Winnenden

60 Schüler bei einer Kammermusikprobe der Konzerttage

Junge Ohren
Probe vor Schülern im Andachtssaal: Natalia Lomeiko, Gareth Lubbe, Nabil Shehata und Claudio Bohórquez. © Palmizi / ZVW

Winnenden. Die Konzerttage-Solisten proben fürstlich in Winnenden: im Schloss, im Andachtssaal, und in aller Abgeschiedenheit und Konzentriertheit. Das Forellenquintett soll reifen. Aber die Winnender Jugend soll auch etwas davon haben. Wie abgemacht werden um 11 Uhr 60 Schüler des Lessing-Gymnasiums und der Geschwister-Scholl-Realschule zur Probe dazukommen.

Video: Kammermusikprobe bei den Winnender Konzerttagen: Natalia Lomeiko (Geige), Gareth Lubbe (Bratsche), Nabil Shehata (Kontrabass), Peter Nagy (Klavier) und Claudio Bohorquez (Cello).

Felix Brade, Winnender Cellolehrer, erinnert die Spitzenmusiker an die Schüler, und durch die Tür hört man schon das fröhliche Geplauder der Acht- und Zehntklässler. „Darf ich sie jetzt hereinführen?“ „Geben Sie uns noch zwei Minuten“, sagt freundlich lächelnd Claudio Bohórquez. Sie wollen noch einen Satz zu Ende durchsprechen und einmal die letzten Takte wiederholen. „Dann sind wir auch bei der Forelle.“ Eine Stunde haben die Musiker bereits gearbeitet und genossen, in schönen Passagen lächelnd geschwelgt und jede Steigerungsmöglichkeit genutzt. Jetzt geht die Arbeit an der Musik weiter, aber vor großem, jungem Publikum.

Die launische Forelle hängt plötzlich doch am Haken des Anglers

Die Schüler strömen respektvoll leise herein, besetzen die Stuhlreihen und lassen sich von Claudio Bohórquez erklären, dass sie so tun sollten, als wären sie gar nicht da. Denn es ist ja eine Probe. Aber wenn die Schüler schon mal da sind, erzählt der Cellist dann doch einiges, stellt die Musiker vor, den lustigen Kontrabassisten Nabil Shehata, der schon alles erreicht hat, was ein Kontrabassist auf dieser Erde erlangen kann: Erster Bassist der Berliner Philharmoniker, Professor an der Musikhochschule München. Und das hat ihm alles noch nicht gereicht. Jetzt ist er auch noch Dirigent. Der Bassist nickt schelmisch grinsend, als wäre alles nur Spaß. Einstufungen sind im Augenblick nicht wichtig. Wichtig ist allein die Musik, die sie jetzt machen werden. Claudio Bohórquez will mit der Probe fortfahren. Aber das Gedicht von der Forelle trägt er noch in voller Länge vor: „In einem Bächlein helle, / Da schoss in froher Eil / Die launische Forelle / Vorüber, wie ein Pfeil ...“ Gar nicht lustig ist das Gedicht aus heutiger Sicht. Es endet damit, dass die Forelle als Betrogene am Angelhaken zappelt.

Streicherbögen zucken blitzartig über die Saiten

Die Variationen der Melodie im Forellenquintett sind auch nicht bloß so lieblich und lustig wie die ersten beiden. Es wird furios, dieses Stück, es reißt hin und her, die Streicherbögen zucken blitzartig über die Saiten, und die Blicke der Musiker sind dann auch nicht mehr völlig entspannt.

Die Musiker tragen Freizeitkleidung – es ist eine Probe. Noch ist nicht gar alles vollendet und Pianist Peter Nagy möchte noch einmal die furiose Variation anpacken. Er sieht Steigerungsmöglichkeiten. Er knurrt und röchelt, kneift die Augen, rümpft die Nase, fletscht die Zähne: „Ngra, ngra, ngra ... so muss das klingen.“ Die Schüler schmunzeln und staunen. Zack, spielen die Musiker die Passage noch mal – heftig, zornig, zuckend wie der Fisch am Haken.

Eine Stunde verfliegt im Nu. Die Musiker brauchen den fürstlichen Saal wieder für sich und ihre Musik. Am Mittwoch werden sie das Forellenquintett spielen, zusammen mit einem Sextett von Glinka und mit „L’Invitation au Château“ von Poulenc, der „Einladung aufs Schloss“. Vielleicht kommen Schüler noch an Karten. Vielleicht möchten sie sich das Ganze in Konzertfassung anhören. In vielen Augen steht Begeisterung, als sie den Saal der fürstlichen Kammermusik verlassen.

Junge Ohren

Profi-Musiker, die bei den Konzerttagen Winnenden auftreten, besuchen junge Menschen in der Schule und spielen ihnen Musikstücke aus ihrem Repertoire vor – das ist die Idee der Reihe „Musik für junge Ohren“.