Winnenden

50 Jahre bei Kärcher: Wie aus dem Rebellen Hans-Jörg Ziegler der Gesamt-Betriebsratsvorsitzende wurde

Hans-Jörg Ziegler
Bild für Titelmeldung. © Benjamin Büttner

Der 50. Geburtstag ist vielen vergönnt. Aber dass man auf 50 Jahre Arbeit in Lohn und Brot zurückblicken kann, und dann noch bei ein und demselben Arbeitgeber? Das findet man nicht alle Tage. Hans-Jörg Ziegler aus Winnenden gehört zum Kreis der Erlauchten. Er muss zwar coronabedingt auf die feierliche Überreichung des dafür von der Firma hergestellten Ehrenabzeichens verzichten, freut sich aber dennoch auf den Beginn der Rente im Dezember. Wir trafen den elegant und dynamisch auftretenden 65-Jährigen in den letzten Tagen seiner passiven Altersteilzeit in einem großen Besprechungsraum auf dem neuen Kärchergelände – und erfuhren von seinen rebellischen, gar nicht streberhaften Anfängen, von seinen Abteilungswechseln und Karriereschritten. Stolze 18 Jahre Betriebsratsarbeit gehören dazu, davon acht Jahre als Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats, im Einsatz für die Belegschaft, auf Augenhöhe mit der Geschäftsleitung, oft auf Kompromisssuche, bisweilen auch auf einer Gratwanderung zwischen Forderungen hier und Ablehnungen da.

Morgens müde - ein Lehrling mit Nebenjob

Mit 15 Jahren, zur Zeit der Studentenrevolten, trug Hans-Jörg Ziegler lange Haare und hatte von Technik „null Ahnung“. „Ich wollte eigentlich bei der AEG Industriekaufmann werden, aber dafür hätte ich die Haare abschneiden müssen“, erzählt er. Ein Freund mit derselben Hippie-Matte war bei Kärcher untergekommen, Ziegler wurde also 1970 zusammen mit seinen Eltern vorstellig. Die Familie war wegen des Mauerbaus von Leipzig weg und in den Westen gezogen. Der Jugendliche erhielt den Ausbildungsplatz, obwohl er kein so dolles Zeugnis hatte. „Der Meister sagte, das passt. So einfach war das damals.“

In den folgenden drei Jahren profitierte Ziegler von dem, was er unter „Kärcher-Kultur“ zusammenfasst. „Es war oberstes Ziel, dass jeder die Lehre besteht, egal, wie schlecht er ist.“ Ziegler war zumindest nicht sonderlich motiviert und frühmorgens oft sehr müde: „Ich war nebenher noch Discjockey und Barkeeper und habe damit ein Vielfaches des Lehrgelds verdient.“ Nach der Arbeit im „Rössle“ an der Wagnerstraße ging’s noch ins Café Wien. Überm „Rössle“ hatte Ziegler ein Zimmer gemietet. „Morgens hatte ich oft keine Lust, U-Stücke zu feilen. Der Lehrmeister half mir, obwohl er fast verzweifelt ist.“

Er macht gern Tempo und erhält neue Aufgaben

Die Kneipen sind längst Geschichte, geblieben ist der Grundsatz, dass bei Kärcher jeder seinen Weg machen kann, Leistung und Leidenschaft werden heutzutage schon verlangt im Weltunternehmen mit Tausenden Mitarbeitern und Milliardenumsatz. Aber ob jemand gepierct oder tätowiert ist, das spiele keine Rolle, nicht nach Zieglers Beobachtungen. Ein Satz des Lehrmeisters, gerichtet an den Nachwuchs, hat sich jedenfalls tief eingebrannt: „Gucked, aus dem Ziegler isch doch au was g’worda.“

Mit 18 wurde er übernommen, montierte im Außendienst Reinigungsanlagen für große Tanks und verlegte Leitungen für Kiesheizungen in Betonwerken. Nach dem Wehrdienst (die Haare mussten nun doch ab) kam er in die Endmontage der Heißwasser-Hochdruckreiniger. Jeweils ein Zweierteam schaffte am HDS1200, „mein Partner und ich waren ziemlich schnell, haben Gas gegeben und waren um 12 mit der Arbeit fertig“, berichtet Hans-Jörg Ziegler. Der Meister machte ihn zum Vorarbeiter, um ihn etwas mehr auszulasten. „Da musst du schauen, dass die Linien laufen, den Überblick behalten, dass genug Material da ist, und wenn einer ausfällt, einspringen.“

Gerade in der Zeit, als er wieder mit dem Gedanken an AEG spielte, weil es da „eine Mark mehr“ gegeben hätte auf die Stunde, schlugen Vorgesetzte ihm vor, ins Büro zu wechseln oder das Teilelager in Waiblingen zu leiten, mit 30 Mitarbeitern. Ziegler biss an und „war der jüngste Jungmeister ohne Meistertitel“.

Ein Stapler-Unfall ist Auslöser für die erste Betriebsratskandidatur

Fünf Jahre später, 1985, stieg er wieder auf, kam zurück nach Winnenden und leitete den Wareneingang mit 40 Mitarbeitern, wurde später Logistik-Teamleiter. „Das waren große Aufgaben“, macht er gleichwohl wenig Aufhebens um den Job, in dem Pünktlichkeit, Genauigkeit, Schnelligkeit gefragt waren, weil daran der ganze Produktionsprozess hängt.

Ein Schlüsselerlebnis aus dieser Zeit brachte ihn im Übrigen dazu, 2001 für den Betriebsrat zu kandidieren. In der Fertigung hatte die Firma einen neuen Fahrbahnbelag einbauen lassen. „Er war allerdings so glatt, dass die Staplerfahrer, die die Bänder bedienten, fast in die Regale hineinrutschten.“ Hans-Jörg Ziegler machte seine Vorgesetzten auf den Missstand aufmerksam, doch die Diskussion zog sich hin, wer schuld ist und wer die neuerlichen Kosten auf seine Kappe nimmt, die mit dem Aufrauen des neuen Bodens entstehen. „Bis eines Tages tatsächlich ein Unfall passierte.“ Glücklicherweise war’s nur Sachschaden. Ziegler schrieb an seine Vorgesetzten einen gesalzenen Brief – und folgte dem Rat eines Kollegen: Als Mitarbeitervertreter ist man in solchen Situationen rechtlich abgesichert.

Mit 55 Jahren lernt er noch die großen Auftritte als Redner und Verhandler

Ziegler wurde ins Ehrenamt gewählt, machte seinen Job weiter und wurde in seiner dritten Amtszeit, 2010, Betriebsratsvorsitzender und kurz danach Gesamtbetriebsratsvorsitzender für alle sechs deutschen Standorte, bis 2018. In dieser Position ließ er sich freistellen. „Mit 55 Jahren fing ich quasi etwas Neues an, lernte, vor 2500 Mitarbeitern und mit der Geschäftsführung zu reden, und auch mit Richtern und der Presse“, sagt Hans-Jörg Ziegler. Dass dies bei all seinen Stationen gelungen war, führt er auf die „Bodenständigkeit im Familienbetrieb“ zurück. „Man bekommt Freiheiten, sich in seinem Job zu verwirklichen, hat tolle Kollegen und Teams.“ Überdies baue die Weltmarktposition von Kärcher auf der Leistung von Generationen auf. Daher würden auch die Rentner von der Firma noch in Ehren gehalten, zweimal jährlich zum Mai-Singen und zu einem Ausflug eingeladen und darüber informiert, was sich alles so getan hat. Eine Wertschätzung für das Geleistete, dank dessen zum Beispiel „40 Millionen Euro ins Pfleiderer-Areal investiert werden, Schefenacker in Schwaikheim gekauft und die Tank- und Waschanlage an der B 14 gebaut werden konnten“. Die acht Jahre, als er Gesamtbetriebsratsvorsitzender war, sagt Ziegler, waren auch die erfolgreichsten mit all ihren unternehmerischen Projekten und vielen Neueinstellungen. Auch wenn sie keineswegs reibungsfrei verliefen, Hans-Jörg Ziegler betrachtet sie „als Geschenk, das ich mitgestalten durfte“.

Wie's zum Clinch mit der Gewerkschaft IG Metall kam

Mit dem Geschäftsführer Hartmut Jenner liegt er auf einer Wellenlänge, hat Respekt vor dessen Managerqualitäten. Was Ziegler aber nicht von klaren Worten und Disputen abhielt, sei es in Besprechungen, Betriebsversammlungen oder vor Gericht. „Bei allen Gegensätzen haben wir immer ein gutes Ergebnis für die Mitarbeiter und die Firma erzielt.“ Aussagen wie „er kuschelt mit den Bossen“ oder er sei arg „arbeitgeberfreundlich“, die ärgern ihn noch heute, die weist er von sich. Diese Attribute kamen auf, als die Gewerkschaft IG Metall verlangte, bei Betriebsversammlungen und bei der Beratung der Betriebsräte einbezogen zu werden. Das lehnte Ziegler zunächst ab, weil er der Meinung war, dass auch ohne deren Zutun alles gerecht geregelt wurde und werden könne. „Alfred und Irene Kärcher sind nicht in den Arbeitgeberverband eingetreten, wir als Betriebsrat wollten die Gewerkschaft nicht reinlassen.“ Der Streit zog sich über zwei Jahre hin. Am Ende kandidierten gewerkschaftsnahe Mitarbeiter auf einer eigenen Liste für den Betriebsrat, doch auch Hans-Jörg Ziegler wurde wiedergewählt.

Eine Hälfte des Jahres verbringt er in Spanien

Und jetzt, was kommt, wird er in ein Loch fallen, wenn er demnächst Rentner ist? Hans-Jörg Ziegler glaubt das nicht. Er wird mit seiner Lebenspartnerin, mit der er seit 28 Jahren zusammen ist, ein halbes Jahr in Winnenden verbringen und das andere halbe Jahr im Ferienhaus an der Costa Blanca. „Wir haben in Spanien bisher jeden Urlaub verbracht und kennen dort viele Leute in der Nachbarschaft. Die ist richtig multikulti“, berichtet er von Amerikanern, Schweizern, Deutschen, Spaniern natürlich auch, einer bunten Mischung also. Moment mal ... international ... genau wie die Belegschaft von Kärcher.

Der 50. Geburtstag ist vielen vergönnt. Aber dass man auf 50 Jahre Arbeit in Lohn und Brot zurückblicken kann, und dann noch bei ein und demselben Arbeitgeber? Das findet man nicht alle Tage. Hans-Jörg Ziegler aus Winnenden gehört zum Kreis der Erlauchten. Er muss zwar coronabedingt auf die feierliche Überreichung des dafür von der Firma hergestellten Ehrenabzeichens verzichten, freut sich aber dennoch auf den Beginn der Rente im Dezember. Wir trafen den elegant und dynamisch auftretenden

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