Winnenden

4,1 Promille: Bewährungsstrafe nach Faustschlag gegen Sanitäterin

Vollrausch gericht
Symbolbild. © adobestock/barrington

„Nein“, versicherte der Angeklagte, nachdem die Staatsanwältin die detaillierte, vor blumigen Kraftausdrücken strotzende Anklageschrift verlesen hatte, „ich habe kein Alkoholproblem. Seit einem Monat schon habe ich nichts getrunken!“ Es sei einfach so, dass er psychische Probleme habe. An ihnen liege es auch, dass er seit mehr als zehn Jahren arbeitslos sei. Wegen dieser Probleme werde er auch vom Arbeitsamt betreut und habe von seinem Hausarzt eine Überweisung zu einem Psychiater erhalten. Die helfe ihm im Moment allerdings nicht viel, da er keinen Behandlungstermin bekomme. In dem, was er da gerade von der Staatsanwältin gehört habe, erkenne er sich selbst nicht wieder, meinte der sich zerknirscht gebende, wesentlich älter wirkende 49-jährige Waiblinger.

„Das Leben als Arbeitsloser ist verdammt langweilig“

Er feiere halt ab und zu mit Bekannten, und dabei trinke er auch, „denn das Leben als Arbeitsloser ist verdammt langweilig. Ich kann doch nicht die ganze Zeit nur in der Wohnung herumsitzen“. Am Ende der Beweiserhebung hatte allerdings das Bild, das er bis dahin von sich selbst gezeichnet hatte, Risse bekommen: Vielleicht sei es ja doch so, dass er tatsächlich ein Problem mit dem Alkoholkonsum habe und es sich selbst nur nicht eingestehe, zeigte er sich nachdenklich.

Eine Flasche Ouzo trinkt der Angeklagte alleine leer

Die Ereignisse, die dazu führten, dass der Angeklagte im Waiblinger Amtsgericht vor dem Richtertisch von Richterin Basoglu-Waselzada landete, begannen vor genau einem Jahr damit, dass er die von ihm gesammelten Pfandflaschen im Real-Markt abgeben wollte, allein von Hartz IV komme man schließlich nicht weit, erklärte er. Vor dem Remspark hat er dann einen Bekannten getroffen. Der habe sich gerade in einer depressiven Phase befunden, Selbstmordgedanken geäußert. „Ich habe mich für ihn verantwortlich gefühlt. Wir haben beschlossen, gemeinsam etwas zu trinken“, sagte der Angeklagte. Er sei daraufhin in den Markt gegangen und habe eine Flasche Ouzo gekauft. „Das war ein Fehler. Ich habe nicht bedacht, dass mein Bekannter eigentlich gar keinen Ouzo trinkt“, so der Angeklagte. Also musste er die Flasche allein leeren. Da er seinen Bekannten aber nicht im Stich lassen wollte, trank man miteinander noch Jacky Cola und halt andere Sachen. „Es war ein sehr heißer Tag“, wusste er noch. Das Nächste, woran er sich erinnere, ist, dass er sich in Winnenden auf einer Liege fixiert wiedergefunden hat. „Das war ein totaler Filmriss.“ Was in der Zwischenzeit geschehen war, das beschrieben die vom Gericht geladenen Zeugen umso anschaulicher.

Nachdem der Bekannte einen Notruf abgeschickt hatte, weil der Angeklagte in alkoholisiertem Zustand die Treppe heruntergefallen war und regungslos in der prallen Sonne lag, versuchte die herbeigerufene Rettungssanitäterin und ihr Auszubildender, den halb auf der Treppe neben einem halb vollen Kasten Bier Liegenden davon zu überzeugen, sich von ihnen helfen zu lassen. Er sei aber sofort ausfallend und aggressiv geworden, so die Helferin, habe sie aufs Übelste beschimpft. „In unserem Beruf leider keine seltene Erfahrung“, sagte die Sanitäterin. Als sie sich über ihn beugte und versuchte, ihn zu beruhigen, habe er ihr ohne Warnung und ansatzlos einen Faustschlag aufs linke Auge versetzt. Während sie „geschockt“ zur Seite gegangen sei, habe ihr Kollege den Angeklagten bis zum Eintreffen der herbeigerufenen Polizeibeamten festgehalten. Die sahen sich ebenfalls beschimpft. Durch Muskelanspannen, Um-sich-Schlagen und Strampeln wehrte sich der Angeklagte dagegen, auf die Transportliege geschnallt, in den Krankenwagen eingeladen und nach Winnenden ins Krankenhaus gebracht zu werden.

Ärztin lässt Angeklagten ins Zentrum für Psychiatrie bringen

Beschimpft hat der Angeklagte auch die junge Ärztin, die sich dann im Rems-Murr-Klinikum des Angeklagten angenommen hatte. Nachdem der Angeklagte sie von ihrer ärztlichen Schweigepflicht befreit hatte, berichtete sie nun dem Gericht, dass er auf sie sehr müde, aber durchaus ansprechbar gewirkt habe. „Er war in der Lage, sich verständlich zu artikulieren, und forderte, dass man ihn nach Hause bringt“, erzählte die Ärztin.

Äußere Verletzungen seien an ihm nicht feststellbar gewesen, und da aufgrund seines Widerstands eine weitere Untersuchung unmöglich gewesen sei, habe man ihn mit einer Blutalkoholkonzentration von 4,1 Promille zu seiner eigenen Sicherheit ins benachbarte Zentrum für Psychiatrie überstellt.

Um seinen rabiaten Widerstand dagegen zu überwinden und ihn zu fixieren, waren insgesamt vier Beamte nötig, die sich ebenfalls von einem Schwall an Beschimpfungen überschüttet wiederfanden.

Der Angeklagte hat ein dickes Vorstrafenregister

„Der Lebenslauf des Angeklagten hat viel mit Alkohol zu tun“, resümierte Richterin Basoglu-Waselzada und verwies auf dessen Vorstrafenregister, das sechs Verurteilungen, fünf davon im Zusammenhang mit Alkoholdelikten, aufweist. „Zugute muss man ihm halten, dass er sich reuig zeigt, geständig ist, an der Beweisaufnahme mitwirkte und sich entschuldigt hat“, erklärte die Richterin. Seine Steuerungsfähigkeit sei zwar während der Taten eingeschränkt gewesen, aber als er sich in Vollrausch versetzte, habe er sehr wohl gewusst, was dadurch bei ihm ausgelöst werden könnte.

Auch wenn sie bei dem ohne irgendwelchen Kontakt zur erwachsenen Tochter oder sonstigen Angehörigen allein Lebenden keine günstige Sozialprognose erstellen könne, sei sie bereit, ihm noch einmal eine letzte Chance einzuräumen.

Deswegen setze sie die Gesamtstrafe über vier Monate Haft wegen des Sich-in-Vollrausch-Versetzens, wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, Beleidigung und Körperverletzung für zwei Jahre zur Bewährung aus.

In diese Strafe mit eingeschlossen ist auch ein aktueller Strafbefehl, den er dafür erhalten hatte, dass er im September vier Polizeibeamten den Mittelfinger zeigte und sie als „Wichser“ beschimpft hatte.

Für die kommenden zwei Jahre, erläuterte die Richterin die Bewährungsauflagen, werde er einem Bewährungshelfer zugewiesen, auf dessen Anweisung hin er sich einer Drogenberatung zu unterziehen habe. „Sie müssen innerhalb eines Jahres 80 Stunden soziale Arbeit ableisten, die Kosten des Verfahrens abstottern und jeden Wohnsitzwechsel unaufgefordert dem Gericht melden. Zudem“, warnte die Richterin, „kann die kleinste Beleidigung, die innerhalb dieser zwei Jahre vorkommt, die Bewährung beenden!“

„Nein“, versicherte der Angeklagte, nachdem die Staatsanwältin die detaillierte, vor blumigen Kraftausdrücken strotzende Anklageschrift verlesen hatte, „ich habe kein Alkoholproblem. Seit einem Monat schon habe ich nichts getrunken!“ Es sei einfach so, dass er psychische Probleme habe. An ihnen liege es auch, dass er seit mehr als zehn Jahren arbeitslos sei. Wegen dieser Probleme werde er auch vom Arbeitsamt betreut und habe von seinem Hausarzt eine Überweisung zu einem Psychiater erhalten.

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