Winnenden

Amokprävention: „Die Wachsamkeit lässt nach“

Mahnmal Winnenden Amokjahrestagsberichterstattung ein aktuelles Bild vom Mahnmal.
Das Mahnmal in Winnenden erinnert an die Opfer des Amoklaufs vom 11. März 2009. © Büttner / ZVW

Winnenden/Gießen. Die Kriminologin und Amokexpertin Prof. Britta Bannenberg fürchtet, dass in der Amokprävention die Wachsamkeit nachlässt. Sie wünscht sich mehr Engagement bei der Polizei und in Schulen: „Es ist nicht so, dass nichts passiert. Aber es könnte ein bisschen besser laufen.“

Nach den Terroranschlägen der jüngsten Zeit richtet sich der Fokus eher auf diese Art von Bedrohung, das ist Bannenbergs Beobachtung. Sie fürchtet, dass bei der Amokprävention mehr und mehr Wissen verloren geht. Dem versucht die Wissenschaftlerin, die an der Justus-Liebig-Universität in Gießen eine Professur für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug innehat, entgegenzuwirken. In einer kriminologischen Analyse von Amoktaten haben sie und ihr Team sich intensiv mit einer Kerngruppe von 19 jungen Tätern und deren Taten im Zeitraum von 1992 bis 2013 befasst. In der Persönlichkeit aller 19 Täter – darunter zwei Mädchen – haben die Forscher mehrere Gemeinsamkeiten entdeckt. Es waren stets sonderbare Einzelgänger. Narzisstische und paranoide Züge entdeckten die Forscher, und die jungen Täter waren extrem kränkbar, „aber nicht impulsiv oder aggressiv auffällig“, wie es im Abschlussbericht heißt. Demnach fühlten sie sich oft gedemütigt und schlecht behandelt. Wut, Hass und Rachegefühle bestimmten ihr Handeln. Die jungen Täter verbrachten sehr viel Zeit im Internet, häufig auch mit Ego-Shootern. Sie deuteten im Vorfeld ihre Pläne an und identifizierten sich mit anderen Amoktätern. Nur eine Minderheit wird im Abschlussbericht als psychopathisch bezeichnet. Lediglich ein einziger von zehn Tätern, die noch leben, habe sich von seinen Verbrechen distanziert.

Der Winnender Amoktäter passt in dieses Bild, welches die Analyse zeichnet.

Risikofaktoren möglichst rechtzeitig erkennen

Sinn und Zweck der Studie ist unter anderem, Risikofaktoren herauszufiltern, mittels derer ein potenzieller Amoktäter rechtzeitig vor einer Tat identifiziert werden kann. Woran es aus Prof. Bannenbergs Sicht fehlt, sind Spezialisten bei der Polizei, die genau diese Risikofaktoren im Detail kennen, sie in jedem Einzelfall richtig deuten und entsprechend reagieren (dazu nimmt die Polizeidirektion Aalen im Artikel unten auf dieser Seite Stellung.) Nach der Amoktat in Winnenden seien in ganz Deutschland Jugenddezernenten bei der Polizei geschult worden, welche die Gefährlichkeit eines möglichen Täters gut einschätzen konnten. Im Lauf der Zeit ist Wissen verloren gegangen, beklagt die Professorin. Expertenwissen über Amoktäter und deren Warnverhalten aufzubauen und zu erhalten dürfe aber „angesichts der aktuellen Konzentration auf den islamistischen Terrorismus und wegen der Seltenheit der Tat nicht aus dem Blick geraten“.

„Wer sich auskennt, handelt schneller, besser und ressourcenschonender“, sagt die Professorin und plädiert deshalb für ausgeprägte Spezialisierung. Als „Riesenproblem“ betrachtet es die Kriminologin sowohl bei der Polizei als auch in der Justiz, dass dort erwartet werde, dass Beamte möglichst viele Bereiche kennenlernen: „Es ist zu viel Wechsel im ganzen Getriebe.“

Lehrer tragen in der Amokprävention ebenfalls Verantwortung. Auch an Schulen sieht Britta Bannenberg Verbesserungsbedarf. Lehrer und Eltern hätten Angst, so dass sie die Vorstellung, ihre Schule könnte Schauplatz eines Amoklaufs werden, lieber verdrängen. „Schulen sind nicht so wachsam, wie sie sein sollten“, beklagt die Professorin. Der Münchener Amokläufer, der im Juli 2016 neun Menschen getötet hat, war Schüler. Er hätte auch an einer Schule morden können – und er hätte im schulischen Kontext auffallen können, gibt Britta Bannenberg zu bedenken.

Warnsignale erkennen und Gefahren richtig einschätzen

Einer Amoktat gehen Warnsignale und oftmals Andeutungen sowie meist lange Planungen voraus. In dieser Zeit sind die jungen Männer so besessen von ihrem Vorhaben, dass ihnen Hinweise zu ihren Absichten sozusagen herausrutschen, heißt es im Abschlussbericht. Demnach sagte ein Täter später: „Ich war damals so voll von den Gedanken an Columbine und meine Tat, dass ich aufpassen musste, was ich wann sage. Ich hatte zwei Gesichter: eines für die Mutter und die Schule und eines, da war ich schon der Täter.“

Prof. Bannenberg warnt unterdessen davor, die Gefahren zu unterschätzen, die von erwachsenen Amoktätern ausgehen – „das ist ein Riesenthema“. Seit Sommer 2016 steige die Zahl der Drohungen massiv an – sowohl von jungen potenziellen Tätern wie auch von Erwachsenen. Für den Rems-Murr-Kreis bestätigt das die Polizei allerdings nicht.

Drohungen von impulsiv-aggressiven Personen, die ihrer Wut Luft machen wollen, sind laut der Professorin nicht als vorrangig gefährlich einzustufen. Die Persönlichkeit des Drohenden sei entscheidend für eine Einschätzung. Sehr ernst zu nehmen sei beispielsweise ein zurückgezogener Einzelgänger, der voller Groll ist und Andeutungen macht wie „Ihr werdet schon sehen, Nizza ist nicht mehr so fern.“

Die Professorin will die Bedrohungslage nicht aufbauschen – aber auch nichts beschönigen. Und nun? Müssen wir uns Sorgen machen? – „Manchmal schon.“

Expertenrat

Die Uni Gießen berät zusammen mit dem Aktionsbündnis Amoklauf Winnenden Menschen, die wegen bedrohlicher Äußerungen oder Verhaltensweisen eines Mitmenschen eine fachliche Einschätzung suchen. Seit den Ereignissen in Würzburg, München und Ansbach verzeichnet die Beratungsstelle eine steigende Zahl von Anfragen.

Die Beratungsstelle ist erreichbar unter der Telefonnummer 06 41/9 92 15 71 oder per Mail: sekretariat.bannenberg@recht.uni-giessen.de.

Landesweit gilt die Verwaltungsvorschrift über das Verhalten an Schulen bei Gewaltvorfällen und Schadensereignissen. Darin sind Regelungen zur Vorsorge und zur Bewältigung konkreter Ereignisse getroffen. Jede Schule muss bei der Polizei ihren Rahmenkrisenplan hinterlegen.