steht auf einem Grundstück von rund 4000 Quadratmetern jedem etwa 15 Quadratmeter zur Verfügung (dies ist die Größe einer Einzelgarage)“, rechnet Hirt vor. Seine Schlussfolgerung: „Damit ist es offensichtlich, dass die Flüchtlinge die Nachbargrundstücke (hier Friedhof und Anwohnergrundstücke) nutzen werden, um der Enge zu entkommen.“ Er fordert eine Umzäunung, Sichtschutz, Gutachten zu Schall- und Brandschutz und kündigt an: „Ich werde sie bei der hoffentlich stattfindenden Bürgeranhörung einfordern.“

Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth antwortet: „Alle diese Themen werden wir versuchen, zu beantworten, da haben Sie vollkommen recht. Immer noch, auch bei 200 Plätzen, wollen wir Familien – es war bisher nicht die Rede von Männern, wie wir es bisher in Winnenden weitgehend in der Albertviller Straße haben –, allerdings können wir das nur wünschen und nicht beeinflussen. Die Architektur ist noch nicht gemacht – lassen wir es mal auf uns zukommen, ob es wirklich 200 Plätze werden. Erst wenn die Architektur vorliegt, kann diskutiert werden, ob es funktioniert oder ob weniger besser wäre.“

„Sollen die Frauen sich mit Pfefferspray ausstatten?“

„Gerade nach den Vorfällen in Köln, Hamburg und wohl auch in Stuttgart hat dieses Thema unbedingte Brisanz, unbenommen welche Bevölkerungsgruppe hier die Verursacher waren“, schreibt Dr. Hirt weiter über „menschliche (hier ganz konkret sexuelle) Bedürfnisse“. In einem Gespräch „im Beisein von Herrn Dr. Weinmann von der Paulinenpflege und meiner Hausdame) musste Herr Holzwarth einräumen, dass die Problematik in Flüchtlingswohnheimen existiert.“ Hirt berichtet: „Anlässlich meiner Silvesterparty mit den Nachbarn war ein Diskussionspunkt, ob die hier wohnenden Frauen sich mit Pfefferspray ausstatten, um Eventualitäten vorzubeugen. Ich denke, dieses Thema dürfte nun aktueller denn je sein. Hierzu erwarten wir noch immer griffige Aussagen unseres OB.“

Hartmut Holzwarth fasst sich kurz: „Wir hatten in Winnenden noch keine derartigen Vorkommnisse, weder in oder außerhalb der Flüchtlingsunterkünfte. Die Vorkommnisse in Köln und anderen Städten an Silvester sind vermutlich einer sehr kleinen Gruppe von Migranten zuzurechnen, gemessen an den rund einer Million, die 2015 zu uns kamen. Natürlich muss dagegen entschieden vorgegangen werden. Das kann man aber nicht allen Flüchtlingen pauschal in die Schuhe schieben.“

Hirt: Franka Zanek sollte auch für Bürgersorgen zuständig sein

In den Artikeln über Franka Zaneks neue Rolle als Integrationsbeauftragte vermisst Dr. Wolfgang Hirt die Information, ob „sie auch für die Belange, Sorgen und Nöte der Anwohner zuständig und verantwortlich zeichnet. So etwas grenzt Anwohner aus und wird somit fast automatisch zu Konfliktsituationen führen“, prophezeit Hirt. „Gleichzeitig möchte ich nicht versäumen Frau Zanek in ihrer neuen Aufgabe viel Erfolg, ein glückliches Händchen verbunden mit viel Diplomatie zu wünschen.“

„Natürlich werden sich Bürgermeister Sailer, Frau Zanek und ich auch immer um die Sorgen und Nöte von Anwohnern kümmern. Am effektivsten wird Frau Zanek aber wirken, wenn sie Flüchtlinge in Arbeit bringen lassen kann“, antwortet darauf OB Holzwarth.

Konfrontation und Wegzug oder Unterstützung durch Anwohner?

Hirt sieht in der Flüchtlingsunterbringung Nachteile für die direkten Anwohner, vielleicht sogar fürs ganze Schelmenholz oder ganz Winnenden. „Ich bin damit nicht glücklich. Meine Frau und ich haben beschlossen, wir schauen uns die nachfolgende Situation mal ein halbes Jahr an, wenn’s nicht tolerierbar ist, ziehen wir weg … Eigentlich schade, wohne seit 1988 in Winnenden und habe dieses Anwesen 1996 gekauft, waren schöne Jahre in Winnenden - aber wenn der Flüchtling anscheinend (oder offensichtlich?) mehr Gehör findet als der langjährige Bürger, dann wird der Bürger halt zum Flüchtling.“

Hirt befürchtet eine Parallelgesellschaft

Gleichwohl bietet Hirt eine versöhnlich-helfende Hand an, geknüpft an eine Bedingung: „Ich könnte mir sogar vorstellen, dass die Anwohner Stadt und OB unterstützen, wenn es denn ein Konzept gäbe. Aber so wird es mit Lautstärkebelastung und Übergriffen auf Anwohnergrundstücke sicher zu Maßnahmen mit rechtsstaatlichen Mitteln führen - daraus resultiert dann mit Sicherheit eine konfrontationsgeladene Parallelgesellschaft.“

Holzwarth ist bereit, die Hand zu ergreifen, und hofft, dass Konfrontationen vermieden werden können. „Ich hoffe, Sie werden bleiben und sich sogar einbringen bei der Begleitung der Flüchtlinge und zur Förderung und Bewahrung des Friedens mit den Anwohnern. Ich sehe bei Ihnen so viel Möglichkeit zum Engagement.“

900 Unterschriften? Holzwarth hat sie nicht

Im August haben die besorgten Anwohner vom Eschenweg in unserer Zeitung ihre Initiative zum Schutz des Waldfriedhofs vorgestellt. Die Gruppe startete eine Unterschriftenaktion. Nach Angaben von Dr. Wolfgang Hirt sind „über 900 Unterschriften, zumeist von Schelmenhölzern, zusammengekommen“. Er spricht von einer „Petition an den OB, den BM, den Landrat und die Stadträte“ und behauptet, diese und die Unterschriften „wurden von OB Holzwarth ignoriert, im Antwortschreiben, persönlich unterzeichnet durch Herrn OB Holzwarth, wird lediglich kommentiert … wird die Verträglichkeit mit dem Friedhof und den Anwohnern erwartet?“

Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth weiß nicht, von was Wolfgang Hirt spricht: „Ich bitte Sie um die 900 Unterschriften. Ich kenne die Liste noch nicht und hätte sie sehr gerne gesehen.“

Weiter kritisiert Hirt mangelnde Kommunikation mit den Anwohnern und behauptet, dass Holzwarth „kriminelle Sachtatbestände wie die Messerattacke im bestehenden Wohnheim bagatellisiert“, indem er von „herumfuchteln“ spricht.

Holzwarth entgegnet dazu: „Gegen die Messerattacke wurde rechtsstaatlich, das war in der Zeitung zu lesen, umfassend vorgegangen. Sie war aber nach Beschreibung der Sozialarbeiterin im Kreise einer Führung von Stadträten dargelegt worden als ein Gefuchtele, mit der Drohung, sich selbst, nicht ihr, etwas anzutun. Das war keine Verharmlosung, das so darzustellen, sondern das, was uns an Informationen vorliegt.“