Winnenden

Anwohner am Adlerplatz contra Jugendliche: Klagen übers Kreischen und Kicken

Jugend_Adler
Blick auf den Platz am Nachmittag des 12. März. Maske trägt sichtbar nur einer. Gesichter hat unsere Zeitung durch Verpixeln unkenntlich gemacht. © Privat

Das Markthaus vereint auf engstem Raum viele Nutzungen: Über zwei Tiefgaragenebenen befinden sich Geschäfte, Lokale und darüber Wohnungen. Zwischen den Geschäften und der Kreissparkasse liegt der Adlerplatz. Auf ihm steht eine Bank. Die Stadt ist Miteigentümerin am Gebäude, die Stadtbücherei ist dort untergebracht, und sie hat öffentliche Stellplätze in der Tiefgarage bezahlt. Der Adlerplatz ist öffentlich gewidmet, genauso wie die Treppe zur Entengasse hinunter. Es ist ein ruhiges Wohnen, abgeschirmt vom Autoverkehr. Hier und da mal ein Fest in der Stadt, das laut wird, oder die Stimmen der Gäste auf den Caféplätzen – natürlich nicht im Coronajahr. Da war's ruhiger als sonst, sollte man meinen.

War es aber nicht. Seit Monaten, vor allem im vergangenen Corona-Sommer und jetzt wieder im aufkommenden Frühling, treffen sich Jugendliche auf dem Platz und in der Tiefgarage. Wenn sie sich nicht normal unterhalten, sondern einander zurufen oder eine emotionale Äußerung laut gerät, hallt das zwischen den Häuserwänden extrem laut. Im Sommer forderten Anwohner und Gemeinderäte von der Stadt, hier Einhalt zu gebieten (wir haben am 10. Juli berichtet).

Ende Februar wurden erneut Klagen öffentlich. Wir von der Zeitung waren vor Ort und fragten rundherum. Was genau stört? Liegen Straftaten vor? Wo könnten sich die Jugendlichen stattdessen treffen, wenn nicht auf dem Adlerplatz? Wie könnte eine Lösung des Konflikts aussehen?

Anwohner: Die Partyszene wächst seit zwei Jahren

Ein Anwohner (sein Name ist der Redaktion bekannt) berichtet unserer Zeitung nach der Eigentümerversammlung am 25. Februar: „Es musste erneut die Polizei gerufen werden, es haben etwa 30 Krawallbrüder und -schwestern rücksichtslos auf dem Adlerplatz mit drei Fußbällen gleichzeitig Fußball gespielt.“ Die nehmen die jungen Leute aus dem Verkaufskorb vor dem Müller-Markt. Wer Pech hat, bekommt einen der orangefarbenen Plastikbälle an den Kopf. „Jeden Freitag und teilweise Dienstag gibt es Ärger mit denen - dieser Zustand ist nicht länger tragbar.“ Der Mann betont, dass er nicht für alle Bewohner spreche, aber für einige. Er lebt seit sieben Jahren hier, seit etwa zwei Jahren sieht er „hier die nächste Generation der ,Partyszene’ heranwachsen.“ Er möchte mit seinen Berichten auch deshalb anonym bleiben, weil er schon ausgelacht, aber auch wüst beschimpft wurde, als er von 50 Versammelten ein Foto machte. Eine Nachbarin, die „vernünftig reden wollte, wurde beleidigt“, erzählt der Mann, einer fand später Eier, die jemand auf seinen Balkon geschmissen hatte.

Jugend: Chilliger Treffpunkt für 13- bis 17-Jährige

Am Freitag, 19. März, spricht die Winnender Zeitung Jugendliche auf dem Adlerplatz an, es ist 19 Uhr. Fünf Minuten vorher war ein Polizeiauto einmal über den Adlerplatz gefahren. Dann kommen die Kinder aus allen Richtungen bei der Bank vor dem Rewe zusammen. „Wir treffen uns seit zehn Jahren hier“, sagt ein Mädchen. Ein Junge, 14, findet es schön im Winnender Zentrum: „Die Läden hier, keine Autos, es ist echt chillig.“ Andere stimmen ihm zu, werfen ein, dass sie ihren Treffpunkt „der Adler“ nennen und ihre Clique „NN364“. „Wir sind 13 bis 17 Jahre alt“, erzählt ein weiteres Mädchen, das später noch den Bus nach Hause nehmen wird. Ein anderes, 13 Jahre alt, sagt: „Ich wohne in der Stadt, zu Hause ist es derzeit so langweilig. Sonst gehen viele von uns auch gerne ins Jugendhaus.“ Wegen der Pandemie musste es immer wieder zumachen. „Im Winter sind wir bis 20, 21 Uhr hier, im Sommer bis 22 Uhr“, sagt das Mädchen. Ein Junge spielt in der Zwischenzeit mit einem orangefarbenen Plastikball vom Drogeriemarkt, kickt ihn ab und zu über die Köpfe seiner Kumpels ans Rewe-Schaufenster. Die Jugendlichen zeigen nach oben zu einem Balkon. „Der Mann filmt uns.“ Jemand ruft: „Die Polizei kommt.“ Fast alle verschwinden in alle Richtungen. Die Polizei kommt nicht. Eine Jugendliche bleibt. Warum rennen alle weg? „Wir wollen keine Strafe haben“, sagt sie. Und: „Corona macht die Welt kaputt“, dann verdünnisiert auch sie sich, entweder woandershin in die Stadt, oder um kurz danach wiederzukommen.

Das „Phänomen“ ist besonders stark am Adlerplatz, gleichwohl aber auch vor dem Rathaus und am Marktplatz zu finden. Am Dienstag, 16. März, gegen 20 Uhr rennen (ganz andere, ältere) Mädchen durch die Schlossstraße, eine kreischt dabei, nach wenigen Sekunden ist es wieder still. Auf dem Marktplatz sitzen zwei auf einer Bank, an der Maurer-Ecke stehen zwei junge Leute zusammen und reden, an der Bank vor dem Rewe sitzen und stehen fünf Mädchen und unterhalten sich ruhig. An der Treppe zwischen Müller-Markt und Kanalstraße wird’s plötzlich laut, Jungs schreien „Lol, Alter“, „Pussys“ und noch ein richtig derbes Schimpfwort in die Nacht, was auf eine vorbeilaufende Gruppe Mädchen hindeutet. Nach nicht einmal einer Minute ist es wieder ruhig. Etwa acht Jugendliche sind in der oberen Tiefgaragenebene, zwei kicken mit einem Müller-Ball. Draußen ist es längst dunkel, hier brennt Licht. Zwei Jungs laufen zur Treppe und grüßen.

Polizei: 65 Anzeigen in einem Jahr, davon elf Diebstähle

Die Pressesprecherin der Stadt fasst zusammen, was seit Juli geschehen ist, als Stadträtin Bettina Jenner-Wanek sich über „Rambazamba“ durch Jugendliche zwischen Schulschluss und Ladenschluss sowie zunehmende Vermüllung in der Schlossstraße und auf dem Adlerplatz beschwert hatte. „Das Thema wurde innerhalb der Verwaltung an mehreren Stellen angegangen“, so Rehberger. In der Eigentümerversammlung am 25. Februar habe man sich darauf verständigt, die Tiefgarage einmal pro Abend von einem Sicherheitsdienst bestreifen zu lassen, der ungebetene Besucher aus der Tiefgarage verweist. Die Tiefgarage wird (schon seit längerem) um 22 Uhr geschlossen.

Auf dem Adlerplatz hat die Polizei zu kontrollieren, in den vergangenen Monaten wurden laut Rehbergers Recherchen allein im Bereich Adlerplatz etwa 15 Verstöße gegen die geltenden Coronaregeln mit Bußgeldern in Höhe von bis zu 150 Euro geahndet. Hier haben die Behörden durchaus gehandelt. „Inzwischen schaut täglich eine Streife auf dem Adlerplatz vorbei“, so Polizeirevierleiter Andreas Lindauer. Er führt am Telefon aus, dass insgesamt 65 Anzeigen im zurückliegenden Jahr registriert sind. Wegen Ruhestörung, Randalierens, wegen Betrunkener und Bettelei und wegen „Unfugs“, also Ordnungswidrigkeiten. 19 Delikte von diesen 65 sind schlimmer, gelten als Straftaten: „Elfmal Diebstahl, dreimal Hausfriedensbruch, also wenn jemand nach einem Diebstahl eigentlich Hausverbot hatte, und trotzdem das Geschäft wieder betreten hat, und einmal Körperverletzung.“

Werden auch Drogen gehandelt oder konsumiert, wie ein Anwohner behauptet? „Straftaten wurden nicht registriert, aber wir konnten durch hinterlassenen Unrat in der Tiefgarage feststellen, dass da mal jemand gekifft haben muss.“ Nicht alles geht auf die gleiche Gruppe zurück, verweist Lindauer vorsichtig auf die Suchtklinik am Schloss und das Jugendhilfe-Internat hin. „Dadurch ist Winnenden in einer besonderen Situation.“ Er betont jedoch: „Auch wenn die jungen Leute ein Problem für die Anwohner darstellen – der Adlerplatz ist kein Kriminalitätsschwerpunkt.“ Er sieht „Pubertiergehabe“, dass sich die Heranwachsenden mal rumbalgen, schreien, Blödsinn machen, provozieren, „vielleicht ein bissle wilder sind als andere“. Doch er kann sich auch in die Jungen hineinversetzen. Wo sollen sie hin? Wo stören sie nicht? Oft erreichen die Polizei auch Beschwerden aus der Nähe von Bolz- und Spielplätzen ... „Es gibt Anständige unter den Jungen und Schlamper. Aber man kann sie nicht einfach abschalten“, sagt Andreas Lindauer.

Bürgermeister Sailer: „Ich wünsche mir einen Dialog“

Am Telefon äußert sich auch Bürgermeister Norbert Sailer ganz ähnlich wie der Polizeichef. „Ich selbst streife immer wieder da herum, habe auch schon direkt mit einigen gesprochen.“ Jüngst hat er sich intensiv über das Thema mit Stadtjugendreferat und Mobiler Jugendarbeit, fünf Gemeinderäten und der Jugendsachbearbeiterin des Polizeireviers Winnenden, Monika Epple, unterhalten. Was ist das Fazit der Runde? „Wir wünschen uns einen gesellschaftlichen Dialog, der ein gutes Miteinander herstellt. An dem Gespräch sollen die Anwohner, die Jugendlichen, Jugendgemeinderäte und Mitarbeiter unserer mobilen Jugendarbeit teilnehmen.“

Viel wäre gewonnen, wenn das Haus der Jugend wieder öffnen könnte und die Mitarbeiter an die Jugendlichen rankämen. Aber weder kann Sailer erkennen, dass die Beschuldigten etwas anstellen, noch kann er sie einfach eines öffentlichen Platzes verweisen. „Sie haben das gleiche Recht wie Ältere, sich zu treffen. Der Unterschied ist nur, dass sie ein Dösle austrinken und damit kicken. Die anderen sind willkommene Gäste eines Lokals.“

Dazu komme die „alterstypische Art, sich zu äußern“. Für die Jungen um die 16 sei es Neckerei, Ältere seien irritiert über Lautstärke und Ausdrücke, wunderten sich über den Umgang. „Diese Geräusche gehören aber zum öffentlichen Raum, vor allem tagsüber.“ Wer sich in seiner Arbeit gestört fühle, möge die Grüppchen bitten, weiterzugehen, „die haben doch dafür Verständnis“, meint Sailer. Geht es um nächtliche Ruhestörung oder Sachbeschädigung oder mehr, sollen Anwohner aber selbstverständlich die Polizei rufen. „Ich denke, die Belastungen aller sind coronabedingt hoch: Die einen sind immer daheim, die anderen halten es daheim nicht aus.“

Das Markthaus vereint auf engstem Raum viele Nutzungen: Über zwei Tiefgaragenebenen befinden sich Geschäfte, Lokale und darüber Wohnungen. Zwischen den Geschäften und der Kreissparkasse liegt der Adlerplatz. Auf ihm steht eine Bank. Die Stadt ist Miteigentümerin am Gebäude, die Stadtbücherei ist dort untergebracht, und sie hat öffentliche Stellplätze in der Tiefgarage bezahlt. Der Adlerplatz ist öffentlich gewidmet, genauso wie die Treppe zur Entengasse hinunter. Es ist ein ruhiges Wohnen,

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 6,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 83,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper