Winnenden

80 Stunden Arbeit für ein Bild: 88-jährige Winnenderin Rosmarie Martin stellt ihre Webarbeiten aus

Künstlerin Rosmarie Martin
Künstlerin Rosmarie Martin vor dem Testzentrum. © ALEXANDRA PALMIZI

Im ehemaligen Geschäft für Herrenbekleidung „Hardy“ an der Marktstraße zeigt die Initiative Stadtmuseum in den Schaufenstern wechselnde Ausstellungen lokaler Künstler. In den Räumen gibt es inzwischen längst keine Hosen und Hemden mehr zu kaufen, dafür befindet sich dort ein Corona-Testzentrum vom Winnender Noah Schäftlmeier. Doch zurück zur Kunst, denn aktuell lohnt es sich, dort eine kleine Pause einzulegen und die Webarbeiten von Rosmarie Martin zu bewundern.

80 Stunden Arbeit für eine Weberei

Vor 70 Jahren beendete die heute 88-jährige Winnenderin ihre Ausbildung an der Meisterschule für Webhandwerk in Sindelfingen. Ihr Gesellenstück, das in der Ausstellung zu sehen ist, hat sie nach einer chinesischen Zeichnung angefertigt: eine Katze, die nach einem Schmetterling greift.

Die aufwendigen, detailreichen Arbeiten von Rosmarie Martin sind vor allem eines: Hingabe an die Schönheit. Dabei sind sie nicht banal, sondern poetisch. Der „persische Garten“ zeigt Blumenbeete, die in eine labyrinthartige Struktur eingebettet sind. Etwa 80 Stunden hat sie an dem Bild gearbeitet, sagt sie. Die Künstlerin verwendet hier, wie auch bei einigen anderen Bildern, Leinfäden. Sehr ungewöhnlich, üblich ist die Verwendung von Wolle. Dabei nimmt Rosmarie Martin immer vier Fäden gleichzeitig. Ähnlich wie beim Druck kann sie aus dem Nebeneinander verschiedenfarbiger Fäden neue Farbtöne erzeugen.

Seit 1953 lebt Rosmarie Martin in Winnenden

Ihr erstes Leingarn hatte sie geschenkt bekommen und damit ihre Versuche auf dem Hochwebstuhl gemacht. Geduld ist eine Voraussetzung für diese Kunst. Und Konzentration. Alle ihre begonnenen Werke hat sie auch beendet. Viele waren Auftragsarbeiten.

Ihr eigenes Lieblingsbild war ein Geburtstagsgeschenk, ein bunter, detailreicher Garten. Er ist in der Ausstellung leider nur auf einer Fotografie zu sehen. Ein besonders prachtvolles Bild zeigt eine Landschaft in der Toskana. Oft tauchen Blumen in üppiger Fülle auf.

Manche Werke entstehen nach Fotos, andere aus dem Kopf. So wie das Bild vom verschneiten Winnender Haselstein. Man erahnt den Zipfelbach im Vordergrund. Die meisten Winnender werden den Anblick des bewaldeten Hügels kennen. Hier wirkt er verträumt und der Zeit entrückt. Die Farbtöne sind zart und reduziert. Eine Melancholie, die reich und schön ist.

Rosmarie Martin (geb. Stahl) wurde 1934 in Adelberg-Kloster geboren, als sie fünf Jahre alt war, zog die Familie nach Stuttgart-Stammheim. 1945 fiel der Vater im Krieg. 1953 heiratete sie Dietrich Martin, der bis 1991 Leiter des Berufsbildungswerkes in der Paulinenpflege war. Sechs Kinder hat das Paar großgezogen. Ebenfalls seit 1953 wohnt sie in Winnenden.

Die 88-Jährige blickt sehr bescheiden auf ihr künstlerisches Werk. Sie will damit nicht viel Aufsehen erregen. Erst in der Nähe wird überhaupt klar, dass es sich um Webarbeiten handelt. Von weitem nimmt der Betrachter eher Gemälde wahr.

Momentan pausiert Rosmarie Martin, denn ihr Werkzeug ist ausgestellt

Die Winnenderin ist sehr heimatverbunden. Manch einer kennt sie von der Rubrik „Auf gut Schwäbisch“ der Stuttgarter Nachrichten.

Die Künstlerin bietet einige Stadtansichten von Winnenden zum Kauf an. Diese Bilder sind seit Ende 2019 entstanden, der Erlös kommt der Renovierung der Stadtkirche zugute. „Eigentlich könnte ich mit dem Weben aufhören“, sagt Rosmarie Martin und fügt freudig hinzu: „Ich will es aber nicht.“

Trotzdem pausiert ihre Kunsttätigkeit gerade. Das Werkzeug ist mit ausgestellt, und ohne das geht nichts. Bis zum 15. September sind die Arbeiten noch zu sehen.

Künstler aus dem Raum Winnenden können sich bei der Initiative Stadtmuseum für eine Ausstellung bewerben, freie Termine gibt es ab Anfang 2023.

Im ehemaligen Geschäft für Herrenbekleidung „Hardy“ an der Marktstraße zeigt die Initiative Stadtmuseum in den Schaufenstern wechselnde Ausstellungen lokaler Künstler. In den Räumen gibt es inzwischen längst keine Hosen und Hemden mehr zu kaufen, dafür befindet sich dort ein Corona-Testzentrum vom Winnender Noah Schäftlmeier. Doch zurück zur Kunst, denn aktuell lohnt es sich, dort eine kleine Pause einzulegen und die Webarbeiten von Rosmarie Martin zu bewundern.

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