Winnenden

Altes Märchen frisch gespielt

ALLERLEIRAUH
Allerleirauh (Sabine Lilienthal) muss den Boden fegen, die Küchenchefin (Felicitas Fassnacht) gibt die Kommandos und die Küchenhilfen schälen, schneiden und walzen im Takt. © Thomas Schlegel

Winnenden. Deutsche „Leitkultur“, lustvoll interpretiert von einer interkulturellen Theatergruppe, die deutsche Worte mit überall gültigen Gesten, Mimik und Pantomime internationalisiert, verständlich für jeden auf der Welt: Das ist „Allerleirauh“, der Stoff eines Grimm’schen Märchens, über den das Freie Theater Winnenden in der Kelter sehr amüsant improvisierte.

Improvisiert deshalb, weil in der einfallsreichen Inszenierung (Regie: Gudrun Obleser) nicht unbedingt Sprache und Stoff der Grimms, Mitbegründer der Germanistik als Wissenschaft, im Mittelpunkt stehen, sondern das, was die Vorlage in den Darstellern auslöst, was die Mimen, darunter auch Migranten, daraus machen. Zwar tragen diese abwechselnd zwischen den Szenen in professoralem schwarzen Anzug und Zylinder die Handlung mündlich vor, aber auch dies nicht unbedingt wortgetreu. Und ohnehin nur als Einleitung in Action-Szenen, die erst das Salz in der Suppe sind. Mit farbenprächtigen Kostümen (Ursula Bodamer, Doris Kunz, Felicitas Fassnacht), vielen Ideen der internationalen Darsteller, was Ausdruck, Wortbetonung, Mimik angeht, und intelligent inszenierten und choreografierten Tanz-Tumulten und Menschenstafetten, in die auch interkulturelle Einflüsse ihren Niederschlag fanden, etwa in orientalisch anmutenden Stockgefechten zweier Jungs aus der arabischen Welt.

Küchenhilfen, Jägersburschen und Weberknechte am Königshof

Da tummeln sich krass kostümierte Bedienstete am Hofe des Königs, die mit absurd überzogener Würde durch die Szenerie schreiten; Küchenhilfen, Jägersburschen und Weberknechte kochen pantomimisch Suppen, schuften am Webstuhl oder knallen Stofftiere ab, bis eine Trillerpfeife Einhalt gebietet; die grotesk gekleideten Hofschranzen, wenn sie beim festlichen Ball zu „Greensleeves“ vom Gitarristen Robert Feit ihre gespreizten Glieder schwenken; und immer wieder gibt es witzige Anklänge an die Medien-Moderne, wenn etwa Arbeiter von Ausbeutung sprechen und sich gewerkschaftlich organisieren wollen oder das Gattinnen-Casting beim König (wunderschön: Kandidatinnen-Karikaturen der Kunststudentin Jolanda Obleser) per Handyfoto abläuft und sich auch auf den Zuschauerraum ausdehnt.

Köstlich, wie sich im Spiel der Multi-Kulti-Mimen, darunter einige aus der Theaterwerkstatt für Flüchtlinge, Urdeutsches und Universelles, Archaisches und Absurdes, Kunst und Klamauk märchenhaft mischen. Titelheldin Allerleirauh, die ganz besonders blonde Prinzessin, trägt einen Tarnmantel aus Tierhäuten. Den hat sie sich von ihrem Vater, dem König, gewünscht, weil der sie heiraten will: Inzest. Kinder raunen „Ooooohh“, wenn der alte König seine eigene Tochter freien will. Ein Tabubruch, wie so oft in den Märchen, aber hier so humorvoll verpackt, dass man drüber lachen und staunen kann.

Noch viele weitere Themen werden in „Allerleirauh“, dessen Thematik an Aschenbrödel erinnert, verhandelt, etwa das alte Thema der Erniedrigung und Demütigung (der Prinzessin als Allerleirauh). Dafür werden hier Menschen aus vielerlei Kulturen mit dem, was die deutsche in ihrem Wesen ausmacht, nicht nur konfrontiert, sondern eher versöhnt, auch beglückt. Wunderschön, wenn der junge Flüchtling als Diener des Prinzen die junge Prinzessin im Wald entführt und in gebrochenem Deutsch sagt „Brauchst du keine Angst haben …“

So klar und deutlich menschenfreundlich kann die deutsche Leitkultur sein, auch bei fremder Satzstellung.

Die Theatermacher

Die Darsteller der drei Aufführungen am Wochenende: Mohammad Ashram; Christine Edlich; Felicitas Fassnacht; Mohammed Hamoud; Frank Hauber; Doris Kunz; Sabine Lilienthal; Fatemeh Rajabi; Suanita Tabakovic.

Das Freie Theater Winnenden ist ein Werkstattprojekt für Menschen, die Freude am Theaterspielen haben. Initiatorin und Regisseurin ist Gudrun Obleser. In dieser Produktion haben Ursula Bodamer, Doris Kunz und Felicitas Fassnacht die Kostüme gestaltet. Benjamin und Robert Feit machten die Livemusik.