Winnenden

Amok-Prozess: Jörg K. unterliegt gegen Klinikum Weinsberg

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Mahnmal für den Amoklauf in Winnenden. © Ramona Adolf

Der Vater des Amokläufers von Winnenden unterliegt gegen das Klinikum Weinsberg: Das Landgericht Heilbronn weist die Zivilklage von Jörg K. auf Übernahme von Schadenersatzforderungen vollumfänglich ab - obwohl nach Meinung des Gerichts die Weinsberger Ärzte und Therapeuten "Behandlungsfehler" begangen haben.

Die 1. Zivilkammer des Landgerichts Heilbronn hat die Klage des Vaters des Amokschützen von Winnenden gegen das Zentrum für Psychiatrie Weinsberg und dessen Mitarbeiter abgewiesen. Der Sohn Tim K. des Klägers erschoss am 11. März 2009 in der Albertville-Realschule in Winnenden und auf der anschließenden Flucht 15 Menschen und verletzte zahlreiche weitere, bevor er sich selbst tötete. Tims Vater Jörg K. wurde deshalb wegen fahrlässiger Tötung strafrechtlich verurteilt: Er hatte die Waffe und Munition, die sein Sohn verwendete, offen und zugänglich aufbewahrt und damit die Tat mitverursacht. Mit seiner Klage machte Jörg K. geltend, das Klinikum und die behandelnden Therapeuten hätten die Hälfte der von den Geschädigten verlangten Schadensersatzforderungen, insgesamt mehrere Millionen Euro, zu tragen. Begründung: Bei der ambulanten Behandlung seines Sohnes in der dortigen Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie zwischen Frühjahr und Herbst 2008 sei es zu Behandlungsfehlern gekommen, die für die Tat mitursächlich gewesen seien.

Das Landgericht Heilbronn hat nun aber entschieden, dass das Klinikum und seine Mitarbeiter nicht neben dem Kläger haften. Zwar habe ein jugendpsychiatrischer Gutachter "Behandlungsfehler" festgestellt. So habe zum Beispiel bei seinem ersten Gespräch in der Klinik Tim K. Wut und Hass auf die Menschheit zum Ausdruck gebracht und erklärt, er habe oft Gedanken, „andere umbringen zu wollen“. Auch von „alle erschießen“ sei die Rede gewesen. Den Therapeuten sei vorzuwerfen, sie hätten nicht ausreichend nachgefragt, insbesondere hätte nach dem Zugang zu Waffen gefragt werden müssen. Außerdem sei keine Sexualanamnese erhoben worden. Und auch ein Persönlichkeitstest sei falsch ausgewertet worden. Es könne aber "nicht angenommen werden, dass diese Fehler mitursächlich für die Amoktat" seien.

Das Gericht findet: Selbst wenn die Behandler fehlerfrei vorgegangen wären, sei zweifelhaft, ob sie "eine von dem Patienten ausgehende erhebliche Gefahr" hätten erkennen können. Es lasse sich "nicht einschätzen, was bei einer intensiveren Befragung herausgekommen wäre". Möglich sei, dass Tm K. dann den Fragen "ausgewichen" wäre oder "unzutreffend geantwortet" hätte. "Konkrete Ankündigungen für eine Tat" habe es nicht gegeben. Auch seien "die zunächst geäußerten Gedanken bei späteren Gesprächen verneint worden". Selbst wenn die Therapeuten konkret nach Waffen gefragt und erfahren hätten, wie hochgerüstet der Haushalt K. war, hätten die Weinsberger daraus nicht folgern können, "dass eine Amoktat im Raume steht". Außerdem bleibe "völlig spekulativ", wie die Eltern - die ihrerseits in denTherapiegesprächen ja ebenfalls nicht die Waffen erwähnt hätten - nach einem Warn-Hinweis durch die Therapeuten "mit dem Thema Waffen weiter umgegangen wären". Hätten sie die Waffen aus dem Haus entfernt? Oder eben nicht? Das lasse sich nachträglich nicht mehr klären.

Fazit des Gerichts: "Die Beweislast für die Kausalität der Behandlungsfehler kann nicht unter dem von der Rechtsprechung entwickelten Gesichtspunkt des ,groben Behandlungsfehlers' umgekehrt werden." Mit anderen Worten: ja, es gab Behandlungsfehler - aber ob sich bei richtiger Behandlung der Amoklauf hätte vermeiden lassen, ist zweifelhaft. Nur wenn es zweifelsfrei wäre, ergäbe sich daraus eine Schadenseratzpflicht.

Noch eine Panne hatten sich die Weinsberger geleistet: Sie schickten den Bericht für die Eltern zur im September 2008 abgeschlossenen Behandlung erst Ende März 2009 ab - alsTim K. bereits tot war! Aber, sagt das Gericht: Auch diese "verspätete Übersendung eines Arztbriefes" habe sich "nicht ausgewirkt", zumal ein Arzt im September 2008 eine Weiterbehandlung Tims mündlich empfohlen habe. Diesem Rat seien die Eltern nicht nachgekommen.

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