Winnenden

Amtsgericht Waiblingen: Frau wirft gewalttätigem Ex-Freund Vergewaltigung vor - Richter zweifelt

C66A0172
Symbolfoto. © Benjamin Büttner

Ein 23-Jähriger aus dem Raum Winnenden muss wegen vorsätzlicher Körperverletzung für neun Monate ins Gefängnis – und ist damit einer deutlich höheren Strafe entgangen. Die Staatsanwaltschaft sah sich nach der Hauptverhandlung am Amtsgericht Waiblingen in ihrer Anklage bestätigt, der Mann habe seine Freundin nicht nur geschlagen und getreten, sondern auch vergewaltigt. Für das Schöffengericht um Richter Kärcher hingegen überwogen die Zweifel – trotz der „glaubwürdigen“ Schilderungen des Opfers.

Nach einem Jahr Beziehung geht sie zur Polizei

Die 22 Jahre alte Frau aus dem Rems-Murr-Kreis hatte sich erst im September 2021, einige Wochen nach dem Ende der rund einjährigen Beziehung zu dem jungen Mann, zur Polizei getraut. Dass sie es überhaupt so lange mit dem eifersüchtigen, oft betrunkenen und mehrfach für Gewaltdelikte vorbestraften Mann ausgehalten hat, ist für Außenstehende schwer zu begreifen.

Vor Gericht schildert sie, wie sie fast die gesamte Beziehung über regelmäßig beleidigt, gedemütigt und geschlagen worden sei – aber eben auch verliebt gewesen. Einmal, im März 2021 in den Weinbergen über Winnenden, habe ihr Partner so heftig zugeschlagen, dass ihre Nase brach. Doch sie schützte ihn und gab im Krankenhaus an, sie sei gegen eine Schranktür gelaufen.

Erst nach der Trennung fand die junge Frau die Kraft, sich zunächst ihren Eltern und dann der Polizei zu offenbaren. Dort zeigte sie dann neben dem Schlag auf die Nase (und vielen weiteren Übergriffen und Beleidigungen, die nicht in die Anklageschrift eingeflossen sind) auch eine Vergewaltigung an. Diese soll sich ihrer Darstellung nach bereits im August 2020, also schon wenige Wochen nach Beginn der Beziehung, ereignet haben.

Das Paar verbrachte damals mit Freunden einen Kurzurlaub in einem Ferienhaus im Allgäu. Am Abend wurde getrunken und gekifft. Irgendwann kippte die Stimmung – vermutlich, weil der eifersüchtige Mann erfuhr, dass seine Freundin vor ihm losen Sex mit anderen gehabt haben soll.

Auf dem Zimmer eskaliert die Situation

Später, auf dem gemeinsamen Zimmer, so berichtet es die 22-Jährige, habe er sie als „Schlampe“ beschimpft. Sie sei schuld daran, dass er sich in seiner Wut einen Zahn am Glas abgebrochen habe. Dann wurde der Mann gewalttätig, zum ersten Mal in der noch jungen Beziehung. Er habe sie mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen und so heftig in den Bauch getreten, dass sie gegen die Wand gekracht sei. Anschließend habe er sie unter Druck gesetzt, mit Gewalt gedroht und damit, sie zu verlassen.

Kurz darauf habe er in vulgären Worten Analsex von ihr gefordert. „Wenn er das nicht darf, werde ich schon sehen, was er mit mir macht“, berichtet sie im Zeugenstand.

Sie habe die Schmerzen ertragen und die ganze Zeit geweint

Sie habe die ganze Zeit über geweint und gesagt, sie wolle das nicht – es schließlich aber über sich ergehen lassen. Ob sie sich die Hose selbst heruntergezogen habe, wisse sie nicht mehr. Bei der Polizei hatte sie das so ausgesagt. Anschließend habe sie auf dem Bauch liegend stillgehalten, die Schmerzen ertragen, geweint, sich nicht gewehrt bis zum Samenerguss des Freundes. Am nächsten Tag seien sie abgereist. Den anderen im Haus habe sie nichts von dem Vorfall erzählt.

Ob sie an jenem Abend viel getrunken habe, fragt der Richter. Nein, sagt die Zeugin. Gekifft? Dazu verweigert sie die Aussage. Auf die Frage des Verteidigers, ob in der Beziehung Analsex praktiziert worden sei, sagt sie: davor noch nie, danach schon.

Die junge Frau, die als Nebenklägerin auftritt, spricht im Zeugenstand gefasst, mit fester Stimme. Den Blick hält sie geradeaus gerichtet, am Angeklagten und dessen Verteidiger vorbei. Auf den Antrag, die Öffentlichkeit auszuschließen, verzichten sie und ihre Anwältin.

Der Angeklagte sagt nur hinter verschlossenen Türen aus

Anders zuvor der Angeklagte: Als er seine Version des Vorfalls schildert, geschieht das hinter verschlossener Tür, aus Rücksicht auf seine Intimsphäre. Einem entsprechenden Antrag des Verteidigers nach Paragraf 171 Gerichtsverfassungsgesetz hat das Schöffengericht stattgegeben.

Erst aus der Urteilsbegründung durch Richter Kärcher geht hervor: Der Angeklagte hat die Gewalt gegen seine Ex-Freundin teilweise eingeräumt, den Analsex in seiner Vernehmung aber als einvernehmlichen „Versöhnungssex“ dargestellt. Das, so Richter Kärcher, sei „an den Haaren herbeigezogen“, eine „Darstellung, die sicherlich nicht der Wahrheit entspricht“. Und doch: Eine Vergewaltigung sei dem Angeklagten nicht sicher nachzuweisen. Weil die Zeugin nicht zugeben wollte, gekifft zu haben, blieben Zweifel, ob sie überhaupt in der Lage gewesen sei, ihm klarzumachen, dass sie den Sex nicht wollte. Da sie sich die Hose vermutlich selbst heruntergezogen und sich nicht gewehrt habe, sei das für ihren Freund womöglich nicht erkennbar gewesen. Hinzu komme, dass es in der Beziehung, die noch fast ein Jahr lang andauerte, zwar zu Gewalt gekommen sei, aber: „Wenn beim Angeklagten die Neigung bestanden hätte, seine Strafaktionen auch aufs Sexuelle auszudehnen, hätte es weitere solche Übergriffe gegeben“, argumentiert Richter Kärcher.

Verurteilt wird der Angeklagte schließlich zu neun Monaten Freiheitsstrafe wegen der Gewalt in der Ferienwohnung und in den Weinbergen. Richter Kärcher bescheinigt ihm ein „massives Gewaltproblem“. Die Taten fallen noch in die Bewährungszeit für einen brutalen Angriff auf einen jungen Mann 2019 in Leutenbach.

Letztes Wort: "Ich würde so etwas nie machen"

Weil die Öffentlichkeit zuvor ausgeschlossen worden war, sind auch die Plädoyers hinter verschlossenen Türen gehalten worden. Was der Verteidiger forderte, ist also nicht bekannt – dieser beruft sich gegenüber unserer Redaktion nach der Vernehmung auf die Schweigepflicht. In seinem öffentlichen letzten Wort vor der Urteilsbegründung hatte der Angeklagte gesagt: „Ich habe sie niemals vergewaltigt und ich würde so etwas auch nie machen.“

Staatsanwältin Hartmann hatte in ihrem nichtöffentlichen Plädoyer nach Auskunft der Staatsanwaltschaft Stuttgart eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten gefordert – wegen Vergewaltigung und vorsätzlicher Körperverletzung. Rechtskräftig ist das Urteil noch nicht. Die Pressestelle der Staatsanwaltschaft teilt auf Nachfrage mit: „Die Einlegung von Rechtsmitteln wird derzeit geprüft.“ Es ist also gut möglich, dass die Staatsanwaltschaft in Berufung geht und der Fall vor dem Landgericht Stuttgart noch einmal aufgerollt wird.

Lesen Sie hier einen Kommentar von Sebastian Striebich.

Ein 23-Jähriger aus dem Raum Winnenden muss wegen vorsätzlicher Körperverletzung für neun Monate ins Gefängnis – und ist damit einer deutlich höheren Strafe entgangen. Die Staatsanwaltschaft sah sich nach der Hauptverhandlung am Amtsgericht Waiblingen in ihrer Anklage bestätigt, der Mann habe seine Freundin nicht nur geschlagen und getreten, sondern auch vergewaltigt. Für das Schöffengericht um Richter Kärcher hingegen überwogen die Zweifel – trotz der „glaubwürdigen“ Schilderungen des

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper