Winnenden

Amtsgericht: Radler rammt Fußgänger und muss zahlen

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Waiblingen im Amtsgericht 3
Die Kontrahenten hätten keine Gerichtsverhandlung gebraucht – aber bei schwerer Körperverletzung schreibt das Gesetz eine Strafe vor. Und die setzt das Amtsgericht fest. © Habermann / ZVW
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KOL0403K049 Start in die Zweiradsaison
Radler müssen, wenn die Situation unklar ist, bremsen und gegebenenfalls anhalten. © Zuern / ZVW

Berglen/Waiblingen. Ein Radfahrer hat an Allerheiligen auf dem Waldweg zwischen Buoch und Hößlinswart zwei Spaziergänger gerammt und zu Fall gebracht. Das Verfahren wegen fahrlässiger Körperverletzung ist zwar nun vom Amtsgericht eingestellt worden, weil möglicherweise die Spaziergänger den Unfall mitverursacht haben. Der Radler muss aber 800 Euro an die Kindernothilfe zahlen.

Der 56-jährige Winnender war damals am frühen Nachmittag mit seinem E-Mountainbike unterwegs. An der Stelle, an der das Malheur passierte, geht es leicht bergab. Er dürfte mit Karacho unterwegs gewesen sein, obwohl er vor Gericht das Gegenteil behauptete und auch, dass sein Elektroantrieb auf dieser Passage ausgeschaltet gewesen sei.

Beide Fußgänger hatten keine Zeit zum Reagieren 

Die beiden Fußgänger, die er umfuhr und die als Zeugen aussagten, berichteten, alles sei so schnell gegangen, dass ihnen kaum Zeit zum Reagieren geblieben sei. Der Mann habe von hinten noch „Weg da, ihr Arschlöcher, aus dem Weg!“ geschrien, da habe es Sekundenbruchteile später schon „eingeschlagen“.

Radler behauptet, er habe nicht schnell fahren können 

Der Radler, ein kräftiger Hüne, berichtete, er sei zu dem Zeitpunkt bereits einige Stunden unterwegs gewesen, an dem Feiertag sei er vielen Spaziergängern begegnet, er habe also gar nicht schnell fahren können. Eine Klingel am Rad hat er nicht, er rufe lieber, das wirke mehr.

Spaziergänger wurden vorgewarnt 

Außerdem habe es sich dort um einen Schotterweg gehandelt, die Leute hörten in der Regel das Knirschen der grobstolligen Reifen darauf lange vorher. Er habe zunächst „Achtung, Radfahrer!“ gerufen. Die Spaziergänger, eine Gruppe von zwei Paaren, hätten aber nicht reagiert, daraufhin habe er eben vor sich hingeflucht. Erst auf seinen zweiten Zuruf hin hätten sie sich umgedreht.

Aussagen gehen noch weiter auseinander 

Die Aussage von ihm und den beiden Spaziergängern, die er anfuhr, gingen aber auch zu dem, was dann geschah, weit auseinander. Er habe ganz links vorbeifahren wollen und hätte das eigentlich auch problemlos können, der Weg dort sei mehr als breit genug. In dem Moment habe aber eine der beiden Frauen sich unvermittelt ebenfalls nach links bewegt. Er habe voll abgebremst und sei dabei mit dem Rad auf die Seite gerutscht, habe aber die Frau leider noch erwischt. Dass auch der Mann vor der Frau getroffen wurde, habe er gar nicht mitbekommen, so der Radler.

Fußgänger wurden verletzt 

Die Frau trug Prellungen am Kopf und am Arm davon, bekam später auch Kopfschmerzen, wegen derer sie krankgeschrieben war, der Mann hatte Abschürfungen am Ellenbogen.

Der Radler wollte nach dem Unfall einfach weiterfahren

Erst nach dem Zusammenprall habe er erkannt, warum die Frau einen Satz nach links zur Seite gemacht habe, nämlich wegen ihres freilaufenden Hundes, so der Radler weiter. Er sei in der Folge beschimpft, ja bedroht worden. Weil er nicht habe „reingezogen“ werden wollen, sich auch nicht habe „schlagen“ wollen, sei er wieder aufgesessen, um weiterzufahren. Einer der Spaziergänger lief ihm nach und hinderte ihn entschlossen daran. Die Spaziergänger riefen schließlich die Polizei herbei.

Unterschiedliche Angaben auch von den beiden Opfern 

In der Verhandlung widersprachen sich allerdings nicht nur die Angaben des Radlers und der Spaziergänger, auch die beiden Opfer des Unfalls machten unterschiedliche Angaben zum Hergang, vor allem dazu, wo die Gruppe, wo genau jeder der vier sich zu dem betreffenden Zeitpunkt auf dem Weg befand. Beide Spaziergänger widersprachen aber nachdrücklich der Behauptung des Radlers, ihr Hund sei nicht angeleint gewesen. Auf Nachfrage der Richterin räumten die Spaziergänger ein, dass sie den Radler vor allem wegen seines Verhaltens nach dem Unfall angezeigt hatten: „Der wollte sich einfach aus dem Staub machen.“ Die beiden Paare kommen aus Uhingen und Esslingen. Ob sie so bald wieder mal in Berglen spazieren gehen?

Verhalten des Radfahrers war fahrlässig

Es gebe sich widersprechende Aussagen und die Widersprüche ließen sich im Nachhinein nicht mehr auflösen, so der Verteidiger. Er beantragte daher, das Verfahren einzustellen und es bei einer Geldauflage für den Angeklagten zu belassen. Es bleibe zweifelhaft, wer den Unfall letztlich verursacht habe.

Das sehe er auch so, auch wenn klar sei, dass der Radler habe darauf achten müssen, „dass er da ohne Gefahr durchkommt“, so der Ankläger, Einstellung und Geldauflage zustimmend. Auch sie sehe die Unsicherheit bei der genauen Unfallursache, doch die Fahrlässigkeit des Radlers sei eben unstrittig, betonte die Richterin: „Der hat die größere Sorgfaltspflicht und muss im Zweifelsfall eben anhalten.“ Sie sei einverstanden mit der Einstellung, verbunden mit einer Geldauflage für den Radfahrer. Sein Verhalten müsse eine angemessene Strafe nach sich ziehen.

Der Radfahrer hatte zuvor einem Strafbefehl über 30 Tagessätze à 35 Euro widersprochen, deswegen ging die Sache vor Gericht. Er entschuldigte sich nach Ende der Verhandlung bei den Spaziergängern mit Handschlag, der allerdings nicht von allen vier akzeptiert wurde.